„Mein lieber Ehrhardt!
„Da ſage Einer, daß es nicht noch Wunder gibt! oder beſſer, nein, es gibt keine Wunder mehr, denn Dinge ſo unerwartet und ſeltſam, wie man ſie nur in Ro⸗ manen findet, geſchehen deunoch hin und wieder in der Wirklichkeit. Jedem geht es zwar nicht ſo gut! Was thäte ich wohl, wenn es mir paſſirt wäre? Der bloße Ge⸗ danke möchte mir meine ſo viel geprieſene Ruhe rauben. Doch damit Du nicht denkſt, es ſei mein Kopf nicht mehr auf der richtigen Stelle und ich ſei plötzlich ſchwach gewor⸗ den, daß ich in ſo nutzloſes Schwatzen verfalle, ſo höre denn gleich in kurzen Worten die Wundermähr: Deiner Cou⸗ ſine Regine iſt plötzlich eine Erbſchaft von mindeſtens einer halben Million— ſo ſagen die Leute, ich denke ſie wird ſich auch wohl mit etwas weniger beruhigen— zugefallen. Aus den Wolken 2 Beinahe ſo, denn keine Seele hat geahnt, daß noch ein alter Onkel, der als ganz junger Mann das Vaterland verließ, um über dem Ocean das Glück zu ſuchen—(ſcheint es gefunden zu haben) bis jetzt unter den Lebenden geweilt hat. Nie⸗ mals hat er eine Kunde von ſich gegeben, als nun dieſe klangvolle, goldene.
„O Ehrhardt, warum waren Deine und Regine's Mutter Stiefſchweſtern, nur Stiefſchweſtern? Warum trägſt Du nicht denſelben Namen wie ſie— oder ſie den Deinen? Warum konnte der alte Kauz dort in Amerika nicht noch ein wenig länger leben, bis— Eine ganze Fluth von Warums könnte noch folgen, wenn ich ſie nicht mit Gewalt zurückdrängte. Faſt fürchte ich, die halbe Million wird eine zu ſchwere Laſt ſelbſt für Deine thatkräftige, umſichtige Baſe, und wenn ſich auch genug gutmüthige, edle Seelen bereit finden werden, ihr die Bürde tragen und erleichtern zu helfen, ſo weiß ich doch, daß ich es nur Einem gönnte, die ſüße Laſt zu theilen. Ich könnte mit dem alten Nabob zanken und würde es thun, wenn er ſich nicht die Freiheit genommen, ſich
meiner gerechten Strafpredigt durch den Tod zu ent⸗ ziehen; ich könnte mit Regine zanken, wenn ſie das Ganze nicht wieder in ihrer wohlbekannten hübſchen Weiſe auf⸗ nähme, die ſo fern von Uebermuth als Sentimentalität, die ſo„gerade recht“ iſt. Mit der ganzen Welt möchte ich zanken, aber am meiſten mit Dir— denn mir iſt, als ſei Dir ein himmelſchreiendes Unrecht geſchehen, oder Du habeſt es Dir ſelbſt zugefügt und die Erbſchaft werde Dir vor der Naſe weggeſchnappt.
„Regine wird in Begleitung ihrer Tante nach New⸗ York reiſen, wo ſie bei einem großen Handelshauſe die Erbſchaft in Perſon übernehmen ſoll. Auch wieder ſo eine Grille von dem Nabob. Und wenn Du nun klug und vernünftig biſt, Ehrhardt, ſo kommſt Du her und begleiteſt die Damen dorthin. Die Tante ließ nicht un⸗ deutlich merken, wie gern ſie Deine Begleitung haben würde, und biſt Du nicht ihr rechtmäßiger Beſchützer? Regine ſagte zwar mit der ihr eigenthümlichen Be⸗ ſtimmtheit, daß ſolcher Wunſch ein ſelbſtſüchtiger und der Plan unausführbar ſei; es würde Dich Deiner Pflicht abwendig machen und. Dir in den Augen Deiner Gemeinde unfehlbar ſchaden, wenn Du ſobald nach Deiner Einführung ſchon Dein Amt auf eine nicht kurze Zeit verließeſt. Aber trotz aller entſchiedenen Zurück⸗ weiſung glaube ich dennoch, ſie wünſchte, Deine Pflicht wäre nicht Deine Pflicht. Sollte kein Stellvertreter für Dich zu finden ſein? So ſehr ich wünſchte, Du ſtändeſt Deinen Verwandten rathend und ſchützend zur Seite, und ich weiß, Du biſt wohl erfahren in dergleichen Dingen,— ſo hoffte ich noch mehr und Beſſeres von dieſer Reiſe; es möchte Euer Zuſammenſein Mißver⸗ ſtändniſſe beſeitigen und ein Glück anbahnen, das wahr⸗ lich mehr werth wäre als die ganze halbe Million.
