516
Die Hoffnung, daß s mildere Klima dem Präſiden⸗ ten Geneſung bringen würde, hatte ſich nicht beſtätigt. Sehr angegriffen durch die Reiſe langte er vor einigen
Wochen in Nizza kränker an, als er die Heimath verlaſſen.
Seitdem hatte ſein Zuſtand ſich fortwährend verſchlimmert, ſo daß er ſchon. ſeit einigen Tagen das Bett nicht mehr verlaſſen konnte. Er fühlte, daß ihm hienieden keine lange Friſt mehr geſtattet ſei, und als er darauf in ſeinen Arzt drang, ihm die Wahrheit zu ſagen, geſtand dieſer nach einigem Zögern, daß bei ſeinem hohen Alter eine Wieder⸗ herſtellung nicht zu hoffen ſei, daß er vielmehr ſeiner Auf⸗ löſung raſch entgegeneile und aller Wahrſcheinlichkeit nach nur noch wenige Tage zu leben habe.
„Wenn das iſt,“ ſagte der Präſident, ohne zu er⸗ ſchrecken, mit jener Seelenruhe, welche im Angeſichte des nahen Todes nur ein unbeflecktes Gewiſſen zu verleihen
vermag,„wenn das iſt, ſo muß ich ohne Saumen meine
Anſtalten zum Scheiden aus dieſem Leben treffen.“
Er ließ darauf einen Rechtsanwalt kommen, dictirte ihm ein Codicill zu ſeinem in der Heimath deponirten Teſtamente in die Feder, und als es durch ſeine eigene und zweier Zeugen Unterſchrift die erforderliche Rechtsgültig⸗ keit erlangt hatte, ſiegelte er es ſorgfältig ein und ver⸗ ſchloß es in ein Fach des neben ſeinem Bette ſtehenden Schreibtiſches.
Während dieſer Vorbereitungen auf ſein nahes Ende hatte er Amalie aus dem Zimmer entfernt, jetzt aber ließ er ſie zu ſich bitten, und als ſie, wie wir erwähnten, an ſeinem Krankenlager ſaß, ergriff er ihre Hand, drückte ſte zärtlich und ſagte dann mit einer Stimme, der er die ge⸗
wöhnliche Feſtigkeit zu verleihen ſtrebte, der man aber
dennoch die tiefe Rührung nur zu deutlich anhören konnte:
„Meine theure, geliebte Amalie, die Zeit, die wir ſchon längſt erwarten durften, rückt mit raſchen Schritten heran.“
Noyeſlen⸗Zeitung.
„Welche Zeit meinſt Du, mein lieber Mann?“ fragte ſie mit dem beklemmenden Gefühl einer finſtern Ahnung.
„Die Zeit unſeres Abſchiedes für dieſes Leben, meine Amalie,“ entgegnete er.
„O, ſprich nicht ſo, mein guter Mann,“ bat ſie, zog ſeine Hand an ihre Lippen und küßte ſie zärtlich.„Du wirſt unter dieſem milden Himmel gewiß geneſen.“
„Täuſche Dich darin nicht, meine Amalie,“ entgegnete er und ſchüttelte trübe lächelnd den Kopf;„iich ſelbſt fühle mein Ende herannahen, und auch der Arzt hat heute auf mein Dringen das Geſtändniß abgelegt, daß ich wahr⸗ ſcheinlich nur noch wenige Tage zu leben habe.“
„Iſt es möglich?“ rief Amalie mit ungeheucheltem Schreck.
„Es iſt ſo, wie ich Dir ſagte,“ entgegnete er ernſt und feierlich.„Bald biſt Du frei von den Banden, die Dir zwar keine läſtige, drückende Feſſel waren, die Dich aber doch hinderten, frei über Dein Herz und— Deine Hand zu verfügen.“ 3
„O, mein Gott, was ſagſt Du da?“ rief Amalie er⸗ blaſſend aus und ſtarrte erſchrocken dem Präſidenten in das Geſicht.
