Jahrg.
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Nr. 45.]
ſchloſſen, zum Dictator unter der Bedingung ausrufen, daß er ſeine Zuflucht zu außerordentlichen Mitteln nähme und das Volk zu einer ähnlichen Bewegung aufriefe, wie die von 1792 geweſen war. Das waren jedoch Wahn⸗ witzige, die von einer gegenwärtig unmöglichen Vergangen⸗ heit träumten. Die Bewegung von 1792 war nur ein Aushruch des Zorns auf Seiten des von Europa unge⸗ rechterweiſe angegriffenen Frankreichs geweſen, und die nämliche Regung des Zornes empfand gegenwärtig Europa ſeinerſeits gegen uns.⸗Die Royaliſten, Parteigänger des Hauſes Bourbon, neu ermuthigt durch die Hoffnung, auf⸗ geſtachelt durch die Prieſter, die in dieſem Augenblicke weit zahlreicher, weit kühner als die Revolutionaire waren, be⸗ gannen ihre Stimme zu erheben und ſich Gehör zu ver⸗ ſchaffen. Frankreich hatte die Bourbons beinahe vergeſſen, von denen es durch ungeheure Ereigniſſe geſchieden war, die in den Gemüthern wie ein Zeitraum von mehrern Jahr⸗ hunderten wirkten, und überdies fürchtete es ihre Denk⸗ weiſe, ihre Umgebung, ihre Rachſucht; aber durch das Kaiſerthum mit Schrecken erfüllt und die Republik be⸗ harrlich zurückweiſend, begann es zu begreifen, daß
Bourbons, durch weiſe Geſetze im Zaum gehalten, ein Mittel gewähren könnten, um ſowohl dem Despotismus wie der Anarchie zu entgehen. Uebrigens waren es nur die aufgeklärteſten Männer, welche in ihren Planen ſo weit gingen; die Maſſe ließ von den Bourbons ſprechen, um nicht mehr vom Kriege ſprechen zu hören, der die Kinder verſchlang, die Steuern erſchwerte und allen Handelsver⸗ kehr hemmte.
Dritte Folge.
Diſſonanz zu
Schiller's hundertjähriger Geburtstagsfeier.
Ihr jauchzt im Thale der Erinnerungen,
Und wahrlich, Jeder ehrt ſich, der Ihn preiſt! Ju allen Tönen iſt Sein Ruhm geſungen, Aus allen Sprachen widerhallt Sein Geiſt!
Ihr ſeid's gewohnt, wenn Ihr das Hohe feiert, Euch mitzufeiern, weil Ihr es ertrugt;
Doch ſüße Lieder ſind genug geleiert,
Und ernſte Worte hat die Zeit gebucht.
Ihr ſollt Geſchichte nicht vergeblich leſen,
Wie Viele, die des Dünkels Nacht umfängt; Drum denkt nicht bl 85 was Er für Euch geweſen, Was Ihr Ihm nicht geweſen, das bedenkt!
Erhebet Euch an Seiner Dulder⸗Größe
Und werdet Eurer Fehler Euch bewußt, Und für das Künft'ge wahret Eure Blöße,
Und für's Vergang'ne ſchlagt Euch an die Bruſt.
Dem Feſte ſei die Demuth beigegeben, Die Reue und die ſchmerzlich tiefe Scham: Er opferte ſich auf, Sein Volk zu heben, Doch was für Ihn geſcheh'n, iſt matt und lahm. Dem niedern Manne gleich, der nichts erworben, Stand bei dem Ringen Ihm die Sorge nah, Und als Er endlich wehevoll geſtorben,
War kaum genug, Ihn zu begraben, da.
Eine ſo anregende, poetiſche und wahre Schilderung der qualvollen Nacht verſteht nur, wer nicht mehr ſchläft, wie er ſonſt ſchlief, ruhig, im Vollgenuß des harmoniſchen Gleichgewichts zwiſchen den noͤthigſten Pflichten des Lebens und ihrer Er⸗ füllung.
Die Geſtaltung der Ballade hat bei hoguelte etwas entweder ins Phantaſtiſe che oder Epiſche Zerfließendes, wofür jedoch viele
Leſer eine Feinfühligkeit des Gemüths bei einzelnen Stellen entſchädigen mag.
Ddite Ausſtartung des Bändchens in Bezug auf den Druck iſt höchſt geſchmackvoll. 1 O. T
B
Erläuterungen zu den deutſchen Claſſikern in 18 Bändchen. Wenigen⸗Jena, bei Hochhauſen. 1859.
Dieſes Bändchen des Geſammtwerkes, auf das wir noch weiter zurückkommen, iſt von Düntzer geſchrieben und befaßt ſich mit einer kritiſch-hiſtoriſchen Unterſuchung über„die natürliche Tochter“ von Goethe.
Es verſtehr ſich von ſelbſt, daß dieſe Unternehmungen nur für den tiefer in die Literatur Eingeweihten ein wirkliches Inter⸗ eſſe haben, da ſie ganz und gar in die Rubrik gelehrter äſthetiſcher
Forſchungen gehören. Düntzer iſt ſehr ſpeciell in die Verhältniſſe eingedrungen, durch welche jene Dichtung entſtand und gerade ſo entſtanden iſt, wie ſie uns vorliegt. Er hellt dabei mit kritiſcher Schärfe manche
Zrrthümer auf, welche durch Falk und Andere anfgebaut wor⸗ den ſind.
In Bezug auf die Geſchichtsmittheilung, welche dem Sujet zu Grunde liegt, wird das gründlich und fleißig geſchriebene Bändchen auch weitere Kreiſe des Publicums intereſſiren.
O. B.
Miscellen. Sicherheitscommiſfariat.
„Von einer Paßplackerei, wie ſie in Neapel herrſcht,“ berichtet uns ein neuerer Reiſender,„hat man im übrigen Europa kaum einen Begriff⸗ Zu einer Reiſe nach Sicilien genügt es keineswegs, ſich den ſchon vorhandenen Paß viſiren zu laſſen; es bedarf d dazu einer beſondern, nur nach Erfüllung verſchiedener Formalitäten und Entrich tung verſchiedener Gebühren ertheilten Reiſeerlaubniß. Dieſe muß auf dem Büreau des Dampfſchiffes abgeliefert werden; auf dem Schiffe wird dann noch einmal ſcharfe Muſterung und Rachſorſchung nach etwaiger menſchlicher Schmuggelwaare ge⸗ halten. In Palet wird uns nach ähnlichen Formalitäten der Paß wieder ausgelh händigt, und nun haben wir ihn, wenn wir das Innere zu bereiſen gedenken, don Nachtquartier zu Nach tquartier viſiren zu laſſen. An dem Orte endlich, wo wir die Inſel zu verlaſſen gedenken, tritt der Vrſorünglice Paß wieder in ſeine Rechte, aber nicht eher, als bis wir wieder eine Anzahl von Viſa’s und Beſcheinigungen erlangt, die oft einen ganzen Tag Zeit und außerdem verſchiedene Piaſter koſten. Man mag ſo unſchuldig und unverfänglich ſein wie man will, man gilt im Königreich beider Sicilien für äußerſt derdchiie und muß ſich von den Be⸗ hörden officiell plündern laſſen. Rechnet man dazu noch die


