Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
692
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vom Hauſe war zu Regine getreten, ihr mildes, mütter⸗ liches Auge hatte ſchnell entdeckt, daß etwas Ungewöhn⸗ liches in dieſer vorgegangen. Leiſe legte ſie den Arm um das geliebte Mädchen, doch auf ihre beſorgte Frage: was denn geſchehen? erwiderte Regine:Nichts, gar nichts, liebe Tante! Aber es war ein mattes, bleiches Lächeln, welches die Worte begleitete, und wie ein todtmüdes Kind lehnte ſie einen Augenblick ihr Haupt an die Schulter der gütigen Frau.

Ehrhardt hatte das Thun bemerkt, in dem eine Weich⸗ heit und Trauer lag, die tief in ſeine Seele drang und mit einem Male allen Zorn, alle Bitterkeit verwiſchte, welche ſich gegen Regine dort angehäuft hatten. Er that einige Schritte vorwärts, um ihr ſeinen Arm zu bieten, ſie zu Tiſche zu führen und ihr einige bittende, entſchuldigende Worte zu ſagen; doch als hätte Regine ſeine Abſicht errathen und ſei nicht geſonnen geweſen, Frieden zu ſchließen, ſo be⸗ gegnete ſeinem verſöhnenden Auge ein Blick, ſo fremd und kalt, daß er ihn durchſchauerte; eilig wandte ſie ſich um, den Arm des ihr empörten Stolzes zog Ehrhardt ſich zurück.

Freundlich und ſorgſam wie immer ſchafften und wal⸗ teten die beiden Frauen während des Mahles, und keine jener kleinen, lieblichen Aufmerkſamkeiten, durch welche ſie den Gäſten den Aufenthalt in ihrem Hauſe ſo angenehm machten, ihrer Seele dabei. Der Tante Augen richteten ſich oft be⸗ ſorgt nach Regine, die jetzt, wie träumend, mit ihren Ge⸗ danken weit ab zu ſein ſchien und dann, ſich ermannend, durch doppelte Aufmerkſamkeit und Freundlichkeit den Feh⸗ ler wieder gut zu machen ſuchte. Und es gelang ihr nach und nach, die Willenskraft. des jungen Mädchens errang den Sieg über die ſie überfluthenden ſchmerzlichen Ge⸗ danken, denn obgleich es ihr war, als ſpiele ſie eine Rolle und die lebhafte, lachende Regine, von dexen Lippen

Witzesworte und ſchalkhafte Bemerkungen floſſen, ſei eine

nächſtſtehenden Herrn zu nehmen, und voll

wurde vermißt, dennoch waren Beide nicht mit

Rovellen⸗ Zeitung.

[V. Jahrg.

Andere als ihr eigentliches Ich, das innen in Qual und

Schmerz zuckte, ſo merkte doch Niemand der Anweſenden etwas von dem Zwange, welchen ſie ſich auferlegte; ja ſelbſt die Tante wurde endlich durch ihre anſcheinend harmloſe Fröhlichkeit beruhigt, und die Freunde ſchieden ganz ent⸗ zückt von der Liebenswürdigkeit ihrer anmuthigen Wirthinnen.

Draußen im Vorſaale war eine Scene fröhlichen Durch⸗ einanderdrängens, und lachend und ſcheltend beſchuldigten

die Damen die jungen Männer, daß ſie mit Abſicht Män⸗

tel und Ueberwürfe vertauſchten, ohne ihre Hülfe würden ſie weit beſſer fertig werden.

Bergſtröm, meine Ueberſchuhe rief die helle Stimme deskleinen Fräuleins ziemlich befehlend durch den Raum; da aber Bergſtröm der gnädigen Mama zu helfen hatte, ſo flog er nicht augenblicklich herbei.

Darf ich es wagen, darf ein ſodummer,verderb⸗ ter Menſch es wagen, Ihnen ſeine Dienſte anzubieten? Das gute Lächeln, welches die Worte begleitete, bekundete, daß ſie von dem jungen Manne nicht übel genommen waren.Wohl weiß ich, daß ich nicht werth bin, Ihnen die Schuhriemen zu löſen, doch vielleicht erſtreckt ſich dieſer Unwerth nicht bis auf das Binden derſelben ſagte Ehrhardt, indem er ſich mit einer Miene tiefſter Ehrfurcht der kleinen Roſe nahte.

