Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
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Krankheit, welche ſie immer mehr der Außenwelt entzog und an das liebe Haus, das eigene Zimmer feſſelte. Sie ſelbſt hat ſich niemals als eine Kranke betrachtet, ſich niemals die verzeihlichen Launen einer ſolchen geſtattet. Habe ich ihren Zuſtand recht aufgefaßt, ſo war es ein Hinſchwinden aller Kräfte, ein Ermatten und Erſterben der Lebensflamme. Wenn aber auch das phyſiſche Leben ſich mehr und mehr dem Ende zuneigte, ſo entfaltete das geiſtige ſich ſtets freier und klarer aus der Fülle des inneren Reichthums. Immer liebevoller und großherziger trat Marie's edler Charakter hervor und feſſelte Eltern, Geſchwiſter, Freunde mit unzer⸗ trennlichen Liebesbanden an ſie. Die trüben, bangen Stunden, die Leiden, welche ſie doch ab und zu heimſuch⸗ ten, die Schmerzen und Stürme, welche keinem Menſchen⸗

leben fremd bleiben und ihre Dichtungen ſcheinen mir

zu bekunden, daß ſie wußte, was Schmerz ſei trug ſie mit frommer, freudiger Ergebung, in dem feſten Glauben an eine liebe, leitende Vaterhand, der ja dem Leide, ſelbſt dem Tode ſeinen Stachel nimmt. In den letzten Tagen des Juni, gerade nach einer beſſeren Zeit in ihrem Befin⸗ den, erkrankte Marie anſcheinend leicht an einer Entzün⸗ dung, der ſogleich alle erdenkliche Hülfe geſchafft wurde, die aber trotzdem einen tödtlichen Charakter annahm. Es waren ſo wenige Kräfte in dem zarten Körper geblieben, daß der Tod einen leichten Sieg hatte. In den Armen der treuen Mutter hauchte ſie am 30. Juni 1859 ihren letzten Seufzer aus

Am nächſten Sonntag in der frühſten Morgenſtunde wurde die ſterbliche Hülle der Theuren zur Ruheſtätte ge⸗ führt. Außer der eigenen Familie geleitete ſie eine kleine Schaar tief trauernder, ihr in treuer Liebe ergebener Freunde und Freundinnen. Ein wunderbar lieblicher, leuchtender Morgen lag über der Welt; es war, als hätte die Natur ihren ſchönſten Schmuck an Glanz, Duft und Friſche angethan. Blumen und Gräſer ſtanden im Mor⸗ genthau, wie von perlenden Thränen ſchwer, als wüßten

Novellen⸗Zeitung.

ſie, daß man die Freundin und Sängerin der Natur,

die ſie oft belauſcht und nach ihnen geſchaut mit den lieben, ſinnenden Augen, die von ihnen erzählt und ſie verherrlicht in wunderſamer Weiſe, daß man ſie in das Grab ſenke. Durch das dichte Grün, durch die alten ſchönen Bäume, welche die Familiengruft umſchatten, fand die Morgen⸗ ſonne doch einen Weg und goß ihre warmen, goldigen Strahlen ringsumher, die Trauerfeierlichkeit wie mit einem verklärenden Scheine umwebend. Tiefe Sabbathſtille lag ob Wald und Flur, ſüße Ruhe über dem Friedhofe. Die Bäume wehten und flüſterten leiſe, die Vögel ſangen ſanft und ſüß, die Worte des Geiſtlichen drangen tröſtend und erhebend in die tiefverwundeten Herzen, während man die Vielgeliebte, Unvergeßliche in das Grab ſenkte.

Und ſo ruhe ſie ſanft, die edle Jungfrau mit dem großen, liebereichen Herzen, die beſte der Töchter, die liebſte der Schweſtern, die treuſte der Freundinnen! Sanft ruhe ſie, die Dichterin, deren reiches, ſchönes Talent ſo edle un⸗ verwelkliche Blüthen trieb, die ihr kurzes Daſein lange

überleben und ihren ſtillen Grabhügel umgrünen und um⸗

duften werden.

Daß ich die dankbare Anerkennung und Bewunderung für die ſchönen Gaben, welche das Talent der Dichterin uns gereicht, hier im Namen Vieler noch einmal aus⸗ ſprechen und als Blumen auf ihr Grab legen durfte, hat mir eine freudige, ehrenvolle Genugthuung gewährt.

