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Nr. 45.
das Geſpräch der Beiden bemerkt, hatte errathen, daß Roſe von ihrem Unwohlſein geſprochen, und der Gedanke, Ehr⸗ hardt könne daraus eine Schlußfolgerung ziehen, welche ſie nicht zugeſtehen wollte, trieb ſie an, alle ihre Kräfte zu⸗ ſammen zu nehmen. Sie wurde lebhafter, ihre Augen glänzten höher, immer mehr ſchien ſie ſich dem geſteigerten Rhythmus des feurigen Tanzes zu überlaſſen. Auf ſie und ihren Tänzer richteten ſich Aller Augen am meiſten, denn kein Paar von allen tanzte den Nationaltanz mit einer ſo hinreißenden Anmuth, ſolchem Feuer. Daß dem ſchönen Polen die Nationaltracht ſo vortrefflich ſtand, war nicht zu verwundern, aber das Coſtüm ſchien auch wie für Regine gemacht. Die reiche, eng anſchließende Kazabaika hob ihre tadellos ſchöne Geſtalt auf das Vortheilhafteſte heraus, ihr prachtvolles Haar, das unter dem kecken polniſchen Mütz⸗ chen in zwei langen, dicken Zöpfen über die Schultern hing, war niemals früher ſo in ſeiner ganzen Fülle geſehen wor⸗ den; überhaupt ſagte der ganze Anzug ihrer Eigenthümlich⸗ keit ſo zu, daß ſie, die man im gewöhnlichen Leben durch⸗ aus nie ſchön genannt, heut Abend in einem neuen, blen⸗ denden Lichte erſchien. Unter ihren Augen lag ein leichter, dunkler Schatten, der ſtets bei ihr in Folge von Gemüths⸗ bewegung ſichtbar wurde und ihr dann ein etwas leidendes Ausſehen gab, der aber heute bei den glühenden⸗Wangen den Glanz ihrer Augen noch erhöhte. Immer ſchneller flogen ſie dahin in den Windungen der Mazurka, die, wenn ſie ſchön und graziös getanzt wird, etwas ſo Hinreißendes ſowohl für den Tanzenden als den Beſchauer hat.
„Stanislaus Ozelski hat Fräulein Regine Herbert vor⸗ trefflich in die Kunſt ſeines Nationaltanzes eingeweiht,“ bemerkte ein junger Mann in Ehrhardt'’s Nähe.
„Er hat auch nur mit der Bedingung das Einſtudiren der Quadrille unternommen, daß dieſe Dame ſeine Tänze⸗ rin werde; ich glaube, er möchte ſie am liebſten als Part⸗ nerin für einen wichtigeren Schritt, als den der Mazurka haben. Es iſt ja ſtadtbekannt, daß er für ſie ſchwärmt und
Dritte Folge.
glüht,“ entgegnete der Andere mit halblauter Stimme. „Und wahrlich, eines ſchlechten Geſchmackes kann man ihn nicht zeihen, Fräulein Herbert iſt heute Abend beinahe ſchön.“
Jedes Wort fuhr in Ehrhardt's Seele. Zum erſten Male lernte er das Gefühl einer nagenden, glühenden Eiferſucht kennen, die Leidenſchaft, über die er bis jetzt ſo oft geſpottet, ſie eines Mannes für durchaus unwürdig er— klärt hatte. Niemals hatte er geglaubt, daß dieſe Empfin⸗ dung Beſitz von ſeiner Seele nehmen könnte, niemals ge— ahnt, welche Höllenmarter es ſei. Wenn er in der Ferne an Regine gedacht, ſo war's mit einer warmen Innigkeit, einer freudigen Zuverſicht geweſen, in die ſich ſeine Furcht miſchte; er hatte ſich ihrer ſo ſicher gewähnt, daß auch nicht der leiſeſte Zweifel ihn berührt.— Jetzt aber, da er im Begriff ſtand, ſie zu verlieren, oder ſie vielleicht ſchon ver⸗ loren hatte;— jetzt da er ſah, wie Andere ſie feierten, ſich an ſie drängten, und Alle ein größeres Anrecht an ſie zu haben ſchienen, als er, jetzt war der Dämon, welcher mehr als jede andere menſchliche Leidenſchaft das Innere zu ver⸗ zehren im Stande iſt, in ihm erwacht. Mit welchem Grimme, welcher Bitterkeit er bemerkte, wie gern Regine ſich die allgemeine Huldigung gefallen ließ, wie ſie lächelnd und fröhlich dem eifrigen Geſpräche des jungen Polen ant⸗ wortete, wie ſie ſeinen leuchtenden Augen, in denen Ehr⸗ hardt natürlich nichts als flammende Liebe las, gar nicht auswich! Nein, ſo heiter und ſorglos, ſo ſtrahlend ſieht kein Menſch aus, der ein tiefes Leid in der Bruſt trägt.— So dachte Ehrhardt, und mit dieſer Ueberzeugung kam auch er zum Abſchluß und zu dem nach ſeiner Anſicht richtigen Benehmen.
