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kann auch ſeine ſcharfen böſen Klauen in weiche, weiße Patſchhändlein verwandeln und hold blicken und mit den Augen winken, wie die Schlange Empuſa in Afrika, die oben ein ſchön' Weib und unten ein garſtiger Wurm iſt—
„Läſſet ſich nit ferner anſchauen, Ohn ſo weit ſie gleicht einer Frauen—“
locket die jungen, müßigen Geſellen alſo und zerreißt ſie und trinket ihr Herzblut. Weh, was ward aus dem luſtigen Studenten und wackern Geſellen! Muß ich doch heute noch an ſein verwüſtet Bild mit Schmerzen denken.
„Wie'’s Feuer das Stroh küßt und anlacht, Bis daß es Alles zu Aſchen macht—“
ſo hat es auch den armen Paul Halſinger angelacht und geküßt, das Wildfeuer, das der Menſchen Herz leer und öͤde macht, wie eine Kirche Gottes ohne Altar und Orgel, wie eine Kirche, in welcher die Bilderſtürmer gehauſet haben.——— In der venediſchen Straße hatte ſich Paulus ein Gemach gemiethet, da hauſete er nun nach ſeiner Gewohnheit. Ei, ſie kannten ihn bald, die Schenk⸗ wirthe und tollen Geſellen und Vaganten zu Magdeburg, die Mägdelein und die Stadtſchaarwächter! Hing es doch an einem Haar, daß er mich mit hinein gezogen hätte in das wilde Leben, das er führete, hätten mich nicht Herrn Lutheri Wort und meines frommen, todten Mütterleins Ermahnungen und vor Allen ein ſchön Bild, eine Jung⸗ frau, faſt noch ein Kind,— errettet aus der Gefahr. Eu⸗ phemia hieß der holde Schutzengel, Magiſter Burckhart, und ſie war die Tochter des damaligen Syndikus, Herrn Pfeil's, und ward auch mein eheliches Gemahl, Jahre lang nachher, als ich hier in dieſer ſelbigen Stadt Magdeburg nach vielen Fahrten ein Conrector geworden war, Rectore De Edone. Ach, nun iſt mir nichts mehr von ihr übrig, als ihr Gedächtniß und mein Töchterchen Dorothea zu
Oſterburg, Eure Stiefſchweſter, Jonas und Gabriel, der Gott in ihrer ſeligen Noth und Angſt beiſtehen möge. Hieß auch meine Mutter Euphemia, meine Schweſter Eu⸗ phemia, und meiner erſten Braut und Frau Euphemia Mut⸗ ter und Großmutter ebenfalls Euphemia— miro quodam omine! Doch was ſchweif' ich ab? Ging es dem armen Paul wahrlich nicht ſo gut! Der war ein' Waiſ' ſeit früheſten Jahren und hatte ſeine Mutter gar nicht gekannt, und keine keuſche Lieb' hatte ihm ihr ſeliges Lämplein im Herzen angezündet. Ihn ſollt' ein anderes Geſchick treffen!
„Geſchah es eines Tages, daß ich die Staffel zu ſeiner Stube heraufſtieg und bei ihm eintrat gegen Abend. Ich hatt' ihn wochenlang nicht geſehen und auch nicht von ihnn gehöret, welches mir verwunderlich ſchien, denn man ſprach in der Stadt ſchon viel von ihm und ſeinem Treiben. Ich traf ihn lauſchend am Fenſter im Dunkeln, und er⸗ant⸗ wortete meinem Gruß nicht, ſondern drückte mir die Hand auf den Mund und gebot mir ſo Schweigen. Da hörete ich über die Gaſſe einen Klang wie eine Harfe; und eine Frauenſtimme, wie ich ſie noch nie gehört hatte, ſang dazu eine ausländiſche Weiſe, in ausländiſcher Sprache. Auf den Zehen ſchritt ich ebenfalls zum Fenſter hin und lugte hinaus in die dunkle Gaſſe, ob ich nichts von der Sänge⸗ rin erblicken könne. Da ſah ich drüben in einem hohen Hauſe, welches heute nicht mehr ſtehet, ein erleuchtetes Fen⸗ ſter mit einem rothen Tuche verhängt, im Mittelſtocke, in einem hervorragenden Erker. Ein Schatten fiel dagegen und auf ihn hatte Paul Halſinger den Blick gerichtet, wie ein Hoherprieſter auf das Allerheiligſte. So lange der Geſang dauerte, blieb er wie verſteinert, das Fenſterkreuz umklammernd, als habe der böſe Geiſt, den ich einſt im Traume ſah, Beſitz von ihm genommen. Als der Geſang abbrach, ſeufzte er tief, ſetzte ſich auf einen Schemel und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen.
