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Holz genug vorräthig und ſein Meiler bereits geſchichtet und ordentlich in Brand geſteckt war, ſo war ſeine liebſte Unter—
Noveſſen⸗Zeitung.
haltung die mit einem ſehr alten Holzhauer, der viel zu
ihm kam und in der ganzen Gegend als ſo wenig redend und in ſich gekehrt bekannt war, daß man ihn den Stum— men nannte.
„Im Grunde war er aber nichts weniger als ſtumm, ſondern er konnte gar gut reden und hatte viel mehr Bil⸗ dung als alle andern Gefährten ſeines Gewerbes. Es ging die Rede, er ſei vor grauen Jahren in ſeiner Jugend als Officier mit ſehr ſchöner Uniform hier angekommen und hätte dem Geiſtlichen erzählt, daß ein hoher Preis auf ſeinen Kopf geſetzt ſei. Sein Vergehen mußte jedoch ein politiſches und derart geweſen ſein, daß man ihm erlauben kounte, in hieſiger Gegend zu bleiben. Er wies jedoch alle andern Beſchäftigungen zurück, die man ihm in Stanz an⸗ bot, und wollte nur im Walde leben und von der Welt und ihrem Treiben fern ſein. So kannten ihn denn die Leute bald nur als Holzhauer, denn ſeine Uniform hatte er ver⸗ brannt und nur zwei Orden zurückbehalten, die er heimlich unter ſeinem Anzug trug und Niemanden ſehen ließ.
„Dieſer alte Mann hatte ſich an meinen Großvater an⸗ geſchloſſen und ging ſonſt mit keinem Kameraden um. Sonntags kam er mit einem Buche ſehr häufig zu meinem Großvater, und ſie ſetzten ſich dann in einen verborgenen Winkel'des Waldes und der Alte las vor und ſein Zuhö⸗ rer war ganz Ohr für den Inhalt des alten Buches, dies aber handelte von lauter verborgenen Schätzen, von deren Hebung und von dem Umgehn der Geiſter, welche in Rui⸗ nen oder auf ſonſt verrufenen Stellen Schätze bewachen. Was in dem Buche nicht genau angegeben ſtand, darüber belehrte der Holzhauer meinen Großvater mündlich, und ſo ſaßen ſie oft ſtundenlang und nur meine Großmutter hörte von Zeit zu Zeit ihre Geſpräche. Dieſer Umgang dauerte viele Jahre.
„Waren Kohlen genug gebrannt, ſo wanderte mein
Großvater in die benachbarte Gegend, weil ſie oft auf dieſe Weiſe vortheilhafter als an Ort und Stelle zu ver⸗ kaufen ſind.
„Eines Tages kam er von ſolcher zwei Tage langen Wanderung ganz verſtört nach Hauſe, und meine Großmutter konnte lange nicht herausbringen, was dem ſonſt ſo mu⸗ thigen Mann begegnet ſei, denn er war bleich und konnte kaum Kräfte finden zum Arbeiten.
„Endlich gelang es den Grund ſeiner Verwandlung
zu erfahren. Er hatte in Alpnach abermals einige Sagen
gehört, welche man ſich vom Pilatusberg erzählte und welche auch in unſerm Wald heimathbekannt waren. Es ſollen oben an einer ſelten betretenen Stelle des Berges verborgene Schätze liegen, und von Zeit zu Zeit habe ſich einem Eingeweihten um die Stunde des Mittags oder der Mitternacht der Felſen geöffnet, ihm ſeine Wunder gezeigt und den Neugierigen in die unterirdiſchen Gänge hinein⸗ gelockt, aus dem eer dann ſeiner Meinung nach ſehr bald wieder herausgeeilt ſei. In Wahrheit aber wäre er ein volles Jahrhundert in der Tiefe des Erzes geweſen und habe über dem Anblick des Reichthums die Zeit vergeſſen.
Draußen aber ſei er von Niemand wieder erkannt worden,
und man habe ihm vielleicht das Grab ſeines Enkels ge⸗ zeigt, der dort als verheiratheter Mann beerdigt ſei, wäh⸗ rend er, der Verſchwundene, als er in den Berg ging, kaum einen jahralten Sohn gehabt habe. Andere aber, die auf den Berg geſtiegen wären, um die geheimnißvolle Höhle zu finden, ſeien oft nie wieder geſehn worden, oder von Ge⸗ ſtalten zurückgetrieben, welche die Schätze gehütet hätten.
