Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
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Wahrlich, wahrlich! riefen Herr Gabriel und Jo⸗ nas, und nur der Magiſter ſchauete etwas wehmüthig auf das Loch, welches ihm ein muthwilliger Dornenſtrauch in ſein ſchwarzes Schulgewand geriſſen hatte.

Ei, ei, Meiſter Aaron, ſagte der Alte, den Magiſter gutmüthig auf die Schulter klopfend,die edle Kräuter⸗ und Thierkunde erfordert viel Mühen und Schweißtropfen von ihren Jüngern, aber ſie belohnt auch mit weidlicher Freud' das zerriſſene Kleid und die geritzte Hand. Iſt's doch im Leben nicht anders: der Weg zum Himmelreich geht auch durch ein dornenvolles Thränenthalz; glücklich der,

welcher nur Fetzen vom vergänglichen Erdenkleid zurück⸗

läßt und ſeine unſterbliche Seele ganz und heil behält! Aber wir verlieren unſere fröhliche Heerſchaar ganz aus dem Geſicht; wir müſſen ihr doch wohl langſam folgen.

Damit ſetzte der Rector ſeinen Stab in den Graben und ſprang friſch auf die Heerſtraße. Die drei Andern folgten ſeinem Beiſpiel und ſtillſchweigend ſchritt die cohors praetoria hinter dem Zug der hohen Schule von Magde⸗ burg, den man in der Ferne mehr hörte als ſah, her. Der alte Scholarch war in tiefe Gedanken verſunken und ſeine Begleiter unterhielten ſich leiſe, um ihn nicht zu ſtören ſie kannten ſeine Gewohnheit, Reime zu machen im Wan⸗ dern auf der Landſtraße. Aber ſie irrten diesmal, der Rector machte diesmal keine Reime! Plötzlich ſchauete er auf, und einen Augenblick in die untergehende Sonne; dann wandte er ſich an ſeine Geſellſchafter:

Es liegt mir heute etwas ſchwer auf der Seele. Vor langen Jahren begegnete mir einmal ein Ereigniß, das immer wieder auftauchet, und deſſen Erinnerung mich wohl nicht loslaſſen wird bis an mein Grab. Wie kommt es doch, daß ſie heut einmal mit erneuter Macht mich ver⸗ folgt? Ach, es hat mir faſt den ſonnigen Tag verdunkelt.

Ich will euch die Geſchichte erzählen unterwegs. Caput melancholicum est diaboli balneum, ſaget das latei⸗ niſche Sprüchwort, und es hat Recht! Wahrlich, es iſt

Novellen⸗Zeitung.

(nicht gut, wenn man aus ſeinem Herz und Hirn eine Ge⸗ ſpenſterkammer macht. Horcht, wie die Frau Nachtigall hinter uns im Wald ſchlägt: ich will Licht in das Dunkel meiner Seele laſſen; dadurch verſcheucht man die böſen Geiſter und imaginationes am leichteſten. Wieder einmal ein Stücklein aus meinem Leben, von welchem ich ſprechen will, Söhnlein und College! Ihr müſſet mich aber nicht unterbrechen; denn Ihr wiſſet, daß ich Solches nicht lei⸗ den kann. Näher ſchloſſen ſich die drei jungen Männer ſogleich an den alten Meiſter, ſtumm und aufmerkſam lauſchten ſie, und der Rector Rollenhagen begann:

Als ich euch zuletzt von meiner Jugend, meinem Vaganten⸗ und Scholarenleben erzählte, hab' ich Euch ge⸗ ſagt, daß ich im Jahr nach der Geburt unſers Herrn 1558 nach Mansfeld kam zu dem Kanzler des Grafen, Herrn Georg Müller, als Pädagog und Informator. Wahrlich, das war ein hart Leben, und erwuchs mir eine ziemliche Gefahr aus dem Streit zwiſchen Herrn Joſias Seidelius und dem Superintendenten, Herrn Coelius, in welchen ich eingriff wie der Aff' ins Feuer und entweichen mußte, ein achtzehnjährig Schülerlein anno domini 1559 aus Haus und Futter. Ei, Söhnlein, die Rollenhagen haben nie zu Hofe gut Glück gehabt, und glaube mir, es iſt gar gut ſein sub serto virgineo, unter dem magde⸗ burgiſchen jungfräulichen Kranz; beſſer als unter Löwen und Bären, denn eine Jungfrau, wenn man auch ſie etwas erzürnet, läſſet ſich doch leichter wieder erbitten und ver⸗ ſöhnen, als das ſtolze Wappengethier der Löwen und Bären.