„Ich ſage, mein gutes Weib, was ich weiß,“ ent⸗ gegnete er.„Ich kenne Deine Liebe, aber ich billige ſie.“
Amalie glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen; verwirrt ſchlug ſie die Augen zu Boden und ſtammelte:
„Woher kannſt Du wiſſen—? Wer kann Dir geſagt haben—?“
„Dein eigener Mund hat mir die Gefühle Deines Herzens verrathen, aber weit entfernt, dadurch in meiner
Achtung, meiner Liebe zu verlieren, biſt Du mir eben da⸗ durch nur um ſo theurer geworden, denn Du haſt einen harten Kampf mit wahrem Heldenmuth beſtanden und biſt als ruhmreiche Siegerin daraus hervorgegangen.“
„Aber ſo erkläre mir doch—“ bat ſie mit immer ſtei⸗ gender Verlegenheit.
Feuilleton.
— esn—
Ein Beiſpiel von der Rüß ſichkeit der Polizei.
Von ſeinem Aufenthalt in Genua, der zweiten oder jetzt wahrſcheinlich dritten ſardiniſchen Hauptſtadt, da Mailand jeden⸗ falls ſelbſt mit Turin um den Vorrang ſtreiten wird, erzählt uns der Verfaſſer der„Sanſara“, wie charakteriſtiſch es ihm ergangen, als er eine billigere Wohnung miethen wollte. Er wurde zum Beſitzer der„Luna“ empfohlen. Der Padrone war ein hagerer, ſchwarzhaariger, olivengelber Mann, ein echter Genueſe. Er war voll Devotion und bat, ihm in das zweite Stock zu folgen. Dort ſperrte er zuerſt eine Art Vorſaal, dann ein kleines Zimmer auf. Die Wände warxen nackt und kahl, die Meubles aͤrmlich. Alles muthete trüb und dürftig an. Doch der Padrone meinte, es würde bald ganz anders ausſeben, wenn erſt Vorhänge und Spiegel angebracht und der Boden gewichſt wäre.
„Und was ſoll dies Zimmer koſten?“ fragte der Reiſende. „Licht und Bedienung eingerechnet vier Franken täglich. Be⸗ denken Sie nur, wie jetzt die Wohnungen im Preiſe ſteigen.“— „Und wenn ich das Zimmer auf einen Monat nehme?“—„Vier Franken täglich macht bundertzwanzig in dreißig Tagen. Be⸗ denken Sie, wie freundlich das Zimmer ausſehn wird, wenn es
derſt eingerichtet iſt, die Wohnung iſt kühl, und dabei hell, in der
Mitte der Stadt. Sie können ſo lange bleihen, als Sie wollen; wenn Sie ausziehn, berechnen wir die Tage. Auch das Vorzimmer
iſt zur Benutzung fret, ein Piano ſteht darin.“—„Wohlan, ich nehme das Zimmer unter einer Bedingung. Wenn ich einen Monat geblieben ſein ſollte, zahle ich ſtatt hundertzwanzig Franken nur hundertzehn.“—„O, Eccellenza, ich berechne nur⸗ nach Tagen, meine Zimmer ſtehn nie leer, ich muß daher jeden Tag benutzen,— jedoch es ſei,— hundert und zehn Franken.“
Es mochte zehn Uhr Abends ſein, als ich in meine neue Wohnung trat, woſelbſt ſich meine Sachen bexeits befanden. Wohl war das Zimmer eingerichtet, aber wie! Ein armſeliges Fähnlein ſchwebte als Draperie über dem Fenſter, ein faden⸗ ſcheiniger Hader lag als Teppich vor dem Bett, ein barter kuhhaargepolſterter Seſſel ſtand vor dem wackligen, wurmſtichigen, mit klebrigem Wachsſtoff überzogenen Tiſchchen.„Du haſt's ge⸗ wollt“ ſagte ich unmutbig und verfiel in trübe Gedanken. Ich löſchte das Talglicht aus, um eher einzuſchlafen.
Eine Weile ſpäter war mir, als härte ſich etwas im Vor⸗ zimmer geregt. Doch ich hatte ja die Thür verſchloſſen. Ich ſchlief ein. Da weckt mich plötzlich ein Lichtſchein, der in mein
V. Jahrg.
b
Nr.
ℳ And einen zu ne den! flüſte aus eine ſeyſa kaum riſch noth ihn in die Ar ter


