Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
648
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Welche Erziehung? Ich weiß nichts. Indem man mich für Alles geeignet machte, tauge ich zu nichts gut.

Mein Vater hat ſich zu Grunde gerichtet, um Dich unterrichten zu laſſen. Ueberdies biſt Du ein ſchöner Mann, Du biſt ordentlich, trinkſt nicht, ſtiehlſt nicht, Du wirſt ſchon ein Unterkommen finden. Du wirſt mir jähr⸗ lich funfzig Silberrubel Obrok zahlen.

Funfzig Silberrubel? Seit ich auf der Welt bin, habe ich nie eine ſolche Summe gehabt.

Du wirſt funfzig Rubel bezahlen, ſage ich Dir. Hier iſt Dein Reiſepaß; gehe, wohin Du Luſt haſt, und laß Dich morgen nicht mehr hier ſehen.

Ich konnte nicht ſehr weit gehen, ich hatte nicht einen Kopeken; ich kehrte nach St. Petersburg zurück. Ohne

eigentlich ſtolz auf mich zu ſein, fühlte ich mich doch vielen

Andern überlegen. Es ſchien mir wie meinem Herrn, daß ich eine einträgliche Stelle verdiente. Ich ſtellte mich in den größten Häuſern mit meinem Reiſepaß in der Hand ohne irgend eine andre Empfehlung als meine elende Klei dung und die Sicherheit meiner Haltung vor. Zwei ganze Tage lang betrieb ich das Gewerbe des Bittſtellers, wobei ich mich nur durch das Uebermaß meiner Ermüdung auf den Füßen hielt und mich bloß mit der Hoffnung und den Brutalitä⸗ ten meiner Collegen, die ihre Stellen hatten, ſättigte. Endlich hatte Gott Mitleiden mit mir; ich ließ mich mit dem Kammerdiener eines vornehmen Herrn in Beziehungen ein und durch ſeinen allmächtigen Schutz erhielt ich Zutritt zu ſeinem Herrn, der mir gleich nach dem erſten Blick die Stelle eines Schweizers in ſeinem Vorhauſe anbot. Das war eine glückliche Idee; er beſtellte für mich einen voll⸗ ſtändigen Anzug, und ich muß ſagen, daß ich in meinem mit Gold beſetzten Frack, meinem dreieckigen Hute und meiner Hellebarde eine hübſche Figur machte. Ich empfing hun⸗ dert Silberrubel Lohn; es war mir daher möglich, funfzig Rubel an Iwan Simeonitſch zu zahlen. Gut logirt, gut gekleidet, gut genährt, fühlte ich mich glücklich.

Novellen⸗Zeitung.

Zu dieſer Zeit faßte ich eine ſehr lebhafte und ernſte Liebe für die Tochter eines reichen Kaufmanns, mit der ich in meinen ſeltnen und kurzen Augenblicken der Freiheit eine Bekanntſchaft angeknüpft hatte. Ich wagte es, den Vater um die Hand ſeiner Tochter zu bitten. Er nahm mein

Geſuch an. Olga war jung und ſchönz als ihr Vater ihr meine Abſichten und die Hoffnungen, die er mir gegeben, mittheilte, umarmte ſie ihn zur Antwort und das in meiner Gegenwart! O, wie ſchlug mein Herz an jenem Tage! Eine dichte Wolke zog vor meinen Augen vorüberz ich vergaß Alles, ich vergaß mich ſelbſt bis zu dem Punkte, daß ich mich in meinem Herzen eben ſo groß wie der Kaiſer ſelbſt fühlte. Ich ſollte dem Vater meiner Braut bis zu dem Tage in ſeinem Handel beiſtehen, wo er mich für fähig erachten würde, ihn ganz zu erſetzen. Gott legte mir Ver⸗ mögen und Glück in die Hände.

Ich lief zu meinem Herrn; ich ſtürzte mich ihm zu Füßen; ich bat ihn mit gefalteten Händen, mir die Erlaub⸗ niß zu bewilligen, mich verheirathen zu dürfen.

Dich verheirathen? Und mit wem denn?

Ich erzählte ihm Alles ganz auführlich. Meine Stimme zitterte; ein brennender Schweiß benetzte mich. In einem großen Armſtuhl ſitzend und ſeinen Schnurrbart kräuſelnd, dachte er lange nach. Wäre er weniger mit ſeinen Gedanken beſchäftigt geweſen, ſo hätte er das Klopfen meines Herzens hören müſſen.

Weißt Du wohl, ſagte er endlich zu mir,daß das für Dich ein gutes Geſchäft iſt? Du kannſt daraus ſehell was die Erziehung werth iſt, die mein Vater Dir gegeben hat. Ohne ihn würdeſt Du noch ein ungehobelter Baus ſein; ihm haſt Du es zu verdanken ja wirſt reich ſein, wenn ich will.

