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ler, und nun endlich die wahrhaft Reichen! Lueullus ſpeiſte nie zu Abend unter 8000 Thaler. Stets war er vorberei⸗ tet, 25,000 Menſchen bewirthen zu können. Domitius gehörten 40,000 Morgen Ackerland; Andere beſaßen ganze Inſeln, und das damals bekannte Afrika war faſt lediglich Grundeigenthum von ſechs römiſchen Bürgern, welchen Nero den Kopf abſchlagen ließ, um ſie in ſeiner Weiſe zu be⸗ erben. Das Teſtament des Iſidorus weiſt außer unge⸗ heuren Ländereien und Landhäuſern 250,000 Stück Vieh und 4000 Selaven nach, und der Schriftſteller Plinius, der Aeltere, wurde ſo ſehr durch das Unterbringen ſeines Geldes beläſtigt, daß er es verſchmähte, eines ſeiner Werke für das Gebot von 400,000 Thaler zu verkaufen. Der jüngere Plinius aber war noch reicher, denn er ſcheukte einem ſeiner Freunde 300,000 Thaler, einer Verwandten 100,000 und noch manchen Andern ähnliche Summen. Und Seneca, der Lehrer Nero's, der Enthaltſamkeit im Genuß irdiſcher Güter predigte, beſaß mehr als hundert Millionen, und Leute von ſolchem Reichthum, gegen welche die Fugger und Rothſchilde des modernen Lebens nur kleine Capitaliſten ſind mit großem künſtlichem Credit, gab es in Rom nach claſſiſchen Quellen gegen 20,000. Alle⸗ dieſe Verhältniſſe werden erläutert durch die Anſchauung der alten Ruinen.“
Der Mann war wieder im Zuge, ſeinen Extract aus alten Schriftſtellern, der allerdings die Geſellſchaft leben⸗ dig intereſſirte, aber auch die ſchöne Beleuchtung der Gegend gänzlich vorübergehn ließ, bis in die Unendlich⸗ keit fortzuſetzen, und es würde uns nichts davon errettet haben, wenn nicht in dieſem Augenblicke ein furchtbar pol⸗ terndes Getöſe den Fels erſchüttert hätte und ein plötzlicher Angſtſchrei ertönt wäre.
Die Luft war blau und heiter, und dem Wetter war alſo keine Urſach des ſeltſamen Getöſes beizumeſſen. Wo⸗ her der Schrei gekommen war, entdeckte ich bald, denn ich ſah das bleiche Geſicht unſres noch immer laut ſeufzenden Führers, der, auf die Kniee geſunken, auf dem von uns ab⸗ liegenden Rande des kleinen Plateau's betete und ſich be⸗ kreuzte. Wäre er ein wirklicher Schweizerführer geweſen, ſo würde mich dieſe Furchtſamkeit in Erſtaunen geſetzt haben, doch er war nur zufällig in Ermangelung eines an⸗ dern mit uns gegangen, und ſein Vater lebte als Kohlen⸗ brenner hinter Stanz am Buochſerhorn.
Nachdem ich den erſten Schrecken der Geſellſchaft be⸗ ruhigt hatte, unterſuchte ich das Terrain genau, und es fand ſich, daß von einem gegenüberliegenden Bergſchroffen minderer Höhe, wie ſich viele förmlich als vorſpringende Felskanten am Pilatus befinden, eine Menge Steingeröll, untermiſcht mit einem großen, feſten Blocke, hinabgeſtürzt war und in einiger Tiefe unter dem Gipfel unſres Kammes gewaltſam und erſchütternd gegen den Grund geſchlagen war. Dazu kam die vorhergehende lautloſe Ruhe, die vollkommene Vertiefung der Geſellſchaft in den archäolo⸗ giſchen Vortrag des Fremden und das weithinhallende, dröhnende Echo, um ſomit dem Eindruck etwas Außer⸗ ordentliches zu geben.
