Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
637
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8 Jahrg.

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4 7. 4. echtes Bild ihrer Lieblinge entgegen.

Rr. 40.)

reichſter ſchöpferiſcher Phantaſie, charaktervoller Tüchtigkeit und durchdringenden Verſtandes. Gründliche, gediegene Kenntniſſe, eine äſthetiſche Bildung, die ein Verſtändniß der Kunſt und ihrer herrlichen Schöpfungen nach allen Richtungen hin möglich machte, ein ſcharfer, klarer Blick für die ernſten praktiſchen Seiten des Lebens und ſeine Anforderungen, eine tiefe, wahre Frömmigkeit, das war der feſte Grund und Boden, auf den ihr Talent ſich ſtützte und nun, getragen und gehoben durch eine ungewöhnlich blühende Phantaſie, eine Zartheit und Innigkeit des Em⸗ pfindens, dieſe gemüthsreichen, duftigen Gebilde ſchuf, welche mich und ſo Viele mit mir entzückten.

Es kam der ganzen Entwicklung des jungen Mädchens und der Dichterin, deren ſehr zarte Geſundheit große Thä⸗ tigkeit nach außen, ein häufiges Verkehren mit der größeren Welt unmöglich machte, ſehr zu Statten, daß das Leben im Vaterhauſe ein ſo liebes, ihr zuſagendes war, daß ſie im Familienkreiſe volles Genügen fand. Nicht nur, daß es traulich und gemüthlich am eigenen Heerde war, für alles Große und Schöne gab es dort ein Verſtändniß, und beſonders wurde gute, alte Muſik in edelſter Weiſe gepflegt und ausgeübt. Marie fühlte ſich wohl dabei, und dieſe feſte Wurzeln in der Familie, dieſes Halten und Um⸗ faſſen des eigenenHeim eutfaltete mehr und mehr jene mädchenhafte Schüchternheit und Weiblichkeit, jenen Zart⸗ ſinn in ihr, der ſo wohlthuend harmoniſch durch ihre Dich⸗ tungen weht und ſich bis auf ihr kleinſtes Thun und Han⸗ deln erſtreckt haben ſoll.

Ja, in der Stille des Vaterhauſes, beſchienen von der Sonne häuslichen Friedens, warmer Familienliebe, und doch getränkt von mancher heißen Schmerzenszähre denn welches Menſchen und beſonders welches Dichters Herz könnte dieſen befruchtenden Thau zu ſeiner Entwicklung entbehren erblühte mehr und mehr ihr Talent; wohl ſchwerlich hätte es ſich in dem geräuſchvollen Welttreiben in dieſer Weiſe entfaltet. Nur der Beſchaulichkeit eines

Dritte folge

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reichen Stilllebens, wie Marie es führte, das ſo wohl geeignet iſt, ſich in die Seele der Natur, in die Tiefe des Menſchenherzens zu verſenken konnten dieſe Schöpfungen entkeimen. Und welch ein offenes Auge, welches tiefe Er⸗ faſſen hatte unſere Dichterin für die Wunder und Herrlich⸗ keiten der Gotteswelt! wie belauſchte ſie die Natur in ihrem geheimnißvollen Weben und Schaffen! wie wurde Waldes⸗ grün und Bergeshöh, Baum und Quell, Blumen und Gräſer durch ihre poetiſche Phantaſie belebt! Gerade ihre Schilderungen der Natur in ihren verſchiedenſten Zuſtän⸗ den und Stimmungen ſind von ſeltener Schönheit und Meiſterſchaft. Die beiden Dichtungen:Prinzeſſin Ilſe unddie Irrlichter ſind redende Zeugen dafür. Sie tre⸗ ten auf als demüthige Kinder, einfach und beſcheiden, und ſind doch voll bedeutſamer Worte, voll großer, tiefer Wahr⸗ heiten; ſie bieten dem, der ſie nur recht leſen und verſtehen will, mehr als eine leichte, angenehme Unterhaltungs⸗Lec⸗ türe. Ob die Verfaſſerin vor den beiden Büchern viel geſchaffen und geſchrieben, iſt mir unbekannt, dennoch iſt es anzunehmen, da ſelbſt die höchſte Begabung nur durch

Uebung dieſe Vollendung der Darſtellung und maßvolle

Reinheit der Form erlangt. Mit großer Mühe gelang es, ſie zu beſtimmen, dieſe beiden Geiſtesproducte der Oeffent⸗ lichkeit zu übergeben. Nur das Verſprechen, das ſtrengſte, unverbrüchlichſte Schweigen über ſie und ihren Namen zu beobachten, vermochte ſie endlich, den Bitten ihrer Freunde nachzugeben, welche mit richtigem Blick erſchaut, wie vielen Anklang dieſe ſinnigen, lieblichen Schöpfungen finden wür⸗ den. Aber auch nicht der glänzende Erfolg vermochte die Dichterin, aus ihrer Zurückgezogenheit hervorzutreten; ein ſicheres Zeichen, wie wenig es ihr um den Ruhm zu thun war.