„Ehrhardt, Du weißt, ich dränge mich nicht in Ge⸗ heimniſſe, ich gebe ſelten, wohl nie unaufgefordert Rath; aber es iſt mir, als müſſe eines Freundes Stimme Dir
lied meine ich,
Feuilleton.
—&d
Die Schlummer⸗Polka. V
Ein Beitrag zur Muſik der Gegenwart.
Die Straße hat ihre eigenen Melodien. Nicht das Volks⸗ welches einen unendlich vornehmeren Rang behauptet und nicht das Eigenthum, ſondern das Concert der
und Andere reizt, häufig ſind ſie auch der Ausdruck, den dieſer
mutterwitzige Diplomat Gedanken verleiht, die nicht deutlicher
ausgefprochen werden dürfen. Was auch immer in der Oeffent⸗ lichkeit ſich begibt, nichts wird ohne jene begleitende Melodie
geſchehen; kein Poliziſt kann verhöhnt, keine Laterne eingeworfen
werden ohne dieſe Muſik, die ſtets der Schlachtgeſang, wenn auf
Straße iſt, welches mit Bewußtſein und Genuß geſungen wird. der Gaſſe gehauen wird, daher auch die Bezeichnung„Gaſſen⸗
Jene kurzen Weiſen ſind es, die auf dem Pflaſter liegen und
warten, bis ſie wieder ein paar Schritte mitgenommen werden,
und ſo von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt weiter wandern. Sie ſind niemals harmoniſch in ſich abgeſchloſſen, ſondern erſchei⸗ nen wie ein abgeriſſener Einfall, der einem plötzlich beim Gehen kommt, und den man gedankenlos in die Luft wirft; ihr einziger Charakter iſt der der Bewegung, darum haben ſie alle das Marſch⸗ tempo gemein, und darum werden ſie auch urſprünglich alle gepfiffen, ſie ſind mehr auf die Füße, als auf das Herz berechnet. Wie der wandernde Geſelle, der gefühlvolle Musketier und die zu Höberem geborene Köchin mit beſonderer Vorliebe zu dem ſentimentalen Volksliede hinneigen, ſo iſt der Schuſterjunge, dieſer übermüthige Realiſt des Marktplatzes, der Repräſentent jener kecken Straßenmelodien, ſie ſind ſeine Marſeillaiſe, mit der er ſich
hauer“ ſchon dem Wortlaute nach auf ſie paßt. Der Text iſt nebenſächlich und immer von ſpäterem Datum, er entſteht nur, weil Lieder ohne Worte für ſolche Bedürfniſſe zu unkörperlich ſind, und weil man eine Melodie, welche man pfeift, auch ſingen will; wie er entſteht— es iſt leichter, dem Urſprunge des Nibelungen⸗ liedes nachzukommen, „Schmeißt ihn'raus, den Juden Itzig!“ habe ich in den kleinſten,
außerhalb aller Poſt⸗ und Eiſenbahn⸗Geographie belegenen Dör⸗
fern von den kleinſten flachshaarigen Zukunftsmuſikern lallen
hören, die noch kein ſchulmeiſterlicher Cultur⸗Stock beleckt hatte.)
Millionen haben das geſungen, die niemals eine Actie und nie die Bank eines Theaters beſaßen. Aber auch der Gebildete kennt nur die Quelle der Melodie, und weiß, daß es die Introduction zum„Actienbudiker“iſt, ſo wie, daß Conradi dieſes zündende Polka⸗
als hierüber Forſchungen anzuſtellen.—
zurufen einem fad lichen wie Du
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