Aber dieſe warf den Kopf zurück, und das Geſichtchen, das ſo friſch und lieblich aus der pelzverbrämten Umhül⸗ lung hervorſchaute, nahm einen ſehr ungnädigen Ausdruck an, als ſie antwortete:

Nein, gehen Sie fort, ich mag Sie nicht meh Ich will nie wieder mit Ihnen reden, ſingen, tanzen oder Schlittſchuh laufen, niemals wieder!

Zu einer Ablehnung gehört doch erſt eine Bitte, mein allergnädigſtes Fräulein, und noch habe ich um keine ſolche Gunſt gebeten ſprach Ehrhardt neckend.

Aber Sie werden darum bitten, rief das kleine,

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vI⸗

Feuilleton.

de

Das muſikaliſche Ohr*).

Die norddeutſche Stimmung unterſcheidet ſich im Allgemeinen von der ſüddeutſchen ich meine die Orcheſterſtimmung.

Die Wiener Stimmung iſt die höchſte in Deutſchland. Noch höher aber geht man in Petersburg; an der Newa ſpielt, iſt der höchſte in ganz Europa. des europäiſchen Kammertons läßt ſich in ihren drei Hauptſtufen gegenwärtig nach der Orcheſterſtimmung folgender drei Haupt⸗ ſtädte darſtellen, und zwar vom tiefſten Tone zum höchſten auf⸗ ſteigend: Paris, Wien, Petersburg. Einen deutſchen Kammer⸗ ton gibt es nicht, wohl aber Dutzende verſchiedener deutſcher Kammertöne, einen Wiener, Berliner, Dresdner, Frankfurter u. ſ. w., ſo daß bei ſolchem Particularismus ſelbſt jene oben angedeutete Zweitheiligkeit der nord- und ſüddeutſchen Stimmung nur als eine ganz allgemein zu faſſende Hypotheſe erſcheint. Dagegen nimmt man ganz unverfänglich Pariſer Ton und franzö⸗ ſiſchen Ton für gleichbedeutend. Andererſeits hat auch Italien keine einheitliche Stimmung. Schon vor hundert Jahren unter⸗

*) Siehe den literariſchen Brief über Riehls Culturſtudien.

der Ton, aus welchem man Die Klimax

ſchied man dort, vom tiefern zum höhern aufſteigend, römiſchen, venetianiſchen und lombardiſchen Ton. In Rom dürfte man alſo ungefähr aus dem Pariſer Ton ſpielen, in Oberitalien aus dem Wiener und Petersburger. Ich ſchreibe keine politiſchen Me⸗ taphern, ſondern trockene muſikaliſche Wahrheit.

Sollte aber dieſe ietä

Varietät der muſikaliſchen Stimmung, die ibre hiſtoriſchen Wurzeln weit hinauf treibt, etwas ganz Willkür⸗ liches und Zufälliges ſein? Schon der deutſche Sprachgebrauch legt in das WortStimmung einen bedeutungsvollen Doppel⸗ ſinn. Die gegebene Baſis, auf welcher ſich die Accorde der Muſik,

andererſeits die Accorde des Gemüthslebens aufbauen, ſtempelt er mit dem gleichen Namen.

Es iſt eine der reizendſten, aber auch ſchwierigſten Aufgaben der Culturgeſchichte, die gleichſam perſönliche Empfindungsweiſe, welche jedes Zeitalter beſonders kennzeichnet, den Ton, auf welchen daſſelbe geſtimmt iſt, zu belauſchen, im Unterſchied von der Er⸗ kenntniß ſeiner ausgeſprochenen Thaten und Gedanken.

Vergleichen wir die Orcheſterſtimmung des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. In dem Maße, als die europäiſche Menſchheit leidenſchaftlicher, bewegter in dem öffentlichen und Privatleben wurde, als ſich unſere geiſtige Stimmung erhöhte,

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