Ihr Geſundheitszuſtand, der, wie ſchon erwähnt, ſtets von der zarteſten Beſchaffenheit war, nahm an Schwäche und Kraftloſigkeit in den letzten Jahren auf eine Beſorgniß erregende Weiſe zu. Dennoch war es keine entſchiedene

betitelte, hätte ſicher den Reiz des orienkaliſchen Reimes nicht geopfert, wenn er ihn gekannt hätte.

Solche Offenherzigkeiten machen einen guten Eindruck, wo man, wie bei Goedecke, im Ganzen die vollſte Herzenswärme der Verehrung und höchſten Ueberzeugung antrifft. Das Urtheil des Verfaſſers iſt ſcharf, fein und treffend und er ſcheut ſich nicht, die Vorurtheile der Geſellſchaft und der Stände zu enthüllen.

Das über Schillers Leben und literariſchen Charakter Ge⸗ ſagte iſt äußerſt umſichtig, und hier, wie bei Goethe's Biographie, findet man beiläufig aufklärende Streiflichter über manche Irr⸗ thümer und Dunkelheiten wohlthätig verbreitet. Beſonders aber fällt in der Schiller gewidmeten Partie der Hauptübelſtand auf, welchen dies Buch hat und welcher in einer ſpäteren Auflage leicht zu verbeſſern ſein wird. Es iſt zu kurz, zu gedrängt gefaßt, und ich glaube, der Autor oder Verleger hat zu ſehr Sorge gehabt, daß 50 Seiten mehr dem Intereſſe Abbruch thäten. Gewiß wird man künftig gern ſolche mit in den Kauf nehmen, ſich aber in Bezug auf formellen Ueberblick beim Leſen oder gar Vorleſen ſehr wohl fühlen, wenn ſich in der Schreibweiſe etwas mehr Abſätze einſtellten. Gegenwärtig findet ſich manchmal in 4, ſogar in 8, ja in 15 auf einander folgenden Seiten kein einziger Abſatz, und dieſe Langathmigkeit beängſtigt Auge und Bruſt. Durch zwei Seiten mehr hätte man dem Leſer 70 Erleichterungspunkte bieten können. Schwachheit iſt nun einmal des Menſchen Theil auf Erden.

3 Das deutſche Bublicum möge ſich die Lectüre des beſprochenen uches nicht entgehen laſſen, denn es blickt ihm daraus ein treues Otto Banck.

Miscellen.

Der Wachsbaum.

Auf Anordnung der franzöſiſchen Regierung iſt in der dem Staate gehörigen Baumſchule in Algerien ein Verſuch mit dem Anbau eines ſehr nutzbaren Baumes gemacht, der vollkommen geglückt iſt. Es handelt ſich dabei um den Goingamadou oder den Wachsbaum von Cayenne, welcher Wachs liefert, das dem von den Bienen gewonnenen ganz gleich und im Gebrauch eben ſo vortheilhaft wie dieſes iſt. Dabei iſt der Anbau dieſes Baumes ſehr leicht und gar nicht koſtſpielig. Man verſichert, jeder ausge⸗ wachſene Wachsbaum liefere jährlich 20 bis 25 Kilogramm (40 50 Pfd.) Wachs. Die franzöſiſche Regierung ſoll die Abſicht haben, auf der ihr in der Colonie gehörigen Länderei eine ganze Hectare Land mit dem Wachsbaum bepflanzen zu laſſen. Da zu erwarten ſteht, daß die Coloniſten ſich ebenfalls bald auf den An⸗ bau dieſes Baumes legen werden, ſo ſtehen dadurch für Algerien manche neue Induſtriezweige in nicht ferner Ausſicht. C.

Die zartfühlenden Räuber.

Arioſto, der Dichter des raſenden Roland, war außer ſeiner Dichtkunſt auch den Staatsgeſchäften nicht fremd. Einſt wurde ihm die Verwaltung einer Provinz in den Apenninen übertragen, die einen Aufruhr erregt hatte und überdies durch Banditen und Räuber beunruhigt wurde, welche ſich nach Ausübung aller möglichen Gräuel in die Gebirge zurückzogen, in deren unzu⸗ gänglichen Verſtecken ſie ſich ſicher fühlten. Durch umſichtige

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