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Nr. 32.]
worden und durchgegangen waren, gegen einen Prellſtein fuhr, die Axe brach und mit einer furchtbaren Gewalt um⸗ ſchlug. Ein Herr, der darin ſaß, war bei dem Falle ſo
ſchwer verletzt, daß er blutend und bewußtlos in das Haus
getragen wurde.— Dieſer Herr war der Präſident von Neuenbeck, mein jetziger Gatte.— Mir fiel hauptſächlich ſeine Pflege zu, die über drei Monate dauerte, und— um kurz zu ſein— er glaubte, mir ſein Leben zu verdanken, und nachdem er ſich— weil meine Bildung ihm auffiel— nach meinen früheren Verhältniſſen erkundigt hatte, erhob er mich zu ſeiner Frau, indem er dabei erklärte, daß er auf meine Liebe keinen Anſpruch mache, wohl aber auf meine Achtung, meine Anhänglichkeit,— meine Pflichttreue.— Die beiden erſteren beſitzt er im vollſten Grade. Könnten Sie es wollen, daß ich die letztere gegen ihn verletzte?“
„Nimmermehr!“ rief Arthur mit edlem Feuer.„Ich werde jetzt geduldig, wenn auch ſehnſuchtsvoll warten, ob es dem Himmel gefallen wird, einſt meine heißen Wünſche zu erfüllen.“
Sie reichte ihm ihre Hand; er beugte ſich haſtig dar⸗ auf nieder, ſie zu küſſen, dabei aber entfuhr ihm unwill⸗ kürlich ein Ausruf des Schmerzes.
„Was iſt Ihnen?“ fragte ſie erſchrocken und mit dem Tone der herzlichſten Theilnahme.
„O, nichts,“ entgegnete er, indem er ſich wieder em⸗ porrichtete. Dabei aber drückte er die Hand gegen die Wange „Mein Gott, Sie bluten ja!“ rief ſie haſtig.„Was
iſt denn nur geſchehen? Wie iſt denn das gekommen?“
„Ich weiß es ſelbſt nicht,“ entgegnete er,„ich glaube, ich ſtach mich an der Nadel Ihrer Broche. Aber es kann nur ein unbedeutender Ritz ſein.“
Allein es war kein unbedeutender Ritz, das zeigte ſich, als Amalie ihm mit ſanfter Gewalt die Hand fortzog, denn das Blut ſtrömte herunter und die Wunde war ziem⸗ lich bedeutend, wenigſtens lang. Die Nadel der Broche,
„Mein Wünſche ſind mit Blut beſiegelt,“ ſagte er lächelnd,„nach dem alten Glauben alſo unauflöslich!“
„Ja, mein theurer Freund!“ ſagte ſie.„Nun aber eilen Sie hinweg, denn ich fühle das dringende Bedürfniß, allein zu ſein!“
Vielleicht fürchtete ſie in dieſem Augenblicke ihre Schwäche; er glaubte dies zu errathen, aber er beſaß Zartgefühl genug, ihr Verlangen zu erfüllen, und ein Tuch, das ſie vom Divan nahm und ihm reichte, auf die Wunde drückend, hauchte er ihr einen leiſen Kuß auf die Stirn und eilte dann ohne weitern Abſchied hinweg.
VI. Verhör und Gefängniß.
Am folgenden Tage verbreitete ſich plötzlich gleich einem Lauffeuer die Schreckenskunde, der Gardelieute⸗ nant Graf Maienburg ſei, eines Raubmordes im höchſten Grade verdächtig, ſo eben in Criminal⸗Arreſt abgeführt worden.
Vielfach wurde dieſe Nachricht mit Unglauben und Zweifel aufgenommen, denn Graf Maienburg galt für einen der vollendeteſten Cavaliere und zählte wegen ſeiner Liebenswürdigkeit, ſeiner ritterlichen Galanterie und ſeiner vielen wahrhaft glänzenden Eigenſchaften eine große Menge von Freunden und eine vielleicht noch größere von Freundinnen, die gern bereit geweſen wären, dem ſchönen, liebenswürdigen jungen Manne ihre zarte Hand zu reichen, hätte er ſie auch für immer behalten wollen.