Und welche Gedanken bewegten Regine, als ſie ihn in ſo lebhaftem Geſpräch mit Roſe ſah und das ſilberhelle Lachen des jungen Mädchens zu ihr drang, als ſeine Augen ſo muthwillig blitzten und er, mit der kleinen Sylphide durch die ſchönen, graziöſen Windungen des Walzers da⸗
1834 in Chalk Farm den erſten Spatenſtich für die neue Bahn gemacht zu ſehen, welche innerhalb vier Jahren hergeſtellt und am 15. September 1838 eröffnet wurde. Die Schwierigkeiten, mit welchen er bei der Ausführung dieſes großen Unternehmens zu kämpfen hatte, ſind jetzt vergeſſen; dieſelben waren aber ſo groß, daß ein armer Schelm, der die Herſtellung des Kilsby⸗Tunnel über⸗ nommen hatte, aus Furcht vor der übernommenen Verantwort⸗ lichkeit ſtarb. Es ſtellte ſich nämlich heraus, daß ungefähr 200 Yards von dem ſüdlichen Ende der Bahn ſich eine Lage von Triebſand befand. lich vorſchlug, den Tunnel ganz aufzugeben; doch Robert Ste⸗ phenſon übernahm die Verantwortlichkeit für die Fortſetzung des⸗ ſelben und beſiegte endlich alle Schwierigkeiten. Er arbeitete mit einer bewundernswerthen Energie, und während er den Bau dieſer Bahn ieitete, widmete er zu gleicher Zeit ununterbrochen ſeine Aufmerkſamkeit der Maſchinenfabrik in Newcaſtle, indem er über⸗ zeugt war, daß gute Locomotiven das erſte Erforderniß zum ſchnel⸗ len Verkehr auf den Eiſenbahnen ſind. Dabei wendeten ſich die meiſten Eiſenbahngeſellſchaften mit Anfragen an ihn, da ſie ſich wenigſtens ſeines guten Raths zu verſichern wünſchten, wenn er auch nicht in ihren Dienſt eintreten konnte. Die Committee's im Parlamente, denen die Entſcheidung über die Genehmigung der Geſuche für die Errichtung neuer Eiſenbahnen oblag, richteten ſich in der Regel nach ſeinem Zeugniß, und man kann behaupten, daß er in einer oder der andern Art an dem Bau aller Eiſenbahnen in England betheiligt geweſen iſt, während er in Verbindung mit ſeinem Vater die Ausführung von mehr als einem Drittheil aller engliſchen Bahnen geleitet hat. Vater und Sohn wurden bei der Ausführung des belgiſchen Eiſenbahnſyſtems zu Rathe gezogen,
Die Gefahr war ſo drohend, daß man ernſt⸗
und dieſelben Dienſte leiſtete Robert Stephenſon in Norwegen, das er 1846 beſuchte. Selbſt für die Eiſenbahnlinien in der Schweiz, Deutſchland, Dänemark, Toscana, Canada, Egypten und Oſtindien wurde ſein Rath und Beiſtand in Anſpruch ge⸗ nommen. In Hinſicht auf jede Eiſenbahnfrage war Robert Stephenſon nach dem Tode ſeines Vaters der erſte Mann, der ſicherſte Führer, der thätigſte Arbeiter.
Trotzdem zeigte ſich ſein Genie noch glänzender in der Er⸗ bauung der Tunnels und Eiſenbahnbrücken, als in dem Bau der Eiſenbahnen ſelbſt, und als Brückenbaumeiſter hat er ſich ganz unvergängliche Denkmäler geſtiftet. In Neweaſtle erbaute er eine Brücke von Holz und Eiſen, in Berwick die Victoriabrücke von Stein und Ziegelſtein, und Brücken von geſchmiedetem und gegoſ⸗ ſenem Eiſen wurden von ihm über den Nil, den Conway, ſo wie die Britanniabrücke über die Menaiſtraße und die Victoriabrücke über den St. Lorenzſtrom erbaut. Dieſe glänzenden Werke haben ſeinen Namen in der ganzen Welt berühmt gemacht. Die Idee der Röhrenbrücke über die Menaiſtraße war etwas ganz Neues und wurde trotz der großen Schwierigkeiten als das erſte Werk ihrer Art mit einer Vollkommenheit ausgeführt, die Bewunderung erregt.
Seine Arbeiten beſchränkten ſich aber keineswegs auf Eiſen⸗ bahn⸗, Tunnel⸗ und Brückenbauten. Er hat auch Berichte über die Waſſerwerke in London und Liverpool abgefaßt, war ſeit 1847 conſervatives Mitglied des Unterhauſes für Whitby, nahm an allen wiſſenſchaftlichen Forſchungen großes Intereſſe und war zu⸗ gleich Mitglied mehrerer wiſſenſchaftlicher Geſellſchaften. Als ein Beweis ſeiner Freigebigkeit für die Sache der Wiſſenſchaft verdient es Erwähnung, daß er dem Profeſſor Piazzi Smyth, der mit ſehr beſchränkten Mitteln nach Teneriffa geſchickt wurde, um
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