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ſiasmus des naiven Provinzialen ankam, noch ein Wort, das einen Sinn hatte. Er kam hin, wie zu den olympiſchen Spielen, wähnend, daß auf ein Zeichen ihm die Schranken aufgethan würden, und er wie die An⸗ dern um den ausgeſetzten Preis werde ringen können. Er ſtellte ſich zuvörderſt den Leuten, mit denen er während ſeines Aufenthalts in der Provinz in Verbindung getreten war, vor und theilte ihnen ſeine Pläne mit. Alle ſchienen ihn mit Intereſſe zu hören und man überſchüttete ihn mit Verſprechungen.
Edmond's Seele hob ſich wieder.
„Sie wird meinen Namen rühmend erwähnen hören,“ ſagte er zu ſich;„ſie wird über meine Erfolge glücklich ſein. Ich werde ihr nicht ſchreiben, ich müßte ihr Alles ſagen, was ich im Herzen habe, und das darf ich nicht; oder ihr ſolche Briefe ſchreiben, die alle Welt leſen kann, will ich nicht. Nein, ich werde ihr nicht ſchreiben; aber ſie wird meine Werke leſen, ſie wird herausfinden, was ſich auf ſie bezieht, die Seiten entdecken, die unter der Be⸗ geiſterung des Andenkens an ſie geſchrieben ſind. Allen⸗ Frauen, die ich zeichnen werde, werde ich ihren geliebten Namen, ihr trauriges, ſanftes Antlitz geben. Sie ſoll meine Muſe, meine Heilige ſein. Der Gedanke an ſie wird, wie eine Religion, alle meine Werke durchleuchten; und ſie wird es wiſſen. Es wird ein geheimnißvoller, in⸗ niger Verkehr ſein, der Allen unter die Augen kommen darf, ohne daß wir zu fürchten brauchten, denn nur wir Beide werden ſeine geheime Bedeutung kennen.“
VI.
.:.:. Ein Jahr war verfloſſen, ſeitdem ſich ein junger Mann
mit düſterer Stirn in des Mathurins-Saint-Jacques eingemiethet hatte. wohnte noch das Zimmer, das er bei ſeiner Ankunft wählte, und nichts hatte ſich in ſeinem äußern Leben verändert.
das Hôtel de Claire Fontaine, rue
Novellen⸗Zeitung.
war der Ruhm
und das
Er be⸗
[V. Jahrg. Nur ſeine Augen waren eingeſunken, und ſeine ganze Ge⸗ ſtalt hatte jene männliche Friſche verloren, durch die ſich die jungen Leute auszeichnen, die, um in der zehrenden Luft der Höôtels⸗garnis zu verkümmern, aus der Provinz nach Paris kommen.
Es war ein ruhiger, ſchweigſamer, geſetzter Miether,
der wenig ausging und Niemanden bei ſich empfing. Nur ſah man ihn in den langen Sommertagen, in ſein Fenſter gelehnt, ein Stück Himmel, das zwiſchen zwei Schornſtei⸗ nen hereinglänzte, oder den grünen Wipfel einer beſcheide⸗ nen Pappel, die um einige Fuß die Mauer eines Nachbar⸗ hofs überragte, betrachten. Gegen Abend begab er ſich in den Luxembourg, ſuchte den düſterſten Platz und ſchritt hier eine Zeit lang auf und ab. Aber ſobald die Menge in den duftigen Alleen ſich zu drängen begann, verließ er ſeinen dunkeln Gang. Man ſah ihn ſich mit furchtſamen, ver⸗ ſchämten Schritten durch die geſchmückten, lachenden Grup⸗ pen, wie durch ein Feſt, das für Andere gegeben wurde, durchſtehlen, und er gelangte wieder in ſein feuchtes Zim⸗ mer, ſein Junggeſellenzimmer, das kein Sonnenſtrahl er— hellte, keine Blume auf dem ſchmalen Fenſterbret freund⸗ licher machte; ein trauriger Aufenthaltsort, wo man nicht die poetiſche Unordnung, wie ſie in dem Zimmer eines jungen Mannes zu herrſchen pflegt, bemerkte, wohl aber die peinliche Ordnung der Armuth, die ſich ſchämt und ver⸗ ſteckt; wo Alles die Verlaſſenheit und Vereinſamung einer ſtolzen und geflickten Dürftigkeit, die ein altes Kleidungs⸗ ſtück wendet und knöpft, nur zu ſehr kund gab; nicht die Dürftigkeit eines Tages, die man lachend erträgt, die rei⸗ zende Miſère des Studenten, die ein Frauenhut, der auf ein Bett ohne Vorhänge geworfen iſt, erheitert, wohl aber jene ernſthafte Noth, die den Gedanken lähmt und ver⸗ kümmert, ihn jeden Augenblick durch eine unbefriedigte Begierde, ein unbefriedigtes Bedürfniß verletzt.