So höret denn, wie ich zum erſten Mal nach Magde⸗ burg kam, und was mir da geſchah. Es iſt eine ſeltſam⸗ liche, traurige Geſchichte; wohl im Stande, den hellſten Sonnentag in die dunkelſte Nacht zu verkehren! Nicht allein war ich in das Sudenburger Thor eingezogen, an einem ſtürmiſchen Spätnachmittag im Aprilen, wenige Tage vor meinem Geburtstag ſondern begleitet von einem

angehalten, an⸗dem Hausweſen thätig Theil zu nehmen, weßhalb die Penſionate nicht beliebt ſind. In Spanien ſcheint allenthalben eine ſtolze Unabhängigkeit von den weichlichen Bequemlichkeiten

und Bedürfniſſen unſeres Culturlebens an der Tagesordnung zu

ſein- Deßhalb kann auch der Arme ein Edelmann ſein. In Valencia wie in Barcelona ſieht man nur wenig Kaffeehäuſer. Das gemeinſame Vergnügen vornehmer und geringer Welt iſt das Spazierengehen auf der Alameda.

Einmal ſah ich auch einen Anzug, welcher von allen denk⸗ baren der einfachſte iſt. Ein Weib an der Straße hatte zwei Kinder an der Hand, von denen das eine, ein Knabe von fünf Jahren, ungeachtet des Feiertages, vollſtändig nackt war.

In Gerona mußten wir mitten durch Muſik und Tanz hin⸗ durchfahren. Die Muſtkanten blieſen lange Zinken, das Volk tanzte den einfachſten, unſchuldigſten Tanz, den man ſich denken mag. Die Leute hatten ſich bei den Händen gefaßt und bildeten weite Reihen und Ringe, die ſich nach der Muſik, nach Phantaſie und Anwandlung behaglich bewegten.

Ich ſah nie eine ſo wunderbar ſchöne Stadt als Barcelona. In einer Kirche hörte ich Muſik. In den Molltönen war Kraft und Anmuth verſöhnt, der Tonwechſel überraſchend ſchön und genial; die ganze Compoſition für mich neu und bis zum Erſtau⸗ nen unerhört; gleichſam ein andrer Welttheil im muſikaliſchen Univerſum.

Die Verkäufer, alt und jung, welche Tag und Nacht die Straßen durchziehen, ſingen in eignen Melodien ihre Waaren aus. Der eine wartet auf den andern, bis er fertig iſt, um dann in einer entſprechenden Melodie zu reſpondiren. Auch ſonſt bemerkte ich, daß die Leute ſelbſterfundene Melodien ſingen.

In Spanien ſind die Menſchen oft viel friſcher und urſprüng⸗ licher in ihren Anreden und Scherzen als bei uns. Ein Kerl hielt von ſeinem Eſel herab eine Anrede an die Poſtkutſche, indem er ſich mit vielem Witz über die Maulthiere luſtig machte. Zu⸗ letzt ſprang er von ſeinem Thier herab und hielt mit komiſchem Pathos und Geſticulationen eine Predigt über Vergänglichkeit und Tod. Ein Gensdarm theilte harmlos die allgemeine Luſt.

Die franzöſiſche Angrenzung von Spanien iſt in Tracht und Sitte mehr ſpaniſch als franzöͤſiſch. Wie am Rhein der Deutſche franzöſiſches Weſen nachzuahmen ſucht, ſo ſcheint das kernhafte Weſen der Spanier dem Franzoſen zu imponiren.

Nur in der Unreinlichkeit beliebt man in Perpignan franzö⸗ ſiſche Nationalität ungemiſcht zu bewahren. Ich ſah z. B., wie man in den Straßen den Koth mit leibeigenen Händen auflud, weil man auf den übertriebenen Luxus einer Schaufel Verzicht leiſtete.

Gleichwohl war mir die allgemeine Schönheit der Geſichter und des Geſanges der Leute auffallend. Ich hörte Maurergeſellen bei ihrer Arbeit ſingen, und ſie erreichten in Stimme, Melodie und Ausdruck das Ideal, welches man ſich von dem Geſange der Troubadours machen mag, die wahrſcheinlich, mit moraliſchem Maßſtabe gemeſſen, Lumpe geweſen ſind. Derartige unter⸗ haltende Schilderungen wie die vorſtehenden gibt uns Alban Stolz in ſeiner EditionSpaniſches für die gebildete Welt.

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