„Paul, Paul!“ rief ich,„was iſt das? was iſt Dir?“ Er antwortete aber nicht, ſondern ließ nur ſeine
Zur Culturgeſchichte. Die Mode der CTitulaturen.
Aus den„Culturſtudien“ gehen über dieſes ſeltſame Thema mancherlei Einzelheiten hervor, von denen wir einige Hauptpunkte in der Betrachtungsweiſe Riehl's mittheilen.
„Wohlgeboren“ war im Mittelalter ein Prädicat des Adels geweſen; gleichbedeutend mit freigeboren war es mehr als eine Höflichkeitsphraſe, es hatte einen ſocialen und ſtaatsrechtlichen Sinn. Als man ſpäter„Hochwohlgeboren“ daraus machte, weil der inzwiſchen ſocial emancipirte Bürgerſtand ſich mit gutem Grund nun gleichfalls wohlgeboren nannte, war ein in ſeiner ſprachlichen Zuſammenſetzung ſinnloſer Rangtitel aus dem alten Standes⸗ prädicat geworden. Im achtzehnten Jahrhundert trieb man nun gar mit Hülfe der„Titelwiſſenſchaft“ die logiſche Confuſion ſo weit, daß man das urſprünglich dem„Wohlgeboren“ gleichbe⸗ deutende„Edelgeboren“ den ganz geringen Bürgern und Prole⸗ tariern zuwies, die nicht vornehm genug erſchienen, daß man ſie noch wohlgeboren hätte nennen mögen!—
Noch im vierzehnten Jahrhundert hatten Grafen und Fürſten die Worte„Ehrſam“ oder„Ehrbar“ als vornehmen Standestitel geführt. Schon nach zweihundert Jahren war derſelbe zum unterſten Rangtitel, zum Titel der Bauern herabgeſunken, der ſich z. B. in Altbayern bis auf dieſen Tag erhalten hat, indem die Bauern ihren Verſtorbenen auf den Grabkreuzen das Prädicat „Ehrſam“ oder„Ehrengeachtet“ beizulegen pflegen. Unter dieſem „EChrſam“ war aber urſprünglich keineswegs die ſittliche Achtbar⸗ keit gemeint, ſondern es galt dem adeligen, zu ritterlichen Ehren geborenen Mann.
Titel aufgekommen ſeien.
Selbſt nach dem dreißigjährigen Krieg noch klagte man, daß in den letztverfloſſenen Zeiten faſt je alle zwanzig Jahre neue Erſt gegen das Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts feſtigten ſich die neuen Rangtitel und blieben im Weſentlichen bis zur franzöſiſchen Revolution. Die meiſten alt⸗ adeligen Häuſer waren binnen kurzer Friſt zum Reichsfreiherrn⸗ und Reichsgrafentitel gekommen, Grafen waren Fürſten gewor⸗ den; der„Jungherr“ war zum Prinzen avandirt und alle Söhne des Adels zu Junkern; jeder Edelmann hieß nun„geſtreng,“ wäh rend vordem nur geſtreng geheißen, wer auch wirklich geſtreng ſein, d. h. in eigener Gerichtsherrlichkeit ſeinen eigenen Galgen aufpflanzen konnte..
Dieſes große Avancement ging hinauf bis zum Kaiſer; denn erſt durch den Vorgang Karls V. ward es allgemein, Kaiſer und Könige, die ſich bis dahin meiſt mit„Hoheit“ und„Gnaden“ begnügt hatten,„Majeſtäten“ zu nennen. Natürlich. Die großen Münzen waren im Cours gefallen; nun mußte man neue prägen, um hohe Werthe auszudrücken. Es iſt aber äußerſt komiſch, daß nun Alle wähnten, vornehmer geworden zu ſein, in der That aber waren ſie alle im alten Range verblieben; denn der Rang des Einzelnen iſt ja immer nur etwas Relatives; er mißt ſich an dem Range der Anderen, und wenn Alle gleichmäßig vor⸗ rücken, ſo bleibt jeder in der Kette des Ganzen doch eigentlich wieder auf demſelben Fleck.
Im ſiebzehnten Jahrhundert war man ſyſtematiſcher, haar⸗ ſpaltender mit den Titeln verfahren; die Subtilität, mit welcher man ſie nach Arten und Unterarten abſtufte, erreichte ihren Gipfel; z. B. hütete man ſich ſehr, einem Doctor der Philoſophie oder Medicin denſelben Titel zu geben, wie einem Doctor der Rechte.
Nr. 39.
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