Den friſchen, immer grünen Kranz verdienten Lobes

und Ruhmes hat ſie ſich ſelbſt geflochten, doch meine Hand

durfte ihn um den NamenMarie Peterſen winden. Sanft ruhe ſie in Gott! Sophie Verena.

Maßregeln wußte Arioſto bald die Ruhe herzuſtellen und brachte die Gemüther der Einwohner, namentlich auch der Räuber, die den Namen des neuen Befehlshabers noch nicht einmal kannten, auf ſeine Seite. Als er eines Tages, in poetiſche Gedanken ver⸗ ſunken, im Schlafrocke die Feſtung, in der er ſich aufhielt, verließ, gerieth er in die Hände der Räuber. Doch einer derſelben erkannte ihn ſogleich und berichtete dem Anführer, daß es Signor Arioſto wäre. Bei dieſem wohlbekannten Namen fielen alle Räuber ihrem Gefangenen zu Füßen, verſicherten ibhm, daß er nichts zu fürchten habe, erwieſen ihm alle Freundſchaft, begleiteten ihn bis an die Feſtung zurück und ſagten ihm, daß der Name eines Dichters ihnen den Titel eines Gouverneurs an ihm ehrwürdig mache. L.

Ein neues Luſtſpiel von george Sand.

Marguerite de Sainte-Gemme iſt der Titel eines neuen Luſt⸗ ſpieles der Madame Düdevant, die ſich mit beſonderer Vorliebe,

doch nicht mit beſonderem Glücke auf dem dramatiſchen Gebiete

ergeht. Auch dieſes neueſte Erzeugniß ihres Geiſtes ſcheint nicht dazu beſtimmt zu ſein, einen bedeutenden Erfolg und ein längeres Leben zu erringen. Der Gattung der feinen Intriguen⸗Luſtſpiele angehörend, treibt es die Dinge oft etwas zu ſehr auf die Spitze und iſt dabei nicht ohne den frivolen Beigeſchmack, durch welchen die Verfaſſerin ihre literariſchen Erzeugniſſe zu würzen liebt. Die Intrigue iſt dabei ſo fein, daß es oft der angeſtrengteſten Aufmerkſamkeit bedarf, den Faden nicht zu verlieren. a.

Worte für Welt und Haus.

Wer ununterbrochen ſchwatzt, wird endlich doch gehört. Er iſt ein Mühlrad, an das man ſich faſt gewöhnt, ohne es zu be⸗ merken; aber in abgeſpannten Momenten zwingt es dennoch einſt unſer Ohr, ſeinem Geräuſch zu lauſchen.

Theile mit dem Freunde Hab und Gut, und Du gibſt ihm viel; hilf ihm ſeine Sitten veredeln, und Du gibſt ihm mehr; be⸗ theiligſt Du Dich aber mit aller Wärme und fördernden Hinge⸗ bung an ſeinen Productionen, als ob es Deine wären, ſo bringſt Du ihm das größte Liebesopfer, deſſen die Menſchenſeele fähig iſt.

Hätten wir die Stunden zurück, die wir daran ſetzten, Uner⸗ forſchliches zu ergründen, würden wir manchen erreichbaren Schatz gehoben haben. Doch das Dunkel eben zieht unſern Geiſt an und verbraucht ſeine Thätigkeit, wie die ſchwarze Farbe die Licht⸗ ſtrahlen am meiſten einſaugt und conſumirt.

Um wie viel leichter iſt es, einen Gedanken gelehrt und rich⸗ tig, als leicht verſtändlich und richtig auszudrücken! Im erſteren Fall braucht man ihn nicht ganz zu beherrſchen, denn der gebil⸗ dete Sinn lieſt ergänzend zwiſchen den Zeilen. Im zweiten muß man mit ihm ſpielen, ihn nach allen Seiten wenden können, damit man forſche, von welcher Seite er am faßlichſten erſcheint, denn der Laie lieſt nichts weiter als den Buchſtaben. Hierin liegt die ganze Schwierigkeit des Volksunterrichtes und der Schrift⸗ ſtellerei für das Volk. 3.

[V. Jahrg. V A-

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