Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
703
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. Jahrg. Nr. 44.] Drilte Jolge. 70³ .jjj 4 die Sorge Literariſche Briefe ſeine Reſultate liefert. Ganz beſonders ſind es die anti⸗ üüii haben, ſch 1 ken Völker, über deren inneres Leben, über deren Privat⸗ ſofort nach 5 geſchmack, Sitten und Gebräuche die weiteren Kreiſe der er herzlicſſten Otto Banck. Gebildeten wenig wiſſen, da es an Werken mangelt, welche

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das höchſt intereſſante Material zuſammenfaſſen, welches uns die alten Schriftſteller und die Geſchichte direct und indirect überliefert haben; direct, indem ſie oft beiläufig erzählen, indirect aber noch viel öfter, indem ſie es zwiſchen

Culturſtudien aus drei Jahrhunderten von Riehl. Cotta'ſcher Verlag. 1859. 1 Sie werden gewiß finden, daß ich in einer ſehr unpar⸗

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teiiſchen Situationbin, um über Culturſchriften ein Wort des Urtheils zu ſagen, denn ich bin nirgends von Meinungen und Eindrücken der Bildung in Anſpruch genommen oder ge⸗ trübt. Ich ſitze wahrhaft auf neutralem Terrain, denn ich halte Reiſeraſt in einem Hochthale, deſſen Sohle über 5000 Fuß hoch liegt. Schneegletſcher und Felſengebirge umſtarren mich, ſtrauch⸗ und baumloſer Boden, Steingerölle und da⸗ zwiſchen, wie das immerwährende Echo des furchtbar wüſten Eindrucks, nichts weiter als das Brauſen und Rauſchen des Eisbaches, der aus den Schneeſchmelzen hervorbricht und ſich an den Felsblöcken zu Schaum zerpeitſcht. Die Menſchen, welche mich umgeben, reden kein Deutſch, ſondern lodiniſch oder romaniſch; ihre Wohnungen ſind von ſchlecht bebauenen Steinen gebaut, ihre Meubel einfache Stühle und Bänke mit Holz gepolſtert. Kein Luxusartikel exiſtirt, man müßte denn geröſtetes Schaffleiſch und ein Kaffeeſurrogat aus gebrannten Waldwurzeln dazu rechnen. Niemand weiß etwas von Cultur in unſerm Sinne, Keiner hat ihre Segnungen und ihre Gifte gekoſtet. Man iſt mit ſeinen Bedürfniſſen auf den Nullpunkt zurückgeworfen.

Von ſolchem Terrain aus, in dem man gar nicht weiß, daß es überhaupt Cultur, geſchweige denn gar eine Cultur⸗ geſchichte gibt, iſt es ein ſo natürlicher als angenehmer Traum, an Zeiten und Länder zu denken, in welchen eine Höhe der wahrhaften Geiſtescultur exiſtirt und den Menſchen alle ihre Lebensbequemlichkeiten, feinen Genüſſe und veredelnden Eindrücke bietet, ohne welche eine gebil⸗ dete Natur trotz aller idylliſchen Ekſtaſen auf die Dauer nicht beſtehen kann.

Die Culturwiſſenſchaft iſt in den letzten funfzig Jahren von zahlreichen Gelehrten mehr als ſonſt gepflegt und zu einem beſonderen Studium erhoben worden und mit dem größten Recht, denn ſie bildet eigentlich das große licht⸗ und ſchattenreiche Terrain, auf welchem ſich alle Bewegungen des Menſchengeſchlechts zutragen und zugetragen haben und durch deſſen Begünſtigungen oder Hinderniſſe ihr Fortſchreiten befördert oder retardirt wurde.

Dieſe Wiſſenſchaft iſt noch zu jung, noch zu ſehr nur als eine kleine Abtheilung der Weltgeſchichte betrachtet, als daß ſie Umfaſſendes geleiſtet und ſich durch beſtimmte Grundzüge und Grenzlinien abgerundet hätte. Sie kämpft noch mit der Aufſtellung ihres Alphabets. Was darin ge⸗ leiſtet iſt, ſind nur dankenswerthe Herbeiſchaffungen ein⸗ zelner Bauſteine, ein Beginnen, welches die künftige Ord nung des Materials erleichtern wird.