Und das Alles wäre ohne Zweifel leicht von Jedem, der
einen Blick in das Zimmer des armen Einſiedlers geworfen
Kunſtwerk“ im Großen und Ganzen vortrefflich zu eduſtruiiten verſtehn, denn einen einzigen Chroniſten, der ſich niit dem todten, blätterzählenden Fleiß vergangener Jahrhunderte in unendliches Einzelwerk verlöre. Nicht bloß Landſchaften, die Vanze Welt ſchauen wir mehr auf die Geſammtharmonie als auf das Ausein⸗ andergehen der Einzelfiguren an. 6.
Portraits.
Madame Hoche.
Vor einiger Zeit ſtarb in Paris die Witwe des in Deutſch⸗ land durch das ihm bei Weißenthurn am Rhein, Neuwied gegenüber, zu Ehren errichtete Denkmal ſo ſehr bekannten Gene⸗ rals Hoche im Alter von 81 Jahren, die bis zu ihrem Tode die ganze Feſtigkeit und Lebhaftigke it ihres Geiſtes behalten batte. Seit 62 Jahren Witwe ſuchte ſie ihre Ehre darin, mit einer frommen Treue zu bewahren. Während dieſer 62 Jahr blieb Madame Hoche unverbrüchlich der Erinnerung an den berühmten Mann treu, der nicht volle drei Jahr ihr Gatte ge⸗ weſen war.
Madame Hoche erzählte ihren Freunden oft mit einer ein⸗ fachen und lebhaften Rührung von dem jungen Helden, deſſen Andenken ihr ſo theuer war, und was dieſen ſich in der Keune eines ganz andern Zeitalters zu verlieren ſchien, hatte bei der Friſche ihrer Erinnerungen ganz den Anſchein, als wenn es ſich für ſie von geſtern datirte, ſo lebhaft und geßenwrkig war ihr noch das Bild des Gatten, das ſie nie verließ. Dagegen konnte ſie die tra⸗
dieſen Titel
giſchen Umſtände ſeines Todes nie erzählen, und wenn ſie es ver⸗ ſuchte, ſo verhinderten die tiefe Rührung und oft Schluchzen ſie, ihre Erzählung zu Ende zu führen. Eine plötzlich erwachte Neigung von Seiten des jungen Generals, der ſofort der Entſchluß⸗ um die Hand des jungen Mdchens anzuhalten, auf dem Fuße folgte, bildete dieſes ſo bald wieder aufgeloͤſte und dennoch ſo dauerhafte Band. Ein Ball, den der General den Einwohnern von Thionville gab, bot die Gelegenheit dazu. Fräulein Anne Adelaide Dechaux befand ſich mit ihrer Familie auf demſelben, ihre bemerkenswerthe Schönheit und der Reiz ihrer ganzen Perſönlichkeit feſſelten die Aufmerkſamkeſt des Generals ſehr lebhaft. Zwei Tage ſpäter bei dem Vater derſelben ein, um ihn um die Hand ſeiner Tochter zu bitten; er zögerte anfangs wegen der Jugend ſeiner Tochter, ein ſo glänzendes Anerbieten anzunehmen. Hoche bat, mit dem jungen Mädchen ſelbſt ſprechen zu dürfen, und bald hatte er ſie überzeugt, daß der General, deſſen ſo weit verbreiteter und ruhmvoller Name ſie einſchüchterte, ein junger Mann voller Herz und von einem eben ſo ſüheen und ſoliden wie feurigen und ſtürmiſchen Charakter war. Der Brief, den er ihr ſchrieb und der ſeiner Wurixaͤylung nur um wenige Tage vorherging, athmet das ſtolze Gefühl, die Zartbeit und Feſtigkeit eines 25 jährigen Mannes, deſſen Seele durch den patriotiſchen Enthu⸗ ſiasmus, eine entſchiedne Liebe des Guten und die ernſte Verant⸗ worrtlichkeit des Oberbefehls geſtählt worden iſt. Die drei Jahre, welche zwiſchen der Vermählung des Generals Hoche und ſeinem frühzeitigen Tode lagen, konnten ſeiner Witwe V ſpäter ſehr lang erſcheinen, denn ſie ſchloſſen mehr Ereigniſſe und Gemüthsaufregungen in ſich ein, als gar viele ſelbſt ſehr unruhige
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