Der betretenen Stimmung folgte eine heitere, wie immer, wenn die Menſchen fühlen, einer möglichen dunklen Gefahr entgaugen zu ſein, und die Gelegenheit wurde als letzter Termin benutzt, die wahrhaft großartige Ausſicht in
goldener Beleuchtung der ſinkenden Sonne zu genießen. Der Anblick hat etwas Imponirenderes, als vom Rigi, man ſchwebt auf einem kühnern Standpunkt, und es iſt be⸗ zeichnend, daß man in den Salzburger Alpen für ſolche Punkte oft den Ausdruck„Hochthron“ gebraucht findet. Wenn die Partien nach dem Zugerſee, nach Goldau und Egeri zu mehr verdeckt ſind und die Berggruppen bei der Windgalle und dem Urirothſtock trotz der größeren Höhe des Pilatus ſich doch nicht bedeutender, als vom Kulm ausnehmen, da wieder die Entfernung eine große iſt, ſo ge⸗ winnen dagegen das Berner Oberland und die Engel⸗ berger Alpen an Gewalt des Eindrucks. Hier wirkt die größere Höhe günſtig und die einzelnen Berge erheben ſich freier aus dem Geſchiebe ihrer Verkürzung. Beſonders die gigantiſche, ſo unvergeßlich formenſchöne Gruppe von Eigen, Mönch und Jungfrau kann man beſſer überblicken.
Die weißen Schneeſpitzen lagen in reinſter Schärfe klar und frei, die Mittelhöhe der Berge hatte einen blaugrau abgetinteten, feinen Ton, in dem ſich noch alle Modella⸗ tionen ſicher unterſcheiden ließen, nur die unteren Partien des Fuſten waren durch einen violetten, oft ins Fahle oder Grünliche gebrochenen Duft verſchleiert und halb und halb mit einander verbunden.
„Nun,“ ſagte der alte Herr, der Landſchaftsmaler, zu unſerm Führer, der immer noch ein verſtörtes Geſicht zeigte und noch kein Wort geſprochen hatte,„ſeht, dort vor uns und ſcheinbar zu unſern Füßen, nicht wahr, das iſt das Buochſerhorn?“
„Ja, Herr!“ antwortete er monoton,„und ich wünſchte, ich ſäße dort bei meinem Vater im Walde.“
Ich ſuchte ihn auf alle Weiſe zu beruhigen und ihm klar zu machen, daß, wenn auch der Pilatus nicht aus lockerer Nagelfluhe beſtehe, wie der Rigi oder Roßberg, dennoch der Sturz einzelner Blöcke wohl von Zeit zu Zeit denkbar ſei, namentlich wenn ſich im Frühjahr das Schnee⸗ waſſer in Ritzen verſenkt hätte, dort bei plötzlich kälter werdenden Tagen gefröre, die Steine durch Ausdehnung des Eiſes losſprengte und es ſomit irgend einem Zufall oder der eigenen Schwerkraft leicht würde, ſie hinunterzu⸗ werfen.
„Das iſt Alles ſchon gut,“ antwortete er,„das mag auch andernorts der Grund zum Sturz von Steinen ſein, hier aber trifft's nicht zu. Ach! wäre ich herunter vom Berge oder wäre ich meinem Alten gefolgt!“
Wir wurden geſpannt durch dieſen mit Angſt, aber vernünftiger Betonung geſprochenen Ausruf und ſahen ihn fragend an.
„Mein Vater verſprach meinem Großvater, der ihm im Traum erſchien, heilig, nie dieſen Berg zu betreten, und als er es doch that, kam er mit dem Verluſt eines Beines davon. Ich verſprach meinem Vater daſſelbe, und wor weiß, ob ich nicht härter ausgezahlt werde! O, wenn Sie dieſe entſetzliche Geſchichte wüßten, würden Sie auch wiſſen, wie es vorhin mit dem Sturz zuſammen hing.“
„Erzählt uns doch!“ ſagte die junge Dame.
„Wenn wir glücklich von dem höchſten Zacken hinunter ſind und durch das Gebüſch dort unten!“ antwortete der Führer mit ſchmerzlichem Ton und bat dringend, hinab⸗
zueilen.(Werden fortgeſetzt.)
Nr.
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