Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
604
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Die Vorrede und das Buch hatten einen ungeheuren Erfolg. Da der Autor todt war, lobten ihn die Journa⸗ liſten ohne Rückhalt; von dem Augenblicke an glänzte der Name Edmond Bian's unter den gefeiertſten der Epoche.

Man führte ſeine Dramen auf; man gab ſeinen hiſto⸗ riſchen Roman heraus, und bald erſchienen ſeine ſämmt⸗ lichen Werke, mit einem prächtigen Portrait des Dichters und einem Faeſimile geziert, bei Rendull. Der berühmte Mann ſchrieb noch einmal eine Vorrede.

Ein ſchönes Exemplar ſeiner ſämmtlichen Werke wurde ſeinem Onkel Poireau zugeſandt. Der wackere Kaufmann ſeufzte tief:Das würde meine arme Roſe gefreu thaben!

Und er trug ſeinem erſten Commis auf, den Empfang der Werke zu beſcheinigen.

Aber geöffnet wurden ſie nicht; denn es gab jetzt Nie⸗ manden mehr, der Verſe las in dem Hauſe Poireau und Compagnie.

Blicke auf gegenden und Menſchen.

Geſchriebene Photographien.

Nein, nein, ich ſehe, ſagte der ſeltſame Fremde, in⸗ dem er die Hände unſrer Geſellſchaft prüſend muſterte, Sie haben keine von Ruinen zeugende Steine hier auf dem Pilatusberg gefunden. Aber bitte, waren Sie in Rom?

Dieſe Frage mitten auf dem Gipfel eines hohen Ber⸗ ges, von dem aus man die Erinnerung vergeſſen und ein Naturſchauſpiel genießen will, hatte etwas Beängſtigendes. Es würde mich weniger überraſcht haben, hier oben einen Gensdarm zu finden, der nach dem Paß verlangt hätte.

Doch was war zu thun? Ich faßte mich kurz und ant⸗

wortete:Allerdings zweimal und zwar auf längere Zeit. Hierauf wollte ich mich wenden und auf dem Plateau vor⸗ gehen. Aber mit ungezwungener Behaglichkeit und mit dem Anſtand feiner Lebensformen, gegen den ſich nicht wohl ankämpfen ließ, vertrat er mir und gleichſam der ganzen Geſellſchaft den Weg und ſagte:

O! das iſt ſchön, das iſt himmliſch! Das habe ich bei Männern von Bildung oft vergeblich geſucht. Nur wer in Rom war, kennt die Welt, nur mit ihm kann man tiefer von der Welt ſprechen und von den Ruinen, die den Kernpunkt der Welt bilden. Haben Sie die von dem Hauſe Murmura auf dem Monte Celio geſehen?Ja, dort erheben ſie ſich, antwortete ich peinlich berührt;doch währenddem, fürchte ich, geht uns die Sonne unter.Da drüben kann man jetzt die Schreckhornſpitze ganz deutlich ſehn, ſagte der Führer.

Laſſen Sie Ihre Schreckhornſpitze, unterbrach ihn der Fremde verweiſend;es iſt auch einer von denjenigen Ber⸗ gen, auf welchen ſich keine Spur einer Ruine befindet, bloß ein todter Gletſcher und als ſolcher vollkommen unintereſſant.

Da ſind wir wohl nicht Ihrer Meinung, erwiderte die junge Dame ſcherzend;Ruinen ſinden ſich allent⸗ halben, und wie könnten ſie wohl an Intereſſe mit den Wundern der entzückenden Natur wetteifern?

Sie würden nicht ſo ſprechen, antwortete der Fremde, wenn Sie in die Kunſtgeheimniſſe eingeweiht wären, die dunklen Ruinentrümmer vergangener Zeiten zu ihren ehe⸗ maligen Prachtbauten zurück zu conſtruiren und ſo all' das räthſelvolle Leben auch, das in ihrem Innern waltete. Dieſes Haus des Murmura, von dem ich ſprach, o, Sie würden ſtaunen! aber wir ſehen uns vielleicht nie wieder, und das Schreckhorn da drüben

Ei, ei, es läuft uns nicht davon, entgegnete die Dame mit erregter, aber verhaltner Neugier, näher heran⸗ tretend.Laſſen Sie immerhin hören.

