634 ich, daß mein Haupt mit einem Tuch verbunden war. So lag ich denn auf dem Rücken und ſchauete empor zu dem ſtillen Vollmond, und hatt' ich ein Gefühl, als müſſe ich ewig in dieſem Schwindel und Vergeſſen bleiben, ſollte ich nicht vor Elend und Schreck zu Grunde gehen. So dacht' ich denn an mein Vaterhaus in der fernen Mark, zu Ber⸗ nau, an meine Mutter Euphemia, an meinen Vater, an meine Geſchwiſter— da hörete ich Stimmen in meiner Nähe, und ein Schatten fiel über mich.„Hier, hier!“ ſagte Jemand, ich ſchrak zuſammen und ſchloß die Augen, um nicht zu ſehen.—„Er iſt noch immer ohnmächtig, reiche mir noch einmal das Balſamfläſchlein, Euphemia!“ ſagte dieſelbe Stimme.„Euphemia?!“ ich zitterte bei dieſem Namen zuſammen und wollte mich aufrichten.„Er lebt, er lebt! Gelobt ſei Gott!“ ertönte eine andere ſüße Stimme. Eine weiche, warme Hand nahm die meinige. „Es wird das Beſte ſein, wenn wir ihn jetzt fortſchaffen, Herr Syndicus,“ ſagte ein Dritter.—„Ja wohl, ehr⸗ würdiger Herr— da kommt die Bahre ſchon— welche Nacht! welche Nacht!“—„Man ſieht den Feuerſchein am Himmel nicht mehr; was hat der Thürmer meiner Ulrichs⸗ kirche noch Sturm zu läuten?“—„Laſſet ihn, Herr Wi⸗ gandus, ſchaffen wir zuerſt nur unſer Schülerlein in mein Haus! Hier Leute— Euphemia, unterſtütze ſein Haupt! So.“—
Ich ward auf eine Bahre gehoben, die Träger ſetzten ſich in Bewegung, und der Zug ging durch die Straßen. Ich war wie in einem ſeltſamen Traume. Oft befanden wir uns allein in einer verödeten Gaſſe, oft wurden wir durch ein wildes Gewühl am Vorſchreiten gehindert. Dann ſah ich Waffen um mich her blitzen, hörte Trommeln und wildes Geſchrei— was war das? was war das?—— Manchmal griff ich einzelne Worte auf.—„Der Student — todt— der italiſche Goldſchmied— das Haus brennt noch— Alles Aſche.“—
Ich verlor wieder die Beſinnung und diesmal für
Novellen⸗Zeitung.
lange, lange Zeit; denn als ich wieder erwachte zum Licht, waren die Bäume entblättert, und lag Schnee auf den Dächern. In dem Hauſe des Herrn Syndicus Pfeil ſtand mein Schmerzenslager, und das holde Geſicht ſeiner Toch⸗ ter Euphemia war das erſte, was ich wieder erkannte nach der langen, finſtern Nacht der Vergeſſenheit. In Deinen Rath, Herr Gott, befehlen wir unſer Seelenheil; was ver⸗ nahm ich, als ich wieder denken konnt'! Wehe, wehe, wie hatte der böſe Feind Haus gehalten und mir allein nichts anhaben können! Was hatten mir der Herr Syndicus und der ehrwürdige Herr Wigand von Sanct Ulrich zu erzäh⸗ len! Alle todt! todt! todt! Die ſchöne Felicia, der greiſe Meiſter Malco Guarnieri! Todt der unſelige Paul Hal⸗ ſinger! Todt der Ohm Lamprecht! Ich allein durch Gottes wunderbaren Schutz gerettet aus den Flammen des Hauſes in der venediſchen Straße! Ich wand mich wie ein Wurm auf meinem Lager, zu deſſen Fußende Euphemia weinte.
Ein barmherziger Bürger, der mich kannte, hatte mich Ohnmächtigen aus dem Getümmel und Blut hervorgezogen und auf die Gaſſe hinabgeſchleppt und mich mit Hülfe an⸗ derer barmherziger Samaritaner auf dem Katharinenkirch⸗ hof niedergeleget. Da hatt' mich der Herr Syndicus, welcher ſeine Tochter aus dem Hauſe einer Verwandten in der venediſchen Straße errettete, gefunden, und der Pfar⸗ rer Wigand ihm geholfen, mich fortzuſchaffen. Wehe, wehe! Felicia! Wehe, Paul!... Laſſet mich, ich kann nicht weiter ſprechen— am Tage des jüngſten Gerichtes werden die Menſchen ſolches Herzklopfen haben, wie ich bei dieſer Erinnerung!...
