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Noveſſen⸗Zeitung.
[V. Jahrg.
was man ſich von der Prinzeſſin erzählte, nur das Beſte ſtieg aus und hieß den Wagen unten halten, bis ſie wieder
geglaubt. War ſie nun wirklich von den Todten auferſtan⸗
den? War ſie wirklich die Mutter Albin's, dem ſie ſelbſt
eine zweite war? Erklärte nicht nun ſich plötzlich Alles? Aber Concordia mußte Gewißheit haben.
„Gedulde Dich bis übermorgen!“ ſagte ſie zu Albin. „Ich fahre morgen zum Fürſten, er muß mich hören, muß
mir ſelbſt Rechenſchaft geben, muß es geſtatten, daß Mutter und Sohn ſich finden, daß die Mutter den Sohn vom Fieber, der Sohn die Mutter vom Wahnſinn befreie, daß
eine Zeit des Friedens für Beide komme.“ Albin billigte Alles, aber Aurelie, da ſie erkannte, daß
erſt durch ihre Mittheilung das Geheimniß klar geworden,
zitterte für das ihrige um Nataliens willen.
„Seien Sie unbeſorgt, mein gutes Kind,“ ſagte das
alte Fräulein,„der Fürſt denkt ja gleich Ihnen, daß Albin ſchon vor dem Duell gewußt, weſſen Ehre er vertheidigt; wo wir es mit den Phantaſieen eines Fieber⸗ und einer Geiſteskranken zu thun haben, hört die Nothwendigkeit, wie die Möglichkeit auf, Rechenſchaft zu verlangen, woher dieſelben ihre Nachrichten geſchöpft.“
Albin aber küßte Aurelien zum Abſchied und ſagte:
„Deine Liebe gibt mir Alles, theures Mädchen: Ge⸗ neſung, Klarheit und eine Mutter, aber mehr als dies iſt es noch, wenn Du Dich mir ſelbſt gibſt, als meine Braut!“
Concordia legte ſegnend die Hände auf das zitternde Mädchen, das kein Wort der Erwiderung hatte, ſondern nur Thränen ſeliger Hingabe, und ſo trennten ſie ſich.
VI. Erlöſung.
Ein paar Tage ſpäter fuhr eine geſchloſſene Kutſche bis an den Fuß der Burg. Aus dem Dorfkirchlein an ihrem Fuße klang eben friedliches Abendläuten. Eine Dame
kommen werde, möge ſie ſich auch etwas verſpätigen.
Das geſchah nun allerdings, denn es war ſchon ganz dunkel geworden, als ſie zurückkehrte. Aber diesmal nicht allein. Noch zwei Damen waren bei ihr und ſie beſtiegen alle drei den Wagen, der nach der Stadt zurückkehrte.
Ein Brief des Fürſten hatte Fräulein von Burg Zu⸗ tritt in das geheimnißvolle Haus verſchafft, das ſich ſonſt Jedem verſchloß. Was ihr noch dunkel war, das hatte ſich nun erklärt.
Prinzeſſin Eliſabeth hatte einſt Alles daran geſetzt, ſich dem aufgedrungenen Bräutigam zu entziehen und dem Mann ihrer Liebe gehören zu dürfen, ſie hatte ihren Eltern erklärt, daß ſie bereits heimlich vermählt, Eberſtein's Gattin ſei, und daß man ſie als ſolche ſanctioniren müſſe oder der Schande preisgebe. Der Auftritt, welcher dieſem Bekenntniß folgte, war ſo ſchrecklich, daß er wohl ein ſtärkeres Weſen, als Eliſabeth war, der Verzweiflung preisgeben konnte. Sie erlag den Aufregungen, die ſchon lange von allen Seiten auf ſie eingeſtürmt, und als ſie Eberſtein's Tod erfuhr, der ſich dieſen wohl nicht allein aus unglückſeliger Liebe, ſondern aus Furcht vor den Fol⸗ gen dieſer Entdeckung gab, ſo ward ihr Zuſtand immer be⸗ denklicher. Zu früh gebar ſie einen Knaben, das Kind⸗ betifieber nahm einen bedrohlichen Charakter an, ſie ward wahnſinnig und der Arzt erklärte, daß ſie es bleiben werde. Auf einem Luſtſchloß des Fürſten hatte ſie krank gelegen, und nur wenig zuverläſſige Perſonen hatten um ſie ſein dürfen, von einer derſelben ließ„nan das Kind ausſetzen und hoffte, daß der kinderloſe Pfarrer es nicht werde verderben laſſen, der irrſinnigen Mutter aber ſagte man, daß es ge⸗ ſtorben. Ihr Zuſtand war bald ſo, daß er die ſtrengſte Aufſicht und Pflege erforderte, und um dem fürſtlichen Bräutigam gegenüber aus aller Verlegenheit zu kommen, alle ehrverletzenden Gerüchte niederzuſchlagen, erſchien es für das Beſte, die einmal als unheilbar erklärte Dame ver⸗
dieſer Monarch nun ſchon ſeit 15 Jahren Frankreich beglückt haben. Man hat mir darüber folgende Auskunft gegeben:
Einer unſerer Directoren, der wohl ein näheres Recht auf den Degen des Großconnetabels gehabt hätte, als Bonaparte, hatte Frankreichs wahre Stimmung erkannt und ſich die ehren⸗ volle aber ſchwere Pflicht auferlegt, den Wunſch der Nation zu befriedigen.