Es würde bei dieſer Schreckenswendung ungalant

Das Büchelchen, welches uns hier in ſechster Auflage vor⸗ liegt, gehört unſtreitig zu den anſprechendſten ſeiner Art. Es iſt zu bekannt, um darüber mehr als eine Andeutung zu geben. Innigkeit und Einfachheit des Gefühls und plaſtiſch graziöſe Schilderung bezeichnen die zarter geſtimmten Liebeslieder, während in andern heiter lebendigen derſelben, in den Trinkliedern, ſo wie beſonders in den kurzen Sprüchen, ſich Scherz, Witz und geſunder Humor deshalb ſo dauernd und traulich geltend machen, weil ſie in einer nicht nur formvollendeten, vielmehr unvergleichlich zwang⸗ loſen, an die leichteſte Proſa ſich anlehnenden Weiſe vorgetragen ſind. Selbſt wo orientaliſch fremdartige Formen hervortreten, da ſind ſie doch immer dem Genius der deutſchen Sprache und der allgemeinen Klarheit untergeordnet:

Wo ſich der Dichter verſteigt in's Unendliche, Lege ſein Liederbuch ſchnell aus der Hand, Alles gemeinem Verſtand Unverſtändliche

Hat ſeinen Urquell im Unverſtand. O. B.

Miseellen. Adolphe Dumas.

Adolphe Dumas, der Dichter des Camp des Croisés und der Ecole des Familles, der wie Lord Byron ſeit ſeiner Kindheit hinkt, dagegen ſeine Gebrechlichkeit erträgt, ohne ſie zu verſtellen und beſonders ohne darin einen Grund zur Miſanthropie und Bitterkeit gegen die Menſchen zu ſuchen, und ohne wie Lord Byron zu glauben, er ſei ein vom Himmel berabgefallener Engel,

der ſich bei ſeinem Falle einen Fuß verſtaucht habe, hat Anfangs Auguſts in ſeiner Wohnung einen falſchen Schritt gethan und dabei das Unglück gehabt, ſich auch den andern Fuß zu zerbrechen. Derſelbe ſchreibt an einen ſeiner Freunde:Bei einem Falle in meinem Zimmer habe ich mir den einzigen Fuß, der mir bleibt und der mich trägt, zerbrochen. Man hat mich zum Doctor Vincent Duval getragen, wo ich nicht wie der Sänger Roger amputirt worden bin, doch noch nicht weiß, ob ich anſtatt einer Gebrechlichkeit nicht zwei zu tragen haben werde. Das Unglück, das mich betroffen, hat mich nicht troſtlos gemacht, dennoch habe ich nicht umhin gekonnt, die Frage zu ſtellen, weshalb gerade mich dieſes Unglück treffen mußte, und ich habe darauf nur die Antwort gefunden: Meine Reſignation und meine Unterwerfung unter Gottes Willen. C.

Die Abſertigung.

Einer jener Theologen des vierzehnten Jahrhunderts, deren

kühne und unkluge Studien ſogar die Natur Gottes erforſchen

wollten, kam eines Tages zu Gerſon, den man in der neuern Zeit als den Verfaſſer des früher dem Thomas a Kempis zugeſchrie⸗ benen berühmten Werkes De imitatione Christi betrachtet, und überreichte ihm eine Abhandlung über das Weſen der Gottheit.

Gerſon, welcher in ſeinem Buche geſchrieben hat:Es iſt beſſer mildthätig zu ſein, als die Mildthätigkeit zu definiren! Wozu nützt es, über die Dreieinigkeit zu disputiren? Große Worte machen weder den Gelehrten, noch den Heiligen, noch den Gerechten, Gerſon nahm den Theologen bei der Hand und führte ihn ans Fenſter.