...„Weiter! weiter, ihr Kinder, ſinget weiter“...
„Es bricht herein die dunkel' Nacht. Schütze uns Gott mit Deiner Macht! Laß leuchten Deine Sternelein,
Sende Deine heiligen Engelein!
Führe uns ſicher auf unſerm Weg,
Laß uns nit gleiten vom ſchmalen Steg!
ſchönen Renner den Namen dieſes Räubers gegeben habe, antwor⸗ tete er ihm mit dem Wortſpiel:
„Parce qu'il vole.“—(Voler fliegen und ſtehlen).
Seine Erfolge bei den Wettrennen erwarben ihm eine Art von Popularität. Weil er ſtets prachtvolle Pferde und glänzende Equipagen beſaß, ſo ſagte man, ſobald eine glänzende Equipage über die Boulevards fuhr:„Es iſt Lord Seymour.“ So kam es auch, daß man die oben erwähnte Carnevalscavalcade ihm zuſchrieb, während ein gewiſſer ſehr reicher Labattu ſich es eine Zeitlang jährlich 10,000 Franken koſten ließ, um ſich damit in Paris einen Namen zu erwerben. Als er ſah, daß ſeine Anſtrengung nutzlos war und daß das große Publicum bei ſeiner Meinung blieb, nur Lord Seymour könne es ſich einfallen laſſen, ſoviel Geld auf einen Faſchingszug zu verwenden, beſchloß er, ſeinem undankbaren Vaterlande den Rücken zu kehren, und begab ſich mit ſeiner ganzen Habe nach Florenz, wo er ſeinen glänzenden Reichthum in ähn⸗ licher Art entfaltete, ohne jedoch ſeinen Traum und ſein Ziel, ſeinem Namen eine Berühmtheit zu verſchaffen, zu erreichen, denn wenn er in ſeiner prachtvollen Equipage einherfuhr, ſo hieß es ſtets:„Es iſt ein engliſcher Mylord.“ England lag überall wie ein Alpdrücken auf ihm, und der Verdruß darüber hat ihm das Leben gekoſtet.
Als nun in Folge der Abreiſe Labattu's nach Florenz im folgenden Jahre die prachtvolle Cavalcade bei dem Faſching nicht mehr erſchien, ſagten Einige: Lord Seymour ſei nach London zurückgereiſt; Andre dagegen: er iſt am Spleen geſtorben; ja Manche wollten ſogar wiſſen, er habe ſich eine Kugel durchs Ge⸗ hirn gejagt, während Lord Seymour zu derſelben Zeit in dem Hotel ſeiner Mutter, die über dem Café de Paris wohnte und im!
nover, Ehlermann.
vorigen Jahre daſelbſt geſtorben iſt, ganz ruhig das Faſchingtreiben ſich anſah.. Die Februarrevolution von 1848 mißfiel ihm ſo ſehr, daß er Paris den Rücken kehrte und Boulogne sur mer zu ſeinem Wohn⸗ ſitz wählte. Nach einigen Jahren kehrte er endlich nach Paris zurück, war aber nur der Schatten von dem, was er früher ge⸗ weſen war, und verlebte hier ſehr traurige Tage. In Folge deſſen war er von dem Pariſer Publicum längſt vergeſſen, als der Tod ſeinem Leben ein Ende machte. Glücklicher Weiſe hatte er durch ſein Teſtament dafür Sorge getragen, daß ſein Andenken nach ſeinem Tode mehr in Ehren gehalten werden wird, als es bei ſei⸗ nen Lebenszeiten der Fall war. Er hat nämlich die Spitäler
in Paris und London zu Univerſal⸗Erben ſeines ganzen Ver⸗
mögens eingeſetzt und dabei zugleich angeordnet, daß das Erbtheil der Pariſer Spitäler in unveräußerlichen Immobilien angelegt werden ſoll. Die General-Verwaltung der Wohlthätigkeits⸗An⸗ ſtalten in Paris theilt dieſe Nachricht im Moniteur mit und ſagt dabei:„Es iſt Pflicht der Behörde, der allgemeinen Dankbarkeit den Namen dieſes edeln Wohlthäters zu bezelchnen, der, indem er die Armen von Paris und London in ſeine Güter theilte, ſo viel er vermochte, dazu beitrug, die Bande noch enger zu knüpfen, welche die beiden Hauptſtädte der civiliſirten Welt bereits ſchon ſo innig verbinden.“ C.
Literatur. Goethe und Schiller. Von Carl Goedecke. Han⸗ 1859.. Dieſes Werk liegt bereits in zweiter Auflage vor, jedoch es
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