Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
470
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Sie, was ich vor aller Welt verborgen glaubte, was wiſſen Sie, wie erfuhren Sie es?

Fürchten Sie keine Indiscretion von meiner Seite, ich ſchwieg gegen Alle und werde die Schuld, die weniger meine Neugier, als meine Liebe auf ſich lud, nicht dadurch vermehren, daß ich, wenn auch nur mit halben Worten, verrathe, im Beſitze eines Geheimniſſes zu ſein, um das Tauſende ſich vergeblich in Vermuthungen und Nach⸗ forſchungen erſchöpfen, und daxum will ich Ihnen beichten, wie ich dazu kam, da Sie ein Recht haben, dies von mir zu fordern.

Aurelie befand ſich immer noch in der Meinung, daß Albin und nach ſeiner Verſicherung auch ſeine Tante um das Geheimniß der fremden Damen wüßte, und begann ihre Erzählung in Form eines Geſtändniſſes. Fragen und Zwiſchenreden entdeckte ſie zu ſpät, um noch ſchweigen zu können, daß ſie ſelbſt erſt zur Verrätherin ge⸗ worden, aber daß ſie nun auch Alles ſagen müſſe, um die Fiebergluth des Kranken, die ihr unerwartetes Erſcheinen anfangs ſo wunderbar geſänftigt, nicht wieder zu einem ge⸗ fährlichen Grade zu ſteigern. Und ſo erfuhren denn die geſpannten Zuhörer von ihr ſelbſt, wie ſie, als ſie von den Beziehungen Albins zu den fremden Damen oder ehrem gegenſeitigen Intereſſe aneinander gehört, aus Eiferſucht die eigne Neugier ihrer Freundin Natalie, der Nichte des Bürgermeiſters, benutzt habe, um durch ſie etwas über die räthſelhaften Fremden zu erfahren, und wie ihre Bemü⸗ hungen lange vergebens geweſen ſeien, bis einige Tage nach dem verhängnißvollen Duell und dem Studentencrawall Natalie mit einem Briefe zu ihr gekommen, der die beſte Auskunft verſprach. Der Brief war aus der Reſidenz und mit dem fürſtlichen Wappen geſiegelt an den Bürgermeiſter gekommen, der gerade für einen Nachmittag auf's Land gegangen war. Da Natalie, die ihn in Empfang nahm, von einer ſolchen Correſpondenz die Möglichkeit eines Auf⸗ ſchluſſes vorausſetzte, ſo hatte ſie der Verſuchung nicht

Durch

Novellen⸗Zeitung.

[V. Jahrg.

widerſtehen können, mit einem heißgeglühten Federmeſſer den Brief zu öffnen, ohne das Siegel zu löſen. Ein wenig war ſie für ihre Neugier beſtraft, denn der Brief war franzöſiſch und ſie verſtand zu wenig davon, ſie eilte darum

damit zu Aurelien, der dieſe Sprache ſehr geläufig war.

Dieſe machte wohl erſt gewiſſenhafte Einwendungen, aber da Natalie erklärte, ſie müſſe wiſſen, was in dem Briefe

ſtehe, und wenn ſie es nicht leſen und überſetzen wolle, ſo

finde ſie noch eine andere vertraute Perſon dazu, da hatte Aurelie eine Rechtfertigung für die eigne Neugier und eine Beruhigung für ihr Gewiſſen.

Der Brief war von dem Geheimſecretair des Fürſten und offenbar eine Antwort deſſelben auf einen Bericht des Bürgermeiſters, der von jenem zugleich ein Univerſitäts⸗ freund und dem Hof als treuergebener und vielerprobter Mann bekannt war. Der Bericht mochte nach dem Stu⸗ denten⸗Duell und Tumult geſchrieben ſein, für ihn um Entſchuldigung und weitere Verhaltungsmaßregeln um der fremden Damen willen gebeten, wohl gar die Andeutung ent⸗ halten haben, wofür man ſie halte und daß es wohl am Beſten ſei, wenn ſie in einer andern Gegend ihren Aufenthalt wählten. Zum größten Theil mochte der Bürgermeiſter in die Verhältniſſe derſelben ſchon eingeweiht ſein, aber der Briefſchreiber ließ in ſeiner Antwort auch die letzten Schleier fallen. Man erſah, daß die ältere der namen⸗ loſen Damen Prinzeſſin Eliſabeth, die Schweſter des regierenden Fürſten ſei, eine Dame, an deren Tod ſchon ſeit mehr als zwanzig Jahren Niemand zweifelte. Aber ſie lebte, lebte damals als Bewohnerin eines Irrenhauſes vor Allen verborgen und war aus demſelben vor drei Jahren auf ihre eignen dringenden Bitten entlaſſen wor⸗ den. Sie hatte ſelbſt verſprochen, nie ihren Namen zu verrathen, noch zu ihrem Sohn in eine nähere Beziehung zu treten. Damals hatte man ihr ihre Pflegerin aus dem Irrenhauſe, die Tochter des Irrenarztes, die ſelbſt ſich dieſem Beruf gewidmet hatte und von der Prinzeſſin immer

