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Rr. 31.
Der Polizeiſpion.
Novelle.
1. Der Agent.
In der erſten Weinhandlung der Reſidenz ſaßen an einem Tiſche zwei junge Männer, der Gardelieutenant Graf Maienburg und deſſen Freund und Jugendgefährte, der Aſſeſſor von Wenkſtern.
Beide waren in ein lebhaftes Geſpräch vertieft, das ſie jedoch nur leiſe flüſternd führten, denn ſeit einiger Zeit hatte ihnen gegenüber, an demſelben Tiſche, ein Mann Platz genommen, den ſie offenbar nicht zum Vertrauten ihrer mehr oder minder wichtigen Herzensergießungen machen wollten, und wohl war ihnen nach dem ziemlich allgemein bekannten Charakter dieſes Menſchen, oder wenigſtens nach dem, was man ſich über denſelben zu⸗ flüſterte, eine ſolche Zurückhaltung nicht zu verdenken. Gern hätten ſie deshalb auch ſeine Nähe ganz vermieden, wäre dies nur, ohne allzugroßes Aufſehen zu machen, angegangen, nachdem er ohne Umſtände ſeinen Platz den beiden Freunden gegenüber gewählt und, indem er ſich ſetzte, den Grafen Maienburg mit dem Weſen eines Be⸗ kannten gegrüßt hatte.. u
„Kennſt Du den Menſchen mit dem widerlichen, confis⸗ cirten Fuchsgeſicht?“ fragte Wenkſtern ſeinen Freund, und konnte ſich eines unangenehmen Gefühles nicht erwehren, indem er einen verſtohlenen Blick auf ihren neuen Tiſch⸗ genoſſen richtete. 1*
„Leider kann ich ſeine Bekanntſchaft nicht ganz in Ab⸗ rede ſtellen,“ entgegnete Graf Maienburg,„obgleich es wenig Ehre bringt, mit ihm in Berührung zu ſtehen oder jemals geſtanden zu haben.“
„Iſt er denn ſo gewaltig verrufen?“ fragte der Aſſeſſor.
„Das eben nicht,“ ſagte der Graf,„er ſteht ſogar in einem gewiſſen Rufe der Ehrenhaftigkeit; denn er verdient durch ſeine verſchiedenen Geſchäfte genug Geld, um allen ſeinen pecuniären Verbindlichkeiten pünktlich nachzukom⸗ men, und Du weißt wohl, lieber Wenkſtern, daß bei dem jetzigen Laufe der Welt und dem Zuſtande unſerer ſocialen Verhältniſſe in den Augen der Mehrzahl weiter nichts er⸗ forderlich iſt, um den Namen eines Ehrenmannes zu ver⸗ dienen.“.
„Und welcher Art ſind die Geſchäfte, die er betreibt, und die ihm Deiner Meinung nach dieſe beneidenswerthe Selbſtſtändigkeit gewähren?“
„Beneidenswerth? Ich glaube kaum, daß Du ihn
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darum noch beneiden wirſt, wenn Du die Natur dieſer Ge⸗ ſchäfte erfährſt.— Das erſte derſelben, welches er ganz öffentlich und unter dem Schutze einer geſetzlichen Be⸗ fugniß betreibt, iſt Agentur und Mäkelei. In dieſer Eigenſchaft hat ſein weites Gewiſſen nichts dagegen, jungen, leichtſinnigen Menſchen gegen den mäßigen Zins von funfzig bis ſechzig Procent Geld zu verſchaffen.“
„Ein allerliebſtes Kerlchen,“ ſagte lachend Wenkſtern. „Iſt denn dieſe Wucherſeele ein Chriſt?“
„Allerdings; indeß noch nicht gar lange,“ belehrte der Lieutenant ſeinen Freund.—„Sein öffentliches Geſchäft iſt daher, wie Du Dir wohl denken kannſt, ziemlich ein⸗ träglich; noch profitabler aber dürfte das zweite ſein, welches er halb öffentlich und unter dem Schutze ange⸗ ſehener Gönner betreibt, von denen beſonders einer, welcher in einem der höchſten Poſten ſteht, einen ſo großen Ein⸗ fluß ausübt, daß der willige Unterhändler kaum etwas zu befürchten hat, ſo lange er unter deſſen Aegide ſteht.“
„Ich verſtehe,“ ſagte der Aſſeſſor mit einem Seufzer, „und ich muß Dir vollkommen beiſtimmen.— Wahrlich, mir wird immer unheimlicher in der Nähe dieſes Menſchen zu Muthe.“—
„Das dritte Geſchäft, welches der würdige Herr Holl⸗ rink— den Namen merke Dir gleich einer Warnungstafel — ganz heimlich betreibt,“ fuhr Graf Maienburg noch leiſer, als zuvor, fort, und neigte ſich zu dem Ohre ſeines Freundes,„iſt das eines— Polizeiſpions!“
„Pfui!“ rief Wenkſtern unwillkürlich aus, und wahr⸗ ſcheinlich würde er ſeinem Unwillen noch durch weitere Aeußerungen Luft gemacht haben, hätte der Lieutenant ihn nicht durch ein bedeutungsvolles Zeichen zur Vorſicht und Mäßigung ermahnt und zugleich hinzugeſetzt:
„In der erſten dieſer drei Eigenſchaften bin ich mit dieſem Ehrenmanne in eine Berührung gekommen, an deren traurigen Folgen mein ohnehin ſchwindſüchtiger Geldbeutel noch jetzt zu leiden hat.— Durch ein Geſchäft, welches in die zweite Branche ſeiner Thätigkeit einſchlägt, fühle ich mein Gewiſſen mit einer Erinnerung bedrückt, die ich gern ertödten oder abſchütteln möchte, ohne daß es mir jemals ganz gelingen will.— Nach der doppelten Erfahrung, die ich bereits gemacht habe, möge mich daher der Himmel davor bewahren, die Wirkſamkeit dieſes Mephiſto anch noch auf dem dritten Gebiete ſeiner Thätigkeit aus eigener Er⸗ fahrung kennen zu lernen.“
„Auf die Erfüllung Deines Wunſches!“ rief Wenk⸗ ſtern, als ſein Freund die Charakteriſtik des Agenten ge⸗ endigt hatte, erhob ſein Glas und ſtieß klirrend mit dem Lieutenant an.
Während dieſes ganzen Geflüſters hatte Herr Hollrink


