mußte. Fräulein Burg eilte hinaus, trat an das Schreibe⸗ pult und ſagte zu dem Knaben:
„Warte ein wenig, Du ſollſt ein Briefchen von mir mitnehmen.“ Sie ſchrieb:
„Geehrte Dame! Zwar hat Ihr ſtummer Bote mit keinem Wort oder Blick den Befehl, Ihr Geheimniß zu bewahren, vernachläſſigt, aber ſein Kommen ſchon hat die Aufregung und das Fieber des Kranken ſo geſteigert, daß es ein freches Spiel mit dem Leben eines edlen Jünglings, der Ihnen nicht gleichgültig ſein kann, treiben hieße, wenn Sie ſeinen Wunſch, Sie perſönlich zu ſehen und ſich mit Ihnen über Alles zu verſtändigen, unerfüllt ließen. Kom⸗ men Sie zu jeder Tages⸗ oder Nachtzeit, welche Ihnen die ſchicklichſte zu ſein ſcheint. Sie finden mich, ſeine alte Pflegemutter, bei ihm und haben ſo weder für Ihren Ruf, noch für Ihr Geheimniß zu fürchten. Aber, wie es meine heiligſte Pflicht iſt, Alles für die Ruhe und das Leben meines geliebten Pflegeſohnes zu thun und Ihnen zu ſagen, in welchem gefährlichen Fieberzuſtand ich ihn gefunden, ſo iſt es die Ihrige, alle andern Rückſichten vor der, vielleicht ein Menſchenleben erhalten oder verderben zu können, zu⸗ rückzuſetzen und hierher zu kommen, wo man Sie mit Sehnſucht erwartet und Ihnen über Alles das heiligſte Schweigen zuſichert. Concordia von Burg.“
v. Löſung.
Das letzte Abendroth war verglüht, Albin war unter dem milden Abſchiedslächeln der ſcheidenden Sonne ent⸗ ſchlummert, und Fräulein von Burg ſaß allein im Neben⸗ zimmer bei einer kleinen Studirlampe und ſtrickte, dabei lauſchte ſie bald nach der offenſtehenden Thür, die Athem⸗ züge des Kranken zu beobachten, bald verſcheuchte ſie die Mücken und Fliegen, welche das Lampenlicht durch das ge⸗
eilung, ihn zu ſchreiben.
öffnete Fenſter herbeilockte. Jetzt ward ihre Aufmerkſam⸗ keit noch durch Tritte auf der Treppe in Anſpruch genom⸗ men, die ſanft und zögernd und anders klangen, als die der Hausbewohner. Ein leiſes Klopfen ließ ſich hören.
Das Fräulein öffnete raſch und trat verwundert einen Schritt zurück, als ſie ſich ein junges Mädchen gegenüber ſtehen ſah, das den Schleier entfernend mit niedergeſchlag⸗ nen Augen und gerötheten Wangen faſt zitternd ſprach:
„Ich komme auf Ihren Brief, Sie ſelbſt müſſen meine Entſchuldigung übernehmen, daß ich komme, bei ſich ſelbſt und bei ihm; lieber will ich ſelbſt ſterben vor Beſchämung, als nur einen Theil der Schuld auf mich laden, mit welcher Ihr Schreiben mich bedrohte.“
Das gute alte Fräulein war in der That in nicht ge⸗ ringer Beſtürzung, es hatte nicht anders geglaubt, als eine ältere Dame, die geheimnißvolle Fremde, hinter der pſeu⸗ donymen Madame Müller ſuchen zu müſſen, und nun hatte ein junges Mädchen dieſe Maske gewählt. Wie wunder⸗ lich war nun der Brief! aber die Schreiberin begriff auch, daß auf dieſen Brief ſelbſt das ſchüchternſte und zart⸗ fühlendſte Mädchen ſeine Scheu überwinden und durch dieſen Schritt ſeine Liebe offen bekennen mußte, aber da es bisher das vermieden, ſich hinter einen falſchen Namen verſteckt, ließ das nicht darauf ſchließen, daß dieſe Liebe im beſten Falle erſt im Keimen begriffen, im ſchlimmeren eine verſchmähte ſei? Was war jetzt zu thun?
