Jahrg.
Dritte Folge. 8 595
Novellen-Zeitung.
Ein Bürgermädchen. (Nach dem Franzöſiſchen des E. Souveſtre.) Von
Fr. Spielhagen.
(Schluß.) V.
„Noch nicht fünf Uhr; ich bin zu früh aufgeſtanden.“
Als Edmond dieſe Bemerkung machte, warf er einen traurigen Blick auf die Koffer und Packete, die neben der Thür des Wohnzimmers aufgehäult waren, und trat ans Fenſter, den ſtillen Lauf der Loire, die nur undeutlich durch den Morgennebel hindurchſchimmerte, zu betrachten.
Er verließ ſeinen Onkel und reiſte in einer Viertel⸗ ſtunde mit der Pariſer Poſt ab.
So lange ſeine Mutter lebte, hatte er ſich beſchieden, aber er hatte ſie eben jetzt verloren, und ſein Entſchluß war auf der Stelle gefaßt. Die Bemerkungen Barnabé Poireau's waren vergeblich geweſen; was ſeine Couſine be⸗ trifft, ſo hatte ſie nichts gethan, um ihn zurückzuhalten. Sie hatte ſich begnügt mit traurigem Tone zu ſagen: Das mußte ſo ſein; Ihr Platz iſt nicht mehr unter uns.“
Und ſie hatte das Haupt in ſchmerzlicher Entſagung geſenkt.
Edmond war dies Benehmen nicht entgangen. Seit einiger Zeit ſchien ihm Roſe eine andere Frau. Sie hatte ſeit ihrer Verheirathung einen Theil ihrer linkiſchen Furcht⸗ ſamkeit abgelegt, und Edmond hatte mehrmals Gelegenheit
gehabt, Züge von Verſtändniß und Seele an ihr zu beob⸗
achten. Auch hatte ſie jetzt im Hauſe eine ungewohnte Freiheit und Bedeutung erlangt; denn die beiden Aſſocié's waren von dem alten bürgerlichen Vorurtheil, welches von dem jungen Mädchen eine blinde Unterwerfung fordert, doch der Frau ihren Antheil an der Herrſchaft zugeſteht, in gleicher Weiſe eingenommen. 3
Vorzüglich nahm Barnabé Poireau, ſeitdem ſich ſeine Tochter Madame Durand nannte, ganz beſondere Rückſicht auf ſie. Bis dahin war Roſe, wie er ſich in ſeiner wun⸗ derlichen Kaufmannsſprache ausdrückte, nur ein leeres und werthloſes Hauptbuch geweſen; heute war ſie ein in Ge⸗
brauch genommenes, mit der Ordnungsziffer verſehenes
Regiſter. Die junge Frau hatte dieſe neue Stellung benutzt, um
ihrereizloſe Exiſtenz ein wenig zu verſchönern. Sie widmete
dem Bureau nicht mehr den früheren Fleiß; ſie hatte ge⸗ wagt, offen zu leſen, war kühn genug geworden, ihrem
Couſin zu antworten und hier und da zu zeigen, daß ſie auch denke.
Dieſe Umwandlung hatte in etwas ihren Verkehr mit Edmond anders geſtaltet, ohne ihn indeß frei und liebevoll zu machen. Auf der Seite des jungen Mannes war zu viel Empfindlichkeit, auf Seiten der jungen Frau zu viel Verlegenheit und Schweigſamkeit, als daß ihr Verhältniß nicht den früheren kalten Ausdruck hätte beibehalten ſollen. Um ihn verſchwinden zu machen, bedurfte es eines ganz beſonderen Ereigniſſes, das hier das Vorurtheil, dort die Furchtſamkeit aufgehoben hätte, und ein ſolches war bis jetzt noch nicht eingetreten.
So hatte denn Edmond ſeine Reiſe nach Paris ohne Bedauern beſchloſſen, und ſeinen Verwandten in Nantes plötzlich angekündigt.
Und jetzt war er da und erwartete die Stunde der Abfahrt, und empfand jenes ſchmerzliche Gefühl, von dem jeder bedeutendere Abſchnitt unſeres Lebens begleitet iſt. Tauſend ſcheinbar unbedeutende Urſachen bewirkten in ihm jenes allgemeine Unbehagen, das ſich unſer in den Stun⸗ den des Wartens vor einer Abreiſe bemächtigt; die frühe Stunde, in der er ſich erhoben hatte, die kalte Morgen⸗ luft, der Anblick ſeiner Reiſeeffecten, die das Zimmer un⸗ wohnlich machten, die melancholiſche Stille, die ihn umgab, die Beſorgniß, die Poſt nach Paris zu verſäumen, der Verluſt ſeiner Gewohnheiten, ſeiner regelmäßigen Spazier⸗ gänge, ſelbſt deſſen, worüber er ſich täglich hatte ärgern müſſen— denn auch das iſt ein Band, die Trennung von ſeinem braven Onkel, der ihn denn doch in ſeiner Weiſe liebte, von ſeiner Couſine, dieſem unergründlichen Weſen, das er zwanzig Mal auf dem Punkte geweſen war, zu haſ⸗ ſen, gar zu lieben, und mehr als alles dies ohne Zwei⸗ fel die wunderbare Anhänglichkeit, die wir für Alles haben, was wir verlaſſen müſſen, und jene mächtige Rührung, die der letzte Druck einer bekannten Hand in uns erregt.
So viele durcheinander wogende und doch nach einer Seite hin wirkende Urſachen waren mehr als hinreichend, um Edmond für ſanftere Regungen empfänglich zu machen, und ſeine Augen wurden feucht, als er einen letzten Blick auf die Loire, den Graben und auf den Eingang warf, der zu ſeines Onkels Hauſe führte. 1
In dieſem Augenblicke ließ ſich ein leichtes Geräuſch hinter ihm vernehmen, er wandte ſich um und ſah ſeine Couſine, die eben in das Zimmer trat.
Roſe machte eine Bewegung der Ueberraſchung, als ſie ihn bemerkte.„Schon auf!“ ſagte ſie mit leiſer Stimme.
„Ich hätte ein größeres Recht, Ihnen dieſen Ausruf des Erſtaunens zurückzugeben, es iſt nicht Ihre Gewohn⸗ heit, ſo früh aufzuſtehen.“
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