„Mein Großvater, durch all' dieſe Erzählungen wieder aufgeregt, hatte lange mit ſich gekämpft, endlich aber doch dem Drange nicht widerſtehen können, den Pilatus zu er⸗ ſteigen, um vielleicht die ſeltſame Erſcheinung zu erblicken. In die Höhle hineineingehn wollte er nicht, das hatte er ſich feierlich gelobt, aber ſehen wollte er ſie wenigſtens, wenn ihn das Glück begünſtigte.
ſchreiben, was nur Du und ich wiſſen darf.“— Der Zudringliche,
der immer fort las, nahm nun das Wort und ſagte:„Ich kann es beſchwören, daß ich weder geſehen, noch geleſen habe, was Ihr
da ſchreibt,“ worauf der Gelehrte verſetzte:„Du Dummkopf, warum ſagſt Du denn das, was Du eben ſagteſt?“ S.
Literatur.
Der Stunden Gottesgruß. Von Franziska Gräfin Schwerin. Leipzig, Verlag von Veit& Comp. 1859.
Es iſt ein ſchöner Gedanke der edlen Dichterin, den deutſchen Müttern, welchen dieſes didaktiſche Epos in reizendſter Ausſtat⸗ tung gewidmet iſt, und in welchen ſie„die Gründer einer neuen Zeit“ anerkennt, ein Evangelium zu bieten von dem Gott im Le⸗ ben, um ſolches ihren Kindern zu erzählen und, gemäß ihrer Auf⸗ gabe, ein Gott würdiges Geſchlecht heranzubilden. Mit dem Gott im Leben, wie ihn die Dichterin verſteht, iſt die weitere Bezeich⸗ nung auf dem Titel:„Eine Apotheoſe des Lebens“ gerechtfertigt, die ſonſt, wie auch Kuno Fiſcher's vorgeſetztes Motto, etwas pan⸗ theiſtiſch klingt.— Es hat ſich nach der ſinnig tiefen Richtung die Zeit,„die mächtige, uralte Zauberin,“ die zwölf Stunden zu Bo⸗ ten an die Menſchheit auserwählt. Sie, die zwölf Schweſtern, ſendet die Zeit hinaus, ein Knäblein, einer frommen Mutter Kind, vom erſten Lebensmorgen bis zur Grabespforte zu geleiten. Und ſie begleiten es mit ernſtem Glockenſchlag und weihevollen Grüßen durch alle Stationen ſeiner irdiſchen Pilgerfahrt,
Auf daß das Menſchenherz hier auf der Erde Des Gottesgeiſtes ſchönſter Tempel werde,
Le⸗
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Daß jede Stunde, die das Leben bringe,
Als Gottesgruß ihm an die Seele dringe; und laſſen es den Gott erkennen, wie er ſich offenbart im Mutter⸗ herzen(am Tauftage), im Menſchenwort(dem Scheideworte des ſterbenden Vaters), den Gott in der Natur, in Wiſſenſchaft und Kunſt:
Auch in der Wiſſenſchaft pulſt Gottes Leben,
Und in der Kunſt auch wehet Gottes Geiſt— in der Freude(ein Sängerfeſt), in der Liebe, in der Kraft(der zum Manne Gereifte kämpft für's Vaterland und rettet aus Fein⸗ deshand die ſchwarzrothgoldene Fahne), in der Wahrheit, in der Freiheit(bier läßt ſich die fromm gläubige Chriſtin vernehmen), in der Treue, in der Tugend(noch im Greiſenalter), in dem Frie⸗ den, worin der müde Pilger ſein Auge ſchließend und betend ſpricht:
Bleibe bei mir, Herr, auf meiner Reiſe,
Und laß geſchehen mir, wie ich geglaubt! So inhaltlich der zwölf Schweſtern Gruß und Mahnung. Vor⸗ trefflich iſt der dritten Stunde Grüßen: Gott in der Natur. Was Wald, Berg, Meer, Aehrenfeld, Wieſe, See und Himmelsblau da erzählen, iſt ein reizvolles Landſchaftsbild und eines Thomſon werth, an deſſen Seasons der Referent nur eben ſich geweidet hatte. Köſtlich und naturgetreu iſt S. 75 das Kindergeplauder mit der geliebten Eliſabeth geſchildert Goldene Worte bringt der achten Stunde Grüßen: Gott in der Wahrheit. Sie ſind das Glaubensbekenntniß einer hochherzigen Seele, die ſich über alle Trugbilder und Täuſchungen der Erde erhaben weiß. In ſolchem Spiegel ſollten ſich beſchauen alle Stände, Geſchlechter und Le⸗ bensalter, zumal die emporſtrebende männliche Jugend dieſer Zeit — denn ihr inſonderheit wird dieſer Spiegel vorgehalten, um hin⸗
(V. Jahrg.
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