Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
691
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dins Herz

enden Lauf,

n. ach Blut, Muth.

umt,

d ſtürmt den;

Drilte folge.

Novellen-Zeitung.

Ein heſiegtes Vorurtheil.

Novelle von

Sophie Verena.

(Fortſetzung.)

Hiermit ſchien die Sache erledigt; man ſtand auf und vertheilte ſich in verſchiedene Gegenden des Saales, Einige hier ein Bild betrachtend, Andere ein neues Liederheft durchblätternd. Der bleiche, ernſte Mann, welcher ſo warm und beredt die Vertheidigung des geſchmähten Buches übernommen, hatte ſich in eine Fenſterniſche zurück⸗ gezogen und blickte in die dunkle Nacht hinein. Plötzlich fühlte er eine warme, leiſe Berührung ſeiner Hand, ſo weich und lind als wenn ein Frühlingshauch darüber hin ſtriche, und aufſchauend blickte er in das helle, freundliche Kinderantlitz deskleinen Fräuleins, welches ganz leiſe zu ihm herangetreten war. Ein Beben lief durch die kraft⸗ volle Geſtalt des Mannes, als er ſchnell die kleine, ſüße Hand mit einem warmen Druck in ſeine Rechte faßte. Es war ſo lange, daß er die weißen Finger nicht berührt, ſo lange, daß man, ohne ihm einen recht triftigen Grund an⸗ zugeben, ihm den Unterricht dieſer ſeiner liebſten Schülerin entzogen, und ſein Herz hatte ſich, wenn gleich ganz ſtill und verſchwiegen, doch nicht minder kräftig danach geſehnt, das liebe Kind noch einmal ſo zu ihm aufblicken zu ſehen, ſo, als müſſe ihr von ihm alles Gute in der Welt kommen.

Ich danke Ihnen, Herr Doctor, innig danke ich Ihnen für die guten, ſchönen Worte, welche Sie über mein liebes, liebes Buch geſagt haben; es ſind die erſten, die ich ſeit langer Zeit von Ihnen gehört, ſetzte ſie mit einem ſchmollenden Tone hinzu, während ein leichter Schatten über das ſonnige Geſicht lief.Und wenn Sie jemals den Namen der Verfaſſerin erfahren, ſo bitte, theilen Sie ihn mir mit, damit ich ihr auch danken kann. Nicht wahr, ſie würde es nicht übel deuten, wenn ich ihr ſchriebe? Ich will ſo ſchön, ſo ſchön ſchreiben, und gewiß nicht ein einziges kleines Komma vergeſſen ſetzte ſie mit einem ſchalk⸗ haften Lächeln hinzu, ſich der Zeit erinnernd, als ihre Arbeiten ſtets an einem bedeutenden Mangel dieſes Ar⸗ tikels gelitten hatten.

Ein lichter Glanz breitete ſich über das bleiche, ernſte Angeſicht des Mannes, während er auf die Rede des lieb⸗

lichen Mädchens lauſchte, ein Glanz, der die ſonſt düſteren,

beinahe unſchönen Züge bedeutend machte, und ein Lächeln von einer ſeltenen Anmuth irrte um ſeine Lippen.

Sie glauben nicht, wie wehe mir Ihr Freund gethan, indem er die böſen, häßlichen Worte über das Buch ſagte fuhr Roſe fortdoch als Sie ihn ſo ſiegreich wider⸗ legten, da war Alles wieder gut in mir.

Fräulein Roſe, Sie thun gerade, als wenn ein jedes meiner Worte ein Evangelium für Sie wäre haben Sie Acht, ich bin auch nicht mehr als ein Menſch, habe nicht mehr als Manneskraft!

Als er die Worte geſprochen, die wider ſeinen Willen ſich ſeiner Seele entrangen, in der Vernunft und Leiden⸗ ſchaft, Entſagung und Liebe einen harten Kampf ſtritten, wurde er ſehr blaß, und gern hätte er ſie zurückgenommen; aber dieſelben freundlichen Augen ſchauten mit dem gleich ſchalkhäften Ausdruck auf ihn, indem das junge Mädchen, noch ganz ahnungslos über die Gefühle, welche ſie erregt, ihm erwiderte:

Ja, nur ein Mann, und oft ein recht ſchlimmer, ein Pedant, der uns gequält mit all' dem Lernen, daß es ein heller Jammer war; aber trotzdem bin ich Ihnen gut ge⸗ blieben, und an Ihre Worte glaube ich unverbrüchlich feſt, die ſtehen mir faſt noch höher als die von Mama, und mir iſt immer, als wenn ich vor Niemand in der Welt ſo ge⸗ waltigen Reſpect hätte wie vor Ihnen, an Keines guter Meinung mir mehr läge, als an der Ihrigen.

Hätte daskleine Fräulein geahnt, daß ſie es war, die dem ſtolzen Herzen dieſes klugen Mannes Geſetze vor⸗ ſchrieb, wie ſie ſein Schickſal beſtimmt hatte, und der zit⸗ ternd vor ihr ſtaud, weil ihre kleine Hand die Macht hatte, ihm Glück und Segen zu ſpenden wenn ſie das geahnt, wie würde es ſie überraſcht haben! Bei ihren letzten Wor⸗ ten, da war es ihm, als müſſe er ſie an ſein Herz ſchließen, ſie mit ſtarkem Arme durch die Welt zu tragen, mit der⸗ ſelben kämpfend um den koſtbaren Preis. Zum erſten Male ſprach eine hoffnungsvolle Ahnung in ihm, daß er ſie doch erringen würde, und ein Blick leuchtete auf ſie, daß ihre weiche, ſammtene Wange ſich mit Purpurgluth färbte.

Haſtig ihre Hand aus der ſeinen ziehend, ſah ſie ſcheu um⸗

her, ob auch Niemand ihr Beieinanderſtehen bemerkt, das ihr doch erſt ſo ganz harmlos und natürlich ſchien. Einen Moment noch weilte ſie bei ihm, wie von einem Traume umfangen.

So muß der Blumenknospe ſein, wenn der erſte Sonnenſtrahl, der erſte laue Frühlingswind die grüne Hülle ſprengt und ſie zum Blühen ruft.

Indeſſen war der Rufzu Tiſche ertönt und als die Geſellſchaft ſich vereinigt, wurden die jungen Leute über die Lebhaftigkeit ihrer Debatten neckend befragt. Die Frau

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