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Nr. 41.]
Literariſche Briefe
Otto Banck.
Béranger's letzte Liederz deutſch von Rodenberg. Gedichte von Thomas Hood, übertragen von Harrys; beide Bücher bei Rümpler in Hannover.
Sie ſprachen ein treffendes Wort: es ſei ein ſchweres Loos, ein bedeutender und zu gleicher Zeit freier Dichter zu ſein, und nur Wenigen wäre es beſchieden, dies Loos ſieg⸗ reich und glücklich zu tragen. Wir haben hier zwei Poeten vor uns, wovon der eine daran zu Grunde ging, während der andere dabei vom Schickſal geſchont und gepflegt wurde. Es war Béranger. Berühmt und gefeiert im Leben, wurde er im Tode eine fortlebende Reliquie für die Nation, deren Bewunderung man nicht zu ſtören wagte.
Béranger war ein politiſch freiſinniger Dichter. Aber was heißt dies? Im Grunde nicht eben viel, denn die Parteinahme für irgend eine politiſche Anſicht nennt man oft Freiſinnigkeit, und dieſe Parteinahme kann eine eben ſo blinde als egoiſtiſche ſein. Man hat Beiſpiele, daß ihr zu Liebe Schriftſteller oft die größten Albernheiten behaupte⸗ ten, obſchon ſie ſonſt keine beſchränkten Köpfe waren. Frei⸗ ſinnigkeit iſt überhaupt nur ſelten wahrhaftiger Drang nach Freiheit, ſondern ſehr oft bloß Phraſe und vorlautes Geſchwätz.
Im Allgemeinen aber in ſeinen Geſinnungen und An⸗ ſichten moraliſch frei zu ſein, das iſt die höchſte Aufgabe jedes Poeten, und wenn er dieſe zu löſen beſtrebt iſt, ſo wird ihn dieſer edle, gradſinnige Weg in den meiſten Fäl⸗ len ohne Hinderniß ſicher an den Lorbeerbaum und an den Leeab bringen.
Erſchrecken Sie nicht über dieſen harten Klang; er iſt nichts Böſes, er iſt nur eine Wahrheit, und Wahrheiten klingen ſowohl für Menſcheu als für Dichter ſelten ſo lisblich wie die bewußten ewigen„Maiglöckchen,“ welche das verſchmitzte Ohr vieler ſentimentalen Lyriker ſo oft klingen hört, wenn„der Lenz, der holde Knabe,“ damit läute. Ich beneide die Idylliker um dieſe ſtille Muſik, denn ich habe ſelbige noch nie gehört. Viel ernſter klingen und dröhnen rückhaltloſe, ſittliche Erkenntniſſe und Ge— danken im Menſchenhaupt. Das iſt ewig entwickelndes Leben; wie Herbſtſturm tönt's, denn es will Schlaf und Winter werden. Aber das Eis der Stagnation wird brechen, und Glück zu den Eſeln, die darauf Schlittſchuh laufen!
Dieſe moraliſche Freiheit eines Denkers, der keine Rückſichten nimmt,— und ein Dichter muß im Kernpunkt immer ein bedeutender Denker ſein, ſonſt iſt er in meinen Augen nur, was die Meiſten ſind, ein armſeliger Reim⸗ ſchmied, ein hohler, tactmäßiger Seufzerbengel des Salons, — dieſe moraliſche Freiheit der Principe und Ideen iſt es eben, welche die Welt ſich ungern bieten läßt.