Ich zitterte an allen meinen Gliedern.

Nun gut! Es mag ſein, fuhr er nach einen Jahrhundert des Schweigens fort;ich will meine Einwil ligung dazu geben, daß Du die Tochter des reichen Kauf

auf den leichten Fahrzeugen Ancona's den nahenden Dreimaſtern der Oeſterreicher zu entgehen, die letzte Hoffnung. Doch auch dieſe Hoffnung wurde vereitelt. Prinz Louis erkrankte, wie ſein

Bruder, an den Maſern. Jetzt zeigte ſich die Seelenſtärke und nd ichte. Sie miethete von der Wache unbeläſtigt, zu dem harrenden Wagen. Der Pri

Geiſtesgegenwart der Mutter in glänzendem?

einen Platz auf einem nach Corfu ſegelnden Schiffe und ließ dem ſchwang ſich als Bedienter hin Anſcheine nach Alles zur Abreiſe rüſten. Ihre Diener gingen zwiſchen dem Schloß und dem Schiff hin und her, wie mit Vor⸗ chiff am Abende die Segel und Toscana hindurch das Mittelmeer erreicht. In Tolentin Louis Napoleon nach wurde der Prinz von einem Italiener erkannt, der auch doß

bereitungen beſchäftigt, und als das S lichtete, war es ſtadtkundig in Ancona, daß L

Corfu abgereiſt, wie es denn auch dem beſorgten Exkönig in Flo⸗ a Den Er⸗ machte; doch da die Päſſe der Herzogin von Saint⸗Leu in Om

Da nung waren und der Officier zu edel dachte, um polizeiliſ daß der öſterreichiſche Feld⸗ unterſuchungen anzuſtellen, ſo hatte dieſe Entdeckung keit

renz von der vorſichtigen Mutter geſchrieben ward. krankten barg dieſe jetzt in einer Kammer neben der ihrigen. kam zu ihrem Schreck die Nachricht, ſ marſchalllieutenant Monrad Baron Geppert ebenfalls Schloſſe wohnen werde. Sein Zimmer war von dem des v

Flüchtlings nur durch eine Thür getrennt, und wenn der Kranke huſtete, eilte die Mutter hinzu und legte ihm die Hand auf den nicht und ihr Sohn warf ſich in jener2

Oeſterreicher hindurch zu bewerkſtelligen. Einer der Bediente mußte ſich krank ſtellen; Prinz Louis zog ſeine Livree an, und der Frühe des Morgens ſchritt die Königin, von ihm begleite

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durch die mit ſchlafenden Oeſterreichern angefüllten, Vorzimmah

ten auf und bald hatten ſie d Thore Ancona's hinter ſich. Doch noch ſtand eine Menge vo Fährlichkeiten und Abenteuern bevor, bis ſie durch die Romagn

öſterreichiſchen Befehlshaber von ſeiner Entdeckung Mittheilum

in dieſem weiteren Folgen. In⸗ Camoscia drängten ſich die Flüchtlinge, d erfolgten aus der Romagna nach Corſika zu entkommen ſuchten. Viele vo

ihnen kannten den Prinzen. Hortenſe verließ deßhalb den Wagſ Apathie, welche damdh

Mund, damit er ſich nicht verrathe. Den ganzen Tag über tönte bei ihm nur eine Frucht der Niederlage war und ihm noch nich

das Sporenklirren der Adjutanten und Ordonnanzen durch die wie ſpäter, für die Bürgſchaft des der Prinz konnte die haufen an der Straße, wo er die N

Flure und auf den Treppen des Schloſſes; Verwünſchungen hören, die wider ihn ausgeſtoßen wurden

Solche Tage angſtvoller Lebensgefahr ſind gewiß unvergeßlich

Erfolges galt, auf einen Steiſ acht ſchlafend zubrachte. W ! Siena, einer Stadt, durch welche ſie immer hindurchzureiſſ 1pflegten, wenn ſie die Tour von Florenz nach Rom machten, 9

als ob das ſchwer zu verkennende Geſicht des Prinzen ebenfalls zu l

Zwar ſtellen es neuerdings öſterreichiſche Berichte ſo dar,

der General von der Anweſenheit des Prinzen gewußt und ſie abſichtlich ignorirt habe; doch ſcheint das bei der Wichtigkeit, als, während ihre Päſſe welche man damals gerade auf die Napoleoniden als die Anſtifter dem Wagen zu verlaſſen un des Aufruhrs legte, wenig wahrſcheinlich. Als Prinz Louis ge⸗

neſen, galt es, die Flucht aus dem Palaſte mitten durch die! Doch alle Gefahren waren glücklich überſtanden, und als

gründeter Beſorgniß Veranlaſſung. Es blieb ihm nichts übrt unterſucht wurden, ſeinen Poſten hin d durch Nebengäßchen nach dem en gegengeſetzten Florenzer Stadtthore zu eilen.

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