Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
579
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Ein Bürgermädchen. (Nach dem Franzöſiſchen des E. Souveſtre.) Von

Fr. Spielhagen.

(Fortſetzung.)

Es war diesfür ihn eine ſchmerzliche Enttäuſchung, denn es wäre ſo ſüß geweſen, in Roſe eine Freundin zu finden, eine Schweſter, der er einen Theil deſſen, was in ſeinem Innern vorging, hätte anvertrauen können. Er hatte, ohne ſich weiter darüber Rechenſchaft zu geben, den Einfluß empfun⸗ den, den die Geſellſchaft der gewöhnlichſten Frau auf einen jungen Mann immer ausübt. So oft er es ſich auch wiederholte, daß ſeine Couſine ihn nicht verſtehe, ſo erfüllte es ihn doch mit einer heimlichen Freude, wenn er ſich von der Stimme des jungen Mädchens bei ſeinem Taufnamen rufen hörte, wenn er ihre weiche Hand die ſeinige berühren fühlte, ſie vor ihm ihre Haarwickeln herausnehmen, oder zu einer Promenade die Schuhe wechſeln ſah. Alle dieſe Vertraulichkeiten unter Verwandten mußten ihm ſüß er⸗ ſcheinen, ihm, der noch in dem Alter war, wo man, bereit alle Frauen zu lieben, nur darüber in Verlegenheit iſt, wie man ſeine Liebe erklären ſoll, und wo man ſich für ſeine Couſine begeiſtert, einzig deshalb, weil man ſie bei der Hand hat und ſie um einen Kuß zu bitten wagt.

Aber nachdem einmal der Reiz dieſer erſten Empfin⸗ dungen zerſtört war, ging Edmond, wie das nicht anders ſein konnte, von dem Intereſſe, welches ihm Roſe wider Willen eingeflößt hatte, zu einer Art ärgerlicher und reiz⸗ barer Feindſeligkeit über. In einer Hoffnung getäuſcht, empfand er Unwillen gegen das junge Mädchen, und er gab ſich Mühe, ihr eine verächtliche Kälte zu zeigen.

In Folge deſſen wurde ſein Leben einſamer als je. Indeſſen fuhr er fort eine Stellung zu ertragen, die ſeinem Geſchmacke ſo wenig zuſagte, aus Gefälligkeit gegen die Wünſche ſeiner Mutter, aus Gewohnheit und auch vielleicht in Folge jener Gleichgültigkeit gegen alle äußerlichen An gelegenheiten, die den Menſchen, welche mehr in der Welt der Gedanken, als in der Außenwelt leben, ſo natürlich iſt. Er that Alles, was man ihm auftrug, aber ohne Theil⸗ nahme, ohne Verſtändniß. Herr Poireau fand ſelten Ge⸗ legenheit, ihn zu tadeln, aber auch niemals, ihm ein Lob zu ertheilen. Edmond arbeitete mit der blinden Regel⸗ mäßigkeit einer Dampfmaſchine. Man hätte ihn für be⸗ ſchränkt halten können, ſo ſehr hatte er alles höhere geiſtige Leben zurückgedrängt, ſo ganz hatte er ſich in ein lebendes Ding, das ſeine Stunden abarbeitet, umgewandelt.

Dritte Folge.

Nur des Abends, wenn er ſich in ſein Zimmer zurück⸗ gezogen hatte, und die Thür verſchloſſen war, wurde er wieder Künſtler und beſchäftigte ſich eifrigſt mit der Aus⸗ führung ſeiner Pläne für die Zukunft. Schon hatte er zahl⸗ reiche literariſche Arbeiten angefangen; ſeine Verbindungen mit Paris hatten ſich erweitert. Es war ihm gelungen, einige mit ſeinem Namen unterſchriebene Artikel in den Jour⸗ nalen anzubringen. In der Stille ebnete er ſich ſo die Laufbahn, die er verfolgen wollte. Inmitten des Stroms berühmter Namen, freute es ihn, von Zeit zu Zeit den ſeinigen erſcheinen zu ſehen, wie jene Waſſertropfen, die langſam von einem Felſen ſickern, und dann doch endlich eine Quelle bilden.

Was den Verkehr mit ſeiner Familie in Nantes anbe⸗ trifft, ſo nahm er immer mehr und mehr ab. Die Unter⸗ haltungen mit ſeinem Onkel und ſeiner Couſine waren kalt und kurz, und beſchränkten ſich meiſtens auf die claſſiſchen Bemerkungen über Kälte und Wärme, Regen und Son⸗ nenſchein. Er fuhr fort, mit Roſe in einem Bureau zu arbeiten, aber er hatte auf ihre Unterhaltung verzichtet. War ſeine Arbeit beendigt, ſo nahm er ein Buch, das er ſorgfältig in einem Kaſten ſeines Pultes verbarg, und las bis zur Ankunft Barnabé Poireau's, die ſtets zu derſelben Zeit erfolgte. Sobald er ſeinen Schritt auf der Treppe erkannte, wurde das verbotene Buch wieder in ſeinen Ver⸗ ſteck gelegt, und eine Reductionstafel oder ein Preiscourant nahm ſeine Stelle ein.

Dieſer Zwang, den er ſich ſelbſt auflegte, um pein⸗ lichen Erörterungen auszuweichen, hatte einen unſäglichen Reiz. Er gefiel ſich in dieſen heimlichen Studien, an dieſer Lectüre, die um ſo köſtlicher war, als ſie Stunden, die anderweitig benutzt werden ſollten, abgewonnen ſchien. Alle die ſüßen Schauer, die er auf der Kloſterſchule em⸗ pfunden hatte, wenn er heimlich in ſtiller Nacht ein Kerzen⸗ ende, das er aus der Kapelle entwendet, anzündete und mit fieberhafter Neugier einen Roman von Anna Redcliffe, oder dem Abbé Prevoſt beendigte, überkamen ihn wieder.

Wenn ihm der Zufall eine freie Stunde gewährte, war er faſt wahnſinnig vor Freude. Er lief auf ſein Zimmer, irgend einen neuen Gedanken niederzuſchreiben, der ihm bei der Ausladung des Zuckers oder bei der Anfertigung eines Koſtenanſchlags gekommen war; er empfand alles Glück eines Geizigen, der ſeine Schätze zählt, in der Be⸗

trachtung ſeiner heimlichen Arbeiten, die ſich in ſeinem Secretär aufhäuften; es war ein Vermögen, das ſich in der Stille vermehrte, um eines Tages ſich in ſeiner ganzen Herrlichkeit zu zeigen. Selige Stunden des Muths und der Illuſionen, die jeder Künſtler in ſeiner Jugend gekoſtet hat, damals, wo