Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
659
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Jahrg.

chweigen

lüͤcke?

Erſter Theil

659

Novellen-Zeitung.

friederike goßmann.

Eine Charakteriſtik von

Albert Traeger.

Die Logen leer, leer das Parterre, eine Wüſte das ganze Theater, nur hier und da in unabſehbaren Zwiſchen⸗ räumen ein Einſiedler, der ſtumm die Stirn ſich trocknet. Die Schwüle iſt ſaharahaft und eine alte Oper. Alt? eben beginnt die Ouvertüre, und dieſe Klänge ſind ſo friſch, daß ſie mit Kühlung mich umwehen, daß mir iſt, als höre ich ſie jetzt zum erſten Male.A B El⸗ Wie hinter jedem dieſer Buchſtaben Dein unwiderſtehlicher Hu⸗ mor ſchalkhaft hervorlächelt, wackerer, gemüthvoller Lor⸗ tzing! Hier in Leipzig haſt Du denWildſchütz geſchaffen, hier hat er wieder und wieder das Haus zum Brechen ge⸗ füllt und heute ſchon unterliegſt Du im Kampfe mit einem heißen Sommerabend. Künſtlerloos! Den Lebenden noch gewöhnten ſie an das Vergeſſenwerden; Du biſt zwar nicht verhungert, aber hätteſt Du Dich weniger um das Brod kümmern müſſen, wären Deiner Tage mehr geweſen. Alberne Gedanken in einer komiſchen Oper! Bin ich doch ſelbſt ein Stück Poet, wer wird in ſeinem eigenen Fleiſche wühlen! Fort damit! So iſt's recht:auf des Lebens raſchen Wogen treibt mein Schifflein leicht dahin! Aber ſoll denn heute Abend jede Note zum memento mori für mich werden? Das kecke Bürſchlein, welches dieſe ge⸗ dankenloſe Lebensweisheit von ſich ſprudelt, iſt ja noch immer Karoline Günther⸗Bachmann, für die einſt die Rolle geſchrieben wurde, die ewig junge, und die nun doch nächſtens in das Fach der Alten übertritt, nachdem ſie ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum gefeiert. Auch Du, Karoline! Und nach aber fünfundzwanzig Jahren, wer

wird dann noch eine Ahnung haben von dem Entzücken, das faſt ein ganzes Menſchenalter hindurch jeden Deiner

Schritte begleitete? Künſtlerloos, aber alberne Ge danken in einer komiſchen Oper! Da trennt der fallende Vorhang mich von den Anregungen meines Trübſinns; mir ſelbſt zu entfliehen, trete ich in die Loge einer befreundeten Dame.Guten Abend! Hitze Leere unvermeid⸗ licher Anfang einer Theater⸗Converſation im Sommer⸗ quartal.Nun, für morgen wird trotz alledem ſchon kein Billet mehr zu haben ſein!Morgen? warum denn mor⸗

gen?Lieber Himmel, morgen ſpielt ja die Goßmann die

Grille zum zweiten Male!Ah ſo, die Goßmann! Hatte ich doch wirklich über den heraufbeſchwornen Schatten der Vergangenheit das Feldgeſchrei des Tages, meines Hier⸗ ſeins eigentlichſten Zweck vergeſſen.Sie können ſie heute

ſchon ſehen, das iſt ſie dort oben auf dem erſten Rang!

Ahl das iſt die Goßmann?! Guten Abend! Ich eile nach meiner Loge zurück, ſetze mich diesmal aber in die entgegengeſetzte Ecke. Alſo das iſt Friederike

Goßmann! Wie unendlich vorgerückt komme ich mir in meiner Bildung vor ich habe die Goßmann geſehen! Heutzutage, wo das Geld Alles bewirkt, beſteht die Bil⸗ dung hauptſächlich in dem, was man geſehen hat für ſein Geld, und ich habe die Goßmann als Zugabe, ein Poofit, um den ſämmtliche Meier und Compagnie's mich beneiden würden. Alſo das iſt die Goßmann?! die in allen Bilderläden hängt; die als Stereoſkop, in Eis und Eiſen, in Tragant und Porzellan nachgebildet iſt; die Fabrikate jeder Induſtrie, vom Walzer bis herab zum Likör getauft hat; von der die Feuilletons ſeit Jahren leben, die ſich von Carl Formes, der auf ſeinen Baß nicht ſtolzer iſt, als auf ſeine Sicherheit mit dem Teſhing, den Thaler aus der Hand ſchießen ließ; die eines Vormittags, mit einem weißen Schürzchen angethan, einen Mehlladen ausverkaufte und ſo den Wohlſtand des armen Händlers begründete; die erſt kürzlich in Ems durch eine rettende That den erſten Ball ermöglichte; die das einzige weibliche und zugleich Ehren⸗ mitglied dergrünen Inſel iſt, jener uralten, hochbe⸗ rühmten Wiener Künſtlergeſellſchaft, die auch den erlauch⸗ ten Componiſten Ernſt von Gotha zu den Ihrigen zählt; das iſt die Goßmann, das?! Von dem rothen Sammt der Brüſtung hebt ſich ein feines, zierliches Köpfchen ab mit einer Fülle dunkler Locken, nach hinten zurückgeſchoben durch einen jener halbrunden Kämme, mit denen man widerſpenſtige Kinderhaare zu zähmen pflegt; dadurch iſt die Stirne frei, deren reine Verhältniſſe den unverkenn⸗ baren Stempel der Begabung tragen; zwiſchen den ſanft geſchwungenen, herrlich gezeichneten Brauen ſpringt das etwas eigenſinnig zugeſpitzte Näschen keck heraus; der feſte Schluß des kleinen Mundes verleiht dem unteren Theile, der mit dem kurzen, lieblich gerundeten Kinn gewiß viel Schelmerei birgt, den Ausdruck ſinnenden Ernſtes. Jetzt ſchlägt ſie die Augen auf, und es iſt, als ob ein Lächeln ſich über das ganze Geſicht ergöſſe, ſo mild, ſo weich, ſo träumeriſch wie das Lächeln eines erwachenden Kindes und das iſt die Goßmann?! Sie kann ſtill und beſcheiden daſitzen, ein Muſter für jede Penſionärin, ſie kann mit ſo lebhafter, auf den wechſelnden Zügen getreu⸗ lich ſich abſpiegelnder Theilnahme dem Verlaufe eines all⸗ bekannten Stuͤckes, den Leiſtungen von Künſtlern folgen, die neben ihr faſt namenlos ſind, ſie kann harmlos dieſer verbrauchten Späße ſich freuen, das kann die Goßmann?! Dieſe ganze Erſcheinung, die eben ſo gut ein beliebiges, hübſches und beſcheidenes, ja ſchüchternes Mädchen ſein