Eine geheime Negociation mit Mitau, wo ſich Lud⸗ wig XVIII. damals aufhielt, war beendigt; es kam nur noch auf die Ausführung an.
Ludwig XVIII. ſollte Frankreich durch eine königl. Urkunde
eine Conſtitution geben und dann incognito von Mitau abreiſen, an Frankreichs Grenzen eintreffen, von da nach den Tuilerien ſich begeben, von wo aus der ſchnell zum Range eines Connetabels beförderte Director an der Spitze der Truppen aufgebrochen ſein würde, um in Paris den in ſeine Staaten zurückgekehrten König von Frankreich zu proclamiren.
Ein Courier, bereit zu Pferde zu ſteigen, erwartete nur noch die Depeſchen an Ludwig XVIII., allein eine Rückſicht verzögerte ſeine Abreiſe.
Der ruſſiſche Kaiſer hatte beim Anblicke jenes Zuſtandes
der Verwirrung, worin ſich Frankreich bei Annäherung des 18. Brümaires befand, einen Ukas erlaſſen, welcher allen Comman⸗ danten an den Grenzen ſeines großen Reichs“ befahl, keinem Fremden den Eintritt in das ruſſiſche Gebiet zu geſtatten, ehe und bevor ſein nach Petersburg geſandter Paß ihm nicht mit dem Viſum des Miniſters der auswärtigen Angelegenheiten zurück ge⸗ ſchickt worden ſei.
Wurde dieſer Ukas auch in Hinſicht des von dem zukünftigen
Connetabel abgeſandten Couriers vollſtreckt, ſo wurde der glück⸗ liche Ausgang der Revolution zweifelhaft. Es kam daher darauf an, den Courier von dieſem Ukaſe zu befreien, damit ſein Weg durch nichts aufgehalten werden möchte. Man wandte ſich an den ruſſiſchen Geſandten und theilte ihm das im Vertrauen mit, womit man eben umging. Die an Ludwig XVIII. beſtimmten De⸗ peſchen wurden ihm nicht vorenthalten. Der Geſandte bedachte ſich nicht lange. Er ſchrieb einen Brief an den erſten ruſſiſchen Commandanten, dem ſich der Courier vorſtellen würde, und indem er für die Folgen zu ſtehen verſprach, verlangte er, daß der Ukas auf dieſen Courier nicht angewendet werden ſollte.
Der Courier ging ab. Als er an der ruſſiſchen Grenze ankam, wurde er angehalten. Er mußte mit dem Gouverneur ſprechen; allein es war Mitternacht und Se. Excellenz ſchliefen; er ſollte bis morgen früh warten. Der Courier ſagte: ſeine Reiſe ſei für Europa von höchſtem Intereſſe; er habe einen Brief von dem ruſſiſchen Geſandten in Paris; er bat dringend, man möchte doch den Brief ſogleich übergeben, und ihm indeß immer Pferde zur Fortſetzung ſeiner Reiſe verſchaffen. Man wußte ſich lange nicht zu entſchließen. Endlich ſollte der Herr Commandant ge⸗ weckt werden. Unglücklicherweiſe aber hatte derſelbe bei ſeinem Souper ein Glas Wein zu viel getrunken, und die Unterbrechung
des Schlafes ſetzte ihn nicht in die beſte Laune; er verſchob alſo
die ganze Angelegenheit ſogleich auf den andern Tag und wollte wieder einſchlafen. Man⸗ wagte ihm zuzureden, ſprach von einem aus Frankreich angekommenen Couriere, der weiter wolle, und behauptete, daß ein Brief des ruſſiſchen Geſandten wolle, daß man ihm dieſes erlaube.„Es gibt aber einen ruſſiſchen Ukas, der das nicht will,“ verſetzte der halb ſchon wieder entſchlafene Com⸗


