Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
654
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Novellen⸗Zeitung.

Was bei des Tags Gewitterſchwüle Sich um der Seele Flügel ſpinnt, Aus meinem Buſen treibt's der kühle, Der frühlingsfriſche Morgenwind.

Geſegnet ſei, du Morgenfeier!

Schon leuchtet's um der Berge Knauf; Die Seele hebt den Fittig freier

Und mit den Lerchen ſteigt ſie auf.

Ich möcht' ans Herz den Himmel preſſen, Die Blume küſſen, die ich pflück'.

O, eine Stunde Schmerzvergeſſen

Iſt ſchon ein unermeßlich' Glück!

Die Nebel auf des Thales Matten Verſcheucht der Sonne goldne Pracht;

Es ſind die letzten dunkeln Schatten

Von dem Gewand der flücht'gen Nacht. Empor, empor, ihr Liederſchwingen!

Fort, Sorgennebel, dumpf und ſchwer! O Gott, wenn doch die Sorgen gingen Einmal auf Nimmerwiederkehr!

Mädchenklage.

Sternblümchen blüht und Kuckuk ſchreit, 'S iſt Alles wie in früh'rer Zeit! Nur wo er einſt ans Herz mir ſank,

D rahen wildes Dorngerank'.

Ich pflück' die Blume nicht entzwei,

Zu ſehn, wie ich ſo lieb ihm ſei!

Ich frag' auch nicht den Kuckuk mehr, Wie manches Jahr ich glücklich wär'!

[(V. Jahrg. Die Blüth' betrog, der Kuckuk log,

Weit in die Welt der Liebſte zog.

Vielleicht ruht er ſchon auf der Bahr'!

O, wär's noch heut', wie's eh'mals war!

Ein Bettlerkind.

Am friſchen Grab zur Abendzeit,

Da ſteht ein Kind in dürft'gem Kleid. Und in die Scholle ſteckt es leis Maßlieb und grünes Tannenreis.

Das macht gewiß die Mutter froh, Daß ich geſchmückt den Hügel ſo, Daß ich ihr Grab ſo ſchön gemacht! Sie freut's gewiß, wenn ſie erwacht!

Die Kleine ſinket auf die Knie': Mutter Gottes, heil'ge Marie! Mach' Du morgen das Wetter ſchön; Morgen, dann muß ich betteln gehn!

Recht ſonnenklar und warm wie heut'! Viel freundlicher ſind dann die Leut'! Doch meine Blumen? Allzumal Verwelken ſie im Sonnenſtrahl.

Morgen, dann muß ich betteln gehn! Kann gar nicht nach den Blumen ſehn, Sie nicht begießen. Morgen früh, Laß lieber regnen, heil'ge Marie!

durchaus nicht gewachſen. Alle ſeine Glieder ſind gelähmt und alles Leben ſcheint in ihnen erloſchen zu ſein. Auf einem Lager ausgeſtreckt kann der Unglückliche ſich durchaus nicht anders bewe⸗ gen, als mit Hülfe anderer Berſonen. Sein Kopf allein, iſt ge⸗ wachſen und hat ſich entwickelt. Er iſt von der ſeinem Alter gewöhnlichen Größe und hat dabei einen ſtarken Bart, der regel⸗ mäßig raſirtaverden muß. Man ſieht daher bei ihm den Kopf eines erwachſenen Menſchen auf dem Körper eines zweijährigen Kindes. Dabei iſt noch bemerkenswerth, daß dieſer Menſch voll Verſtand iſt; er liebt die Unterhaltung,

lieſt und rechnet ſehr gut

und hat einen ſo heiteren Charakter, daß er beſtändig ſingt, wenn

er allein iſt. a.

Eine ſechsundzwanzigjährige großmutter.

DerRichmond Dispatch ſagt:Wir haben ſo eben ein merkwürdiges Beiſpiel von einer frühzeitigen Entwicklung in der Grafſchaft Franklin erhalten. Eine Negerin, die einem Herrn in dieſer Grafſchaft angehörte, wurde im Alter von vierzehn Jahren von einer Tochter entbunden. Die Tochter übertraf ihre Mutter noch, denn ſie gebar ſchon im Alter von zwölf Jahren eine Tochter. So iſt zwiſchen dem Alter der Großmutter und der Enkelin nur ein Unterſchied von 26 Jahren. C

Worte für Welt und Haus. Man thut oft Unrecht, verdächtigen Perſonen, die man nicht kennt, keine Verſtellungskunſt zuzutrauen, weil ſie roh und unge

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bildet ſind. Dieſe bäufige Annahme geht von der Vorausſetzung aus, daß die Verſtellungskunſt erſt eine raffinirte Folge vielfacher Bildung ſein könne, gleichſam ein Stück Schauſpielerthum des Culturlebens. Ganz falſch! Gemeiner Egoismus und Liſt reichen hin, jene Fertigkeit bis zum Virtuoſenthum auszubilden, und wie die Erfahrung lehrt, ſind die größten Meiſter in der Verſtellungs⸗ kuſt nicht etwa die Diplomaten, ſondern die Indianer und die Bauern. Ein altes Sprüchwort ſagt: Wer einen Bauer überliſten will, muß einen Bauer mitbringen.

Der Hofnarr eines alten Königs von England rühmte ſich einſt, daß ſelbſt ſeine ſchlechteſten Witze ſtets Staunen und allge⸗ meinen Beifall erregen müßten. Man verſpottete und fragte ihn über dieſe Eitelkeit, und er antwortete:Ich gebe meine geringſten Einfälle immer meinem Gebieter unter den Fuß, dieſer gibt ſie dann für ſeine eigenen aus, und ſo ſind ſie jederzeit unüber⸗ trefflich!

Hunger iſt der beſte Koch! pflegt man oft zu ſagen, wenn dir als gebildetem Menſchen nicht Alles ſchmecken will. Dies plumpe

Sprüchwort, welches frugalen Haushaltern zur Eſelsbrücke dient, heißt eigentlich bloß: wenn du dich hungrig und durſtig ge⸗ arbeitet hätteſt, ſo würdeſt du alles Urtheil verloren haben und geſchmackvolle Gerichte nicht mehr von geſchmackloſem Univerſal⸗ futter, wie es die faſt uͤberall verbreitete ſchlechte Kochkunſt der Welt liebt, unterſcheiden können. Im Gebiete des Geiſtes findet daſſelbe ſtatt: dem Ausgehungerten genügt der Groſchenkalender; dem Ueberſättigten ſchmeckt jedoch in beiden Sphären nichts mehr. 9