Von höchſtem Intereſſe muß aber dieſe Wiſſenſchaft fürs große Publicum werden, ſind dereinſt erſt umfaſſende Specialſtudien vorhanden, ſo daß vom Alterthum bis auf

ihrem Laboratorium verbraucht wird und der Erkenntniß

den Zeilen leſen laſſen.

Zu ſolchen Studien gehört aber eine ſo ſpeeifiſche claſ⸗ ſiſche Bildung, daß nur wenigen Auserwählten der Zugang zur antiken Culturgeſchichte ermöglicht iſt, und von dieſen Gelehrten ſind wieder nur wenige friſch, umſichtig und für allgemeine Erkenntniſſe begeiſtert genug, um nicht indiffe rent an jenen Fundgruben vorüberzuſchreiten.

Noch gibt es z. B. kein befriedigendes und populär geſchriebenes Werk über Privatleben, Sitten, Gebräuche, Handelseinrichtungen, Bekleidungsweiſe, Kochkunſt u. ſ. w. der alten Griechen, Römer, Germanen oder Gallier. Alles, was darüber exiſtirt, iſt entweder fachwiſſenſchaftlich ge⸗ lehrt oder zu oberflächlich und beiläufig. Wir können ge⸗ radezu behaupten, das Allerintereſſanteſte iſt allgemein un⸗ bekannt, und doch wäre es oft ſo leicht möglich, den Schleier zu lüften.

‚Erſt kürzlich war ich Zeuge, wie in einer gebildeten Geſellſchaft, als gerade die Rede auf Pompeji und Hercu⸗ lanum kam und kurz vorher über das luxuriöſe Leben der Römer geſprochen wurde, eine Dame einen ſehr tüchtigen Gelehrten fragte:Bitte, erklären Sie mir doch Folgen⸗ des; ich habe nämlich nie begreifen können, wie es Lucul⸗ lus möglich machte, ſeinen Gäſten ſo delicate Diners zu be⸗ reiten, da er doch eigentlich keinen ordentlichen Zucker hatte? Wie erſetzte denn ſein Koch dies Univerſalmittel der Kochkunſt? und was hatte man denn damals für Sup⸗ pen und warme Getränke, da man weder Thee, noch Kaffee, noch Chocolade kannte?

Es dauerte ziemlich lange, um über eine dürftige Be⸗ antwortung dieſer Fragen hinauszugelangen, und man kamf im Geſpräch darüber noch auf ſo viel andere dunkele oder dämmervolle Punkte, daß man hätte über ihre Aufhellung eine intereſſante Brochüre ſchreiben können. Viel ſchlim⸗ mer und fraglicher wird es noch, wenn man Einzelnheiten überdenkt und zu den alten Griechen übergeht, von noch ältern mit hoher Cultur begabten Völkern, wie Egyptern, Babyloniern u. ſ. w., gar nicht zu reden.

Iſt es aber nöthig, bis auf die antiken Zeiten zurück⸗ zufragen, um ſich über dies und jenes oft vergeblich nach Aufklärung umzuſehn? Was weiß denn das große Publi⸗ cum Genaueres über die Häuslichkeit unſerer eigenen Vor⸗ fahren im Mittelalter? Soviel als nichts! Nur ein ganz dürftiger Apparat des Wiſſens iſt vorhanden und ver⸗ breitet, welcher von Romanſchriftſtellern immer wieder be⸗ nutzt und aufgewärmt iſt, und hierbei ſind noch ſo viele Irr⸗ thümer verbreitet, daß es ſchwer ſein wird, ſie wieder aus⸗ zurotten.

z ausbildet, 3 n. ſeine unſere Tage herab der Ueberblick als ein Ganzes formirt Wie aßen und tranken unſere Vorfahren? Wie klei⸗ er auf direten, werden kann. Es iſt kein Fach in der Welt, welches der⸗ deten ſie ſich? Was gab es für Standesrechte? Durch Ausſchnefung einſt ein ſo großes Auditorium haben wird, als die Cul⸗ welche Geſetze wurden ſie beglückt oder geknechtet? Auf dernu ſaie⸗ turgeſchichte, denn wir alle ſind das Material, welches in welche Art wurden die Feſte und Feierlichkeiten des Lebens

begangen? Wie verhielt ſich der damalige Werth des Gel⸗