iſt. Alſo die entſetzliche Armuth der Naturlaute ſoll das geiſtig reiche Pathos der Tragödie erſetzen! Und warum? weil die Muſik mit dieſem gedankenvollen Pathos nichts anzufangen weiß! Man vergleiche den dichteriſchen Text einesHamlet und Macbeth,Wallenſtein undCarlos mit dem Text eines Tannhäuſer, und man wird einſehen, welche Bereicherung der Poeſie das Kunſtwerk der Zukunft in Ausſicht ſtellt. Ganz folge⸗

richtig erklärt ſich Wagner auch für das Wunder in der Poeſie und ſchlägt überhaupt jene romantiſche Richtung ein, welche

muſikaliſchen Motiven günſtig iſt, aber die objective Geſtaltung der Dichtkunſt im höchſten Grade beeinträchtigt. Wenn wir indeß das Kunſtwerk der Zukunft ſeiner nach Alleinherrſchaft ſtrebenden

Anſprüche entkleiden: ſo läßt es ſich wohl, wie auch-die Wag⸗

ner'ſchen Verſuche beweiſen, als ein muſikaliſches Drama denken, das allerdings entfernt an die antike Tragödie erinnert, ſchwer aufzufindende, einfache Gefühlsſtoffe wählt und in der Ausfüh⸗ rung Poeſie und Muſik in einem gewiſſen mittleren Gleichgewichte, in einer mittleren Temperatur hält, in welcher aber beide Künſte ſchreiten. Daß das mindeſtens bei der Poeſie der Fall iſt, beweiſen vorläufig die Wagner'ſchen Operntexte, die als Operntexte ganz gut, als poetiſche Kunſtwerke aber ohne alle Bedeutung ſind. Die Wagner'ſchen Paradoxen erweiſen ſich in der That er⸗

ſprießlich für die dichteriſche Geſtaltung des Operntextes, wenn

Gefahr laufen, das Niveau der Mittelmäßigkeit nicht zu über⸗

wir auch als Princip feſthalten, daß der Dichter in der Oper, ihrem ganzen Weſen nach, nur für die Zwecke des Muſikers

arbeitet. Er kann dies mit gutem Gewiſſen thun, da ihm ja ſonſt

das freie, unverkümmerte Reich der Dichtkunſt offen ſteht. In der Kunſt der Beſchränkung wird ſich hier der Meiſter zeigen.

Der Operndichter kann nur ganz einfache Stoffe wählen, Stoffe, deren Motivirung in durchſichtiger Klarheit vorliegt, die ſich nur in der Gefühlsſphäre bewegen. Verwickelte politiſche Intriguen ſind ebenſo ausgeſchloſſen, wie verwickelte pſy cho⸗ logiſche Motive. EinHamlet läßt ſich ebenſowenig in einen Operntext verwandeln, wieein Glas Waſſer. Und doch iſt bei Hamlet eine große Tiefe der Innerlichkeit; aber ſie ſteht nicht auf dem Boden des einfachen Gefühles, ſondern ſie durch⸗ läuft alle Vermittelungen geiſtvoller Reflexion. Das iſt höchſt dichteriſch, trotz Richard Wagner, aber durchaus nicht muſikaliſch. Dagegen wird die Einfachheit des Motios nicht ausgeſchloſſen, wenn es ſich an die Maſſen vertheilt. Darum ſind dieStumme von Portici undTell gute Operntexte. Der Operndichter kann in der Charakteriſtik nicht in's Einzelne gehen, wie der Dramatiker, der die ſpeciellſten Züge wählt und bis zu den ſchroff⸗ ſten Linien fortgeht; hier kann die Muſik nicht folgen. Er muß die Geſtalten in allgemeinen Umriſſen halten. Darum iſt die phantaſtiſche Wunderwelt ein geeigneter Hintergrund für die Oper, für welche die Geſtalt als ſolche gleichgültig iſt, und welche ebenſogut ein Quartett von fleurs animées ſchreiben kann, wie von Prinzen und Prinzeſſinnen. Die geſtaltloſe Welt, die Naturerſcheinung, das empörte Meer, der Sturm, das Unwetter ſind paſſende Zwiſchenſpiele der menſchlichen Handlung in der Oper. Dieſe Handlung ſelbſt kann wohl mit Märſchen, Käm⸗ pfen, Tänzen ousgeſchmückt ſein; aber ſie muß in ihrem einfachen Gange ſich an Conflicte des Gefühles anſchließen. Die Muſik hat alle Mittel, das einſame Gefühl ſowol! in ſeiner Innerlich⸗ keit, wie ſein Steigen, ſein Wachsthum, ſein Heraustreten und Hervorbrechen darzuſtellen. Hierin muß ihr der Operndichter

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