Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
558
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gedichte von P. Sigmund.

Verlornes Paradies.

Wieder hör' ich nun den Frühling rauſchen Durch die Blüthen, durch die Bäume all; Wieder zieh' hinaus ich, um zu lauſchen Auf des Lenzes langentbehrten Schall.

Wieder hör' ich nun die Vögel ſingen, Horch, die Nachtigall, ſie flötet ſüß; Aber ach! es mahnt mich all das Klingen Nur an mein verlornes Paradies.

Das Ende vom Liede.

Wir haben zuſammen geſpielet Einen ſentimentalen Roman,

Viel Lieb' für einander gefühlet, Bis Alles dann wieder zerrann.

Doch in den Romanen allen Mit unglückſeligem Schluß Am Ende die Liebenden fallen Von des Tod's mitleidigem Kuß.

Von jenen Romanen allen War unſrer der ſchlimmſte doch

Wir ſind aus dem Himmel gefallen Und Beide leben wir noch.

Noveſſen⸗Zeitung.

[V. Jahrg.

Aeberſetzungen von georg Pertz.

Immergrün. (Nach dem Engliſchen des Maſſey.)

O reich' mir, Liebchen, Deine Hand, Wir altern ſacht, wir altern ſacht; Doch feſter ward das Seelenband Nur über Nacht, nur über Nacht! 'S iſt lang, ſeit junge Liebe lehrt' Uns ſelig ſein, uns ſelig ſein, Hat alternd ſich erſt recht geklärt, Wie edler Wein, wie edler Wein!

Die Wänglein ſchmieg' zu ſanfter Ruh' An meine feſt, an meine feſt; O flicht aus meinen Armen Du Dein frommes Neſt, Dein frommes Neſt! Wohl drückte manchen Kummers Spur Sich in dies Herz, ſich in dies Herz, Doch mild verklärt die Seelen nur Ein edler Schmerz, ein edler Schmerz!

O träume ſüß an meiner Bruſt

Des Lebens Traum, des Lebens Traum; Sei Du der Rebe grüne Luſt,

Und ich der Baum, und ich der Baum! Und wenn dereinſt durch's welke Moos

Schneeſtürme weh'n, Schneeſtürme wehn, Dann laß vereint und kummerlos

Uns ſchlafen geh'n, uns ſchlafen geh'n!

Als am ſiebenten Tage die letzte Stunde gekommen war, befand ſich Niemand bei ihm als Dr. Treiber und Dr. Mayer, ein Arzt aus Baſel. Der Wunſch, welchen der Dichter in dem Letzten, was er geſchrieben, ausgeſprochen, war erfüllt: ſein müdes Herz hatte Ruhe. Dr. Treiber ſagte:Jeder von uns drücke ihm ein Auge zu. Dies geſchab mit tiefer und ſchmerzlicher Rührung, denn ſie wußten, daß eines von den Lichtern der Welt ausgelöſcht war. Bei der Section fand ſich, daß alle Organe vollkommen geſund waren. Byron hätte lange leben können. Die Stirn

war merkwürdig entwickelt; und es verdient beſonders hervorge⸗

hoben zu werden, daß Byrons Gehirn und das von Napoleon,

dem Manne, den er am meiſten verabſcheute, die ſchwerſten ſind,

die man je gewogen. Als ich eines Tages mit einem der Profeſ⸗

ſoren in der alten Stadt ſpazieren ging, begegneten wir einer

flitterhaft gekleideten Frau, mit dem eigenthüͤmlichen Ausdruck,

welchen verwelkte Schönheit annimmt, wenn ſie noch immer Be⸗

wunderung erregen will. Die Frau ſah uns mit ihren großen,

ſchwarzen, wildblickenden Augen an; ihr Haar war grau und nach⸗

läſſig geordnet; ein Lächeln, das einſt angenehm geweſen ſein

mochte, ſpielte um ihren Mund. Mein Gefährte ſagte:Das iſt

Byrons gefeiertes Mädchen von Athen. Er lernte ſie bei ſei⸗

nem erſten Beſuch in Griechenland kennen und Gold iſt all⸗

mächtig. 9 p.

Worte für Welt und Haus.

Wie oft hat man es namhaften Genien für Hochmuth ange⸗ rechnet, wenn ſie über den ſich publicirenden Dilettantismus den Stab brechen! Wer auf den ſpärlichſt begabten Mitmenſchen mit!

*

Stolz und Verachtung herabſehen wollte, der wäre allerdings ein banaler Charakter, von dem die Welt nichts Gutes hoffen könnte. Wenn aber jener ſpärlichſt begabte Mitmenſch ein öffentlicher Di⸗ lettant wird, das heißt, ſeine Armuth für fähig hält, um damit Kunſtwerke hervorzubringen und die Cultur zu bereichern, ſo iſt

eer ein arroganter Vierfüßler mit Pergamentfell, der ſeinen Sack

abwirft und ſich durch alberne Luftſprünge als vermeintlicher Pe⸗ gaſus unnütz macht. Wer ihn daher zurecht ſtößt, ihm den Sack des praktiſchen Lebens wieder auf das Kreuz wirft und ihn ſo zu einem brauchbaren Mitgliede der menſchlichen Geſellſchaft macht, erwirbt ſich ſowohl ein Verdienſt um die Welt, als um das Thier ſelbſt. Zu dieſer Arbeit gehört Kraft und Nachdruck, und da dieſe ſich in Autoritäten ſo ſchön vereint finden, ſo freue man ſich, wo man einem Genius begegnet, der es nicht unter ſeiner Würde hält, dem Dilettantismus das Seinige zukommen zu laſſen.

Grundbrave Menſchen von einer activen Natur und nur eine active iſt wahrhaft brav ſind niemals langweilig; daß ſie es oft ſeien, iſt einer der perfideſten Irrthümer, den die allem Gu⸗ ten unbewußt feindliche Blaſirtheit eingeſchmuggelt hat. Wie kann es ermüdend ſein, Charaktere zu beobachten, die im Fühlen, Denken und Handeln eine ſegensreiche Thätigkeit ausüben, und ſo mit dem Beruf der Welt Hand in Hand gehen? Nur dem Blaſir⸗ ten ſind ſie langweilig, weil dieſem Bravheit am meiſten zuwider iſt, denn zu ihrer Ausübung wie Betrachtung gehört, was er nicht mehr hat: Hingebung, Frohſinn, Friſche, angeſpannte Kraft.