„Haben wir Vertrauen zu einander!“ ſagte Fräulein Burg, dem zagenden Mädchen mit den ſanften, reinen Zügen und den ſittſam ſchüchternen Bewegungen die Hand drückend,„der Brief, den Sie erhielten, ward von meiner mütterlichen Angſt dictirt, und vielleicht war es eine Ueber⸗ Es fällt mir jetzt ſchwer auf das Herz, daß Albin nun unvorbereitet iſt, Sie zu ſehen; er⸗ lauben Sie mir, daß ich erſt mit ihm ſpreche und ſehe, ob ſein Zuſtand auch ein Wiederſehen erlaubt, das gewiß ſehr
Feuilleton.
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Rudolph gottſchall über moderne Muſiktheorien.
Es iſt in dieſer Zeitſchrift vor mehreren Monaten die Vor⸗ rede von Gottſchall's neuem Buche„Poetik. Die Dichtkunſt und ihrer Technik. Vom Standpunkte der Neuzeit“(Breslau, Verlag von Eduard Trewendt 1859) zur Empfehlung dieſes geiſt⸗ vollen Werkes hier mitgetheilt worden, das in zeitgemäßer Oppo⸗ ſition gegen den verflachenden Materialismus der heutigen Tage in kühner Schilderhebung den Idealismus zu ſeiner Deviſe wählt. Der ſtattliche Band iſt von des Verfaſſers bewährter Feder brillant und pointenreich geſchrieben und wird nicht nur dem Manne von Fache, ſondern auch dem ſtrebſamen Dilettanten wie dem gebildeten Laien eine über die geiſtigen Intereſſen der Gegenwart tief anregende Lectüre bieten. Als unterſcheidend von anderen Behandlungen deſſelben Gegenſtandes iſt namentlich des Verfaſſers Eingehen auf die techniſchen Vorausſetzungen ſeiner Kunſt hervorzuheben, wie in den lebrreichen Abſchnitten„Das dichteriſche Wort,“„Bilder und Figuren,“„Ueber den Gebrauch des bildlichen Ausdruckes,“„Vers und Reim“ u. ſ. w. Bei der immer lebhafter werdenden Debatte über die muſikaliſchen Partei⸗ fragen der Gegenwart wird es von Intereſſe ſein, die Stimme
auch eines Aeſthetikers wie Gottſchall darauf bezüglich zu verneh⸗ men, und ſo finde denn aus dem Capitel„Die Dichtkunſt und die Muſik“ folgender Paſſus hier eine Stelle. Was die dramatiſche Poeſie betrifft, ſo ſagt Gottſchall S. 52 und f., ſo ſehen wir in der Oper deren conventionelle Ehe mit der Muſik, neben welcher freilich ſowohl Drama, als auch Muſit ſelbſtſtändig fortbeſtehen. Auf der andern Seite wird uns das„Kunſtwerk der Zukunft“ offenbart, in welchem dieſe Ehe nicht nur als eine unauflösliche dargeſtellt, ſondern überhaupt jeder von beiden Künſten die Berechtigung einer ſelbſtſtändigen Exiſtenz abgeſprochen wird. Wenn wir das Verdienſt dieſer reformatoriſchen That darauf beſchränken, für die Vereinigung beider Künſte eine neue, aber keineswegs ausſchließliche Form gefunden zu haben, und die Regeln, welche für die reformirte Dichtkunſt gelten ſollen, nur auf die reformirten Operntexte beziehn: ſo erſcheinen viele Behauptungen des ebenſo ſchwerfälligen wie paradoxen Denkers, den man einen auf den Kopf geſtellten Leſſing nennen könnte, weil er mit demſelben Eifer, wie jener auf die Sonderung der Künſte und Kunſtgattungen, auf ihre Vereinigung bedacht iſt, in einem günſtigeren Lichte und kön⸗ nen um ſo heilſamer wirken, als keine Gefahr von der Verwirk⸗