Wer ungeſcheut Wahrheiten ausſpricht, wo ſie ihm auf⸗ ſtoßen, der kann keiner Partei mehr dienen, denn er wird Erkenntniſſe finden, die für alle Richtungen, Coterien,
tände, alte Gebräuche, Moden, überlieferte Anſchauungen
abgegrenzten Idee als Apoſtel dient.
und Vorurtheile verletzend ſind. und ihre Dankbarkeit angewieſen ſein. Phantom und es iſt gerecht, daß dies ſo iſt, denn wer das
Er ſollte auf die Maſſen V V Höchſte bietet, muß ſeine Aufopferung nicht durch Dankbar⸗
Doch dieſe iſt ein
keit bezahlt und entweiht ſehen. Wer es nicht ohne Dank hinzugeben vermag, wird es überhaupt gar nicht zu bieten im Stande ſein. Die Natur hat es ſchon ſo eingerichtet, daß ſich ein williges Martyrium immer mit dem wahrheit⸗ ſtrebenden Genius vereint. Er ſtehe allein und er ſteht allein! V
Ich ſage„wahrheitſtrebend“, denn dies Suchen und Ringen allein iſt uns beſchieden. Wir können dabei nur einzelne Wahrheiten finden, die Wahrheit ſelbſt bleibt uns auf ewig verborgen. Wenn ich als alter Grieche Götter⸗„ann bilder aufzuſtellen hätte, ich würde auch der Wahrheit 3 Stelle geben, aber das Piedeſtal bliebe leer, denn der An— 4 h blick der Wahrheit iſt nicht von dieſer und nicht für dieſe Erde. Wer ſie ſchaute, wäre nicht mehr. Darum hatter jener Mann Recht, welcher nach oben ſprach: Laß mir den Zweifel und behalte Du die Wahrheit!
Und eben deshalb tritt ſchon allein dieſes Streben V b
nach dem, was Tod und Seligkeit zugleich iſt, der Welt als ein feindlich Element, als eine bittere Arznei entgegen, und die Kranken erkennen ſie gewöhnlich erſt, wenn der Arzt längſt von ihnen geſchieden iſt.
Wer aber ſtatt ſchneidendes Licht behagliche Däm⸗ merung voll ſüßen, himmliſchen Irrthums bringt, der han⸗ delt den Sinnen der Menſchen zu lieb, und am meiſten ver⸗ langen ſie dies von den Poeten.
Und verweigern dieſe ſolch Begehren? Nur ſelten! Blicken Sie umher in der Literaturgeſchichte. Die meiſten lyriſchen Barcarolen ſegeln mit dem Strom und vor den Paläſten der einflußreichen Macht, der weltlichen, materiel⸗ len ſowohl, als der geiſtigen, der Macht der Vorurtheile, ſingen ſie ihr Lied. Jeden zufällig herrſchenden Grundſatz, ja jede einflußreiche Perſon behängt ihre Alles nivellirende Vermittlung und Schmeichelei nicht bloß vorn, ſondern ſo⸗ gar hinten mit literariſchen Guirlanden, und man kann unter gar viele Verſe ohne Sinnſtörung den Refrain ſetzen:
O Entſagung, ſchnöde Qual!
Stolzer Titel, fette Pfründe,
Schmucker Orden, kommt geſchwinde:— Fünf iſt eine g'rade Zahl!
Hier eben liegt der Knotenpunkt. Wer es mit ſeinem Gewiſſen und Verſtande nicht vereinigen kann, dieſe„Fünf“ ohne Bruch zu theilen, der hat eben als Dichter jenes ſchwere Loos eines moraliſch freien Redners zu ertragen. Alle Begeiſterung, allen Glanz, das Tüchtige, Erhabene zu verherrlichen, führt ſein Talent in die Schranken, und mit allen Waffen des Humors, des Witzes, des Spottes und der verdammenden Verachtung entlarvt er Unrecht und Irrthum, wo er ſie findet.„Wer Vieles bringt, wird Allen etwas bringen!“
NNilldder wird deshalb ſein Geſchick, wenn er ſich vom Allgemeinen hinweg und nur auf das Beſondere wendet, wenn er z. B. bloß ein politiſcher Dichter iſt oder ſonſtwie einer einzelnen Richtung, einer Fraction, einer beſtimmten Er huldigt dann