Allein neben den zahlreichen Zweiflern gab es doch auch Einige, die das Verbrechen wenigſtens für nicht ganz
daran gedacht, auch für mich mit zu beten?“—„Ja, wie jeden Tag: ich bitte den lieben Gott um Glück für Sie und für ihre beiden Söhne; aber möge Königliche Hoheit mir verzeihen, daß ich nie beſtimmtere Wünſche für Sie laut werden laſſe.“—„Sie haben Recht,“ erwiderte ſie;„ſo muß man beten; wir wiſſen ja ſo wenig, was zu unſerm Frieden dient.“
Anfälle von Keuchhuſten, denen Ohnmachten und Nervener⸗ ſchütterungen folgten, traten zu wiederholten Malen in den bei⸗ den Tagen des Sonnabend und Sonntag ein. Kaum wieder frei davon, nahm ſie die Unterhaltung mit ihrer gewöhnlichen Leb⸗ haftigkeit wieder auf, zumal beim Eintritt ihrer Söhne. Da der Arzt ſie erſuchte, doch nicht ſo viel zu ſprechen, ſo gab ſie zur Antwort:„So laſſen Sie mich ſie wenigſtens anſehen.“
Unmöglich war es, bei ihr durchzuſetzen, daß man ihr als Kranker begegnete, ſo ſebr fürchtete ſie, das Leben ihrer Umgebung zu hindern oder zu beläſtigen; zudem fühlte ſie ſich auch gar nicht angegriffen. In einem Augenblicke, wo die nervöſen Beängſti⸗ gungen ihr am meiſten zuſetzten, bat ſie ihre Freundin, daß ſie ihre Hände in ihre eigenen nahm, weil dies ihr etwas Erleichte⸗ rung verſchaffte. Aber ſofort wandte ſie ſich auch mit der Frage lebhaft an den Arzt:„Iſt es auch nicht anſteckend?“ Während der erſten Tage hatte ſie nicht zugeben wollen, daß man bei ihr wachte; als ſie endlich darein willigte, ließ ihr die Beſorgniß, ſie möchte damit die Frauen ihrer Bedienung zu ſehr ermüden, wün⸗ ſchen, eine Krankenwärterin herbeizurufen. Man gedachte die Schweſter aus dem Orden du Bon-Secours, die auch den König während ſeiner letzten Krankheit gewartet hatte, aus Frankreich für ſie kommen zu laſſen; es kam ihr aber in’'s Gedächtniß, daß
die Diakoniſſinnenanſtalt vorhanden ſei, deren Zöglinge ſich auch ſer Einfall machte Lächeln.
der Krankenpflege widmen, und ſie ſagte deßhalb:„Ich hätte mich gern von dieſer guten Schweſter pflegen laſſen wollen, aber ich wünſche auch Etwas für meinen Cultus zu thun und ich halte es für billig, mich an unſere Diakoniſſinnen zu wenden.“ Der Brief, welchen man ſofort ſchrieb, hatte nicht einmal Zeit, in Paris an⸗ zukommen. Montag, den 17. Mai, gegen Mittag wurde ſie von Beäng⸗ V ſtigungen und Oynmachten befallen: ſie war eine Zeit lang
unbeweglich, ja faſt leblos. Als man ſie bat, ſich doch aufzu⸗ richten, in der Hoffnung, das Athmen werde ihr, wenn ſie ſitze,
weniger ſchwer werden, antwortete ſie mit außerordentlicher
Langſamkeit:„Ich kann nicht mehr.“ Der Anfall ging indeſſen
noch einmal vorüber, und die Herzogin ſelbſt, deren Blick ſonſt ſo ſcharf war, wurde die Beſtürzung nicht gewahr, die ſich auf allen Geſichtern abmalte. Sie zeigte ſich ſo ruhig, der Arzt ſelbſt fand ſie ſo ruhig, daß auch die Andern wieder aufathmeten.
Der Tag ging zu Ende ohne neuen Vorfall. Die Mittel, welche ihr zur Beſänftigung des Huſtens verordnet worden, be⸗ wirkten, daß ſie für wenige Minuten einſchlummerte. In dieſem Halbſchlummer hörte man ſie einige Worte nach einer Art rhythmiſchen Liedes hinſprechen. Alles, was man verſtehen konnte, war:„Meine Eltern ſind begraben auf Boden, den man hat gekauft.....“ Sobald ſie aber wieder erwacht, waren ihre Ge⸗ danken wieder ſo klar und beſtimmt wie gewöhnlich. Sie fragte nach ihren Söhnen:„Es iſt ſchon lange, daß ich ſie nicht mehr geſehen.“ Man erwiderte ihr darauf, daß man ſie nicht habe eintreten laſſen, um ihre Ruhe nicht zu ſtören; ſie entgegnete: „Ich möchte nicht, daß ſie glaubten, ich vernachläſſige ſie.“ Die⸗


