Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
578
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Novellen⸗Zeitung.

Franz Martin.

Schein und Weſen.

Von der Schönheit Glanz umgoſſen, Schienſt du hold und mild,

Von der Anmuth Reiz umfloſſen, Zauberſüß dein Bild!

So entzückte ein Gemälde

Einſt mich wunderbar;

Daß nur Täuſchung mich beſeelte, Ich vergaß es gar!

Schien das Auge doch zu wiſſen Seinen milden Schein,

Lud der Lächelmund zu Küſſen Liebverheißend ein!

Daß der Leinwand Bild mich trüge, Wußt' ich wohl noch kaum

Daß du eine ſchöne Lüge,

Ahnte nie mein Traum!

Ja, Pygmalions Liebchen küßt' ich Deine Wohlgeſtalt,

Doch mit bangen Schauern büßt' ich, Dein Gemüth war kalt.

Meinen Wahn hat abgefunden

Todte Wirklichkeit;

Und die Götter ſind verſchwunden Aus der kalten Zeit.

Trennungskuß.

Der erſte Kuß, den ich dir gab,

Nicht das Geſtändniß nur des Mundes, Der Treue Schwur war's bis an's Grab, Das heil'ge Siegel ew'gen Bundes.

Und hab' ich dir auf immerdar,

Mein Lieb, den letzten Kuß gegeben, Dann wird für mich kein Glück mehr wahr Und falſche Knoſpen treibt mein Leben.

Stilles glück.

Heimlich meine Lebensſpur

Schmückt ein ſchönes Veilchen, Blühe, Holde, heimlich nur,

Dufte mir ein Weilchen!

Meines Glückes Unterpfand Will ich treu dich hüten, Leicht verletzt die fremde Hand Stiller Freude Blüthen.

Gedichte von Franz Martin.

Lindenduft.

Im Garten blühen die Linden,

Des Laubgangs ſchimmernde Reih'n,

Dort gingen wir traulich ſelbander Im ſüßen Geplauder allein.

Zwei hoffende fröhliche Herzen Beſeligt im ſtillen Verein!

Still koſ'ten die duftenden Linden, Mild lachte die Sonne herein.

Wie damals blüh'n heute die Linden Im Glanze des Sonnenblicks Doch einſam wandl' ich und denke

Der Liebe verdufteten Glücks.

Reichthum.

O wie wär' der Menſch doch arm Ohne Lieb' und Lieder!

Sie nur locken jubelwarm

Einen Himmel nieder.

Ohne Lieb' iſt ein Geſchick Leere Nacht geblieben,

Da iſt doch das höchſte Glück, Wo die Herzen lieben!

Und was hält wohl ſo geſund, Jung an Geiſt und Gliedern, Als wenn recht aus Herzensgrund Rauſcht ein Quell von Liedern!

Die frühlingsengel.

Vom Himmel tönt ins nächt'ge Thal Ein wunderklarer Schein,

Die Frühlingsengel allzumal

Die wallen leiſ' herein.

Der Schöpfung Liebesathem blies Friedſelig durch die Welt,

Da haben ſie das Paradies

Auf Erden neu beſtellt.

Sie hüllen in ein neues Kleid Der Blumen Lebenskeim, Und wohnen eine ſchöne Zeit Hienieden bei uns heim.

Sanft durch den Garten der Natur In holdem Echo zieht

Wie Himmelsluſt o, horche nur! Der Frühlingsengel Lied.

Verlag von A. Mentzel in Altona. 1859.

[V. Jahrg.

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