— V. Jahrg.
ilde
Dritte
folge.
Novellen-Zeitung.
Ein heſiegtes Vorurtheil.
Novelle
von Sophie Verena.
(Fortſetzung.)
Tobend und heulend fuhr der Wind um das einſame
Pfarrhaus. Die alten Föhren, welche ſeitwärts ſtanden, knarrten und ächzten; die hohen Linden, die es im Som⸗ mer umgrünten und ihm ſchönen kühlen Schatten verliehen, ſchlugen mit den kahlen Aeſten gegen die Fenſter, und der nicht ferne See ſchäumte und rauſchte vom Sturme ge⸗ peitſcht in ungewöhnlichem Aufruhr. Das Klagen und Toben von außen her drang in das warme, helle Zimmer und machte den Zuſtand der Behaglichkeit den Bewohnern heute an dem unfreundlichen Abende doppelt fühlbar. Eine ältere Frau ſaß fleißig ſpinnend unweit des Kamines; ihr zur Seite hatte ein junges Mädchen Platz genommen,
das, mit einer Näharbeit beſchäftigt, die weißen Finger em- ſig rührte und ſich ſelten in das Geſpräch miſchte, welches von der Mutter und dem jungen Manne, der das Zimmer
mit eiligen Schritten durchmaß, geführt wurde. Die beiden Frauen, in tiefe Trauer gekleidet, waren
die Witwe und die Tochter des vor einigen Wochen ver⸗
ſtorbenen Predigers, und in dem Manne erkennen wir Ehrhardt, den Nachfolger deſſelben. Für den Augenblick herrſchte eine tiefe Stille in dem Raume, die nur durch das Heulen des Sturmes und das einförmige Ticken der Schwarzwälder Uhr geſtört wurde; endlich unterbrach Ehr⸗ hardt das Schweigen, indem er ein früher begonnenes Ge⸗ ſpräch fortzuführen ſchien.
„Wüßte ich doch, wodurch ich meine Worte bekräftigen ſoll, um Ihnen die Ueberzeugung zu verſchaffen, daß es
mir Ernſt mit meinem Anerbieten, verehrte Frau! Ich kann nur ſtets von Neuem wiederholen, daß Ihre Anweſenheit im
Hauſe mir nicht nur nicht hinderlich iſt, ſondern daß ich es als eine Vergünſtigung betrachten würde, wenn Sie
einwilligten, die rauhe Jahreszeit hier abzuwarten und erſt
beim Beginnen des Frühlings den Umzug in die neue Hei⸗ math zu unternehmen. Mir ſcheint, als wenn ich der Empfangende, nicht der Gebende ſei, ich muß mich Ihnen verpflichtet fühlen, wenn Sie ſo freundlich wie bisher für
mich ſorgen und mir geſtatten, in den langen Winterabenden
zuweilen einige Stunden in Ihrer Geſellſchaft zuzubringen.
Denken Sie nur, wie leer und öde mir das alte, große
Pfarrhaus erſcheinen würde, wie einſam ich mich fühlen
müßte, nachdem ich aus einem fröhlichen, geſelligen Kreiſe ſo plötzlich hierher verſetzt worden bin!“
Es ſprach etwas ſo Biederes und Ueberzeugendes aus den Worten, dem Weſen des jungen Mannes, daß die letz⸗ ten Bedenken der würdigen Matrone beſeitigt wurden, und ſie endlich ihre Einwilligung zum Bleiben gab. Ein hel— les Roth der Freude übergoß das ſtille, blaſſe Antlitz der Tochter bei dem Gedanken, daß noch eine Spanne Zeit vor ihr lag, ehe ſie von dannen zu ziehen brauche. Das alte, theure Vaterhaus, das ſie beſchirmt ſeit ihrer frühſten Kindheit, welches ſie nie verlaſſen, welches Zeuge ihrer
Freuden, ihres Glückes, ihres erſten großen Schmerzes ge⸗ weſen war; das ihr jetzt zweifach theuer war um der Erinnerung willen, die aus allen Plätzen von dem ge⸗ lürſten Vater erzählte! O, die wonnige Gewißheit, daß ſie noch länger unter dem lieben Dache weilen dürfte, daß ſie noch einmal den Frühling aus den Bergen hernieder⸗ ſteigen ſehen ſollte! Es lag ein ſolcher Freudenglanz auf dem Geſicht des jungen Mädcheus, daß Ehrhardt, deſſen Auge ſie zufällig ſtreifte, ſich zum erſten Male bewußt wurde, ſie ſei hübſch, wenn ſie nicht ſo blaß ausſähe, und ſeinen Blick mit einem gewiſſen Antheil länger auf ihr ruhen ließ. Das immer wachſame Mutterauge hatte den Ausdruck angenehmer Ueberraſchung bemerkt, mit dem der junge Mann ihren Liebling muſterte, und o, verzeiht es einem ſo treuen, liebenden Mutterherzen, wenn plötzllich, halb unbewußt, eine Ahnung hindurchflog, eine ſüße, be⸗ glückende Hoffnung darin erblühte, deren Erfüllung Licht und Freude auf deu jetzt einſamen, dunklen Pfad der Trauernden gegoſſen haben würde.
Ein heftiges Klopfen an der Pforte, das Anſchlagen des Hofhundes unterbrach die tiefe Stille, die jetzt außen herrſchte, da der Orcan ſich gelegt hatte und nur ein feiner, mit Schnee untermiſchter Regen niederrieſelte.
„Wer kommt ſo ſpät?“ rief Ehrhardt und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen, als ſchon die Magd ihm ent⸗ gegentrat und ihm einen Brief überreichte, der von dem nächſten Poſtamte durch einen beſonderen Boten an ihn ge⸗ ſendet wurde. Ehrhardt erkannte die Handſchrift als die ſeines beſten Freundes, Doctor Walter, und war überzeugt, es müſſe etwas Wichtiges ſein, was den ruhigen, beſonne⸗ nen Mann zu einer ſo eiligen Botſchaft bewogen.
„Bitte, tragen Sie Sorge, daß der Bote ſich ruhen und ſtärken kann. Wohl möglich, daß ich gleich eine Antwort mit zurückſchicke; im anderen Falle mag er getroſt hier übernachten, was doch dem Rückweg in dem ſchrecklichen Wetter vorzuziehen ſein möchte.“ Mit dieſen Worten und nachdem er den Damen eine gute Nacht gewünſcht, be⸗ gab ſich Ehrhardt in ſein Zimmer, um den Brief zu leſen:


