Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
460
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gleich ſämmtliche gefangene Dragoner abzuführen, da die Sicherheit erheiſche, wenigſtens das Zuchthaus zu be⸗ wachen. Dieſem gerechten Begehren wurde nachgegeben und beſtimmt, daß dieſer nöthige Wachtdienſt bis zur An⸗ kunft des Herzogs von den Dragonern geleiſtet werden ſolle, jedoch ohne Waffen. 1

Die Anzahl der in der Stadt gemachten Gefangenen belief ſich auf zwei Wachtmeiſter und zweiunddreißig Dragoner; der commandirende Officier war gerade ab⸗ weſend.

Kaum anderthalb Stunden hatte dieſer zweite ſo glücklich ausgeführte Coup gedauert. Es war zehn Uhr Morgens, als das Commando Luckau verließ und mit friſchen Pferden nach Lübben eilte, wo zufolge eingezoge⸗ ner Erkundigung die erwähnten Wagen und Pferde um

Städtchen anlangte, fand ſie zu ihrem größten Erſtaunen die Ortsbehörde auf ihre Ankunft ſchon vorbereitet. Dieſer bat vor allen Dingen um Schonung der Stadt. Doch auf das Verlangen des Capitains v. Sander, ihm ſofort die eben von Wittenberg angekommenen Pferde und Wagen auszuliefern, erhielt er die niederſchlagende Antwort, daß durch einen von Luckau nach Lübben heimlich abgeſandten Boten die nahe Ankunft des braunſchweigiſchen Corps ge⸗ meldet ſei, worauf der Transport vor kaum einer Stunde die Stadt in großer Eile verlaſſen habe. Nachdem zehn Dragoner, welche im Orte einquartiert waren, zu Gefange⸗ nen gemacht, fuhr das Commando dem Convoy in aller Haſt nach.

Anfangs erblickten die Verfolgenden deutlich die Spu⸗ ren der Wagen und Pferde, aber bald waren ſie im Spree⸗ walde; hier hörte jede Spur auf, und es blieb ungewiß, welche Richtung jene genommen hatten. Vergebens bot Capitain v. Sander dem Poſtillon dreißig Ducaten und lebenslängliche Verſorgung für Weib und Kind, wenn er ihn auf den rechten Weg bringe. So jagte die Schaar

Novellen⸗Zeitung.

dieſe Zeit eintreffen ſollten. Als die kleine Schaar in dem

fünf bis ſechs Stunden fruchtlos in ihrem Wagen umher; endlich waren auch die Pferde erſchöpft; zwei derſelben mußten ausgeſpannt werden, und man ſah ſich genöthigt, aus einem nahe gelegenen Gehöft andere zu requiriren. Es kam dabei zu Thätlichkeiten, welche damit endeten, daß die Bauern ſämmtliche übrigen Pferde in den Wald trieben. Endlich ſah man ſich gezwungen, von der frucht⸗ loſen Irrfahrt abzuſtehen und nach Lübben zurückzukehren, wo das Commando Abends zwiſchen ſieben und acht Uhr ziemlich erſchöpft ankam. Jetzt ſtand den Kühnen das Schlimmſte bevor. Die augeſagte Einquartierung war natürlich in Lübben nicht eingetroffen. Auf dem Markt⸗ platz trafen ſie den Landeshauptmann, Grafen von Ein⸗ ſiedel, von einer großen Menge Einwohner umringt, welche durch die in die Stadt geflüchteten Bauern aufgeregt zu ſein ſchienen. Die geſpannten Hähne und die gefällten Bajonnete der zugleich zangeblich nach einem Streifcom⸗ mando braunſchweigiſcher Huſaren ausſehenden beiden Oberjäger hielten die Murrenden in Schranken. Der Landeshauptmann war von den ganzen Vorgängen unter⸗ richtet und äußerte gegen den Capitain v. Sander, wie er genau wiſſe, daß der Herzog mit ſeinem Corps nicht auf Lübben marſchire, ſondern bereits Leipzig in Verbindung mit den Oeſterreichern beſetzt habe.

Graf Einſiedel mochte aber wohl mit gutem Grunde Beſorgniß hegen, daß jede thätliche Maßregel gegen das kleine Commando für ihn und die Stadt nachtheilige Fol⸗ gen haben könnte. Die Volksmenge verhielt ſich daher ganz ruhig; den Zurückkehrenden wurde ein ſehr vollſtän⸗ diges Abendeſſen und trefflicher Wein verabfolgt, und nach gehaltener Mahlzeit ritten dieſelben mit vier friſchen Pfer⸗ den, die ſehr bereitwillig geſtellt wurden, nach Torgau, nachdem der Volontair Häusler zuvor noch von einem gut⸗ geſinnten Bürger erfahren hatte, daß die bemeldeten Wagen und Pferde Lübben kurz vor Ankunft des Com⸗ mandos auf der nach Frankfurt führenden Straße verlaſſen

verwundeten Franzoſen und Landsleute wahrhaft ſchwärmeriſche Sympathien an den Tag gelegt, doch nicht alle die armen ver⸗ wundeten und gefangenen Deutſchen vergeſſen, und daß eine große Anzahl von Familien, worunter ich beſonders die Angehörigen der Familie Reichmann erwähnen muß. mit unbeſchreiblicher Liebe und Sorgfalt kleine Erholungen und Erfriſchungen in alle Hoſpitäler ſenden, und mit Menſchenfreundlichkeit, namentlich den armen Verwundeten und Kranken der öſterreichiſchen Truppen, Unterſtützungen zu Theil werden laſſen.

Biographiſche Skizzen vom Kriegsſchauplatz. Espinaſſe, ehemaliger Miniſter des Innern, Diviſions⸗ general und Senator.

(Gefallen iu der Schlacht bei Magenta.)

Esprit Charles Marie Espinaſſe wurde geboren am 2. April 1815 in dem kleinen Dorfe Saiſſac(Aude). 1833 kam er in die Militärſchule zu Saint⸗Cyr, die er verließ, um nach Afrika zu gehen, wo er ſeine erſten Grade mit dem Degen exoberte. 1847 ſtand er an der Spitze eines Zuaven⸗Bataillons; 1849 war er als Oberſtlieutenant im 42 Linienregiment vor Rom, in welches er als einer der Erſten eindrang. 1851 wurde er zum Oberſt und 1853 zum Brigadegeneral ernannt, und in eben dieſem Jahre trat er mit dem Titel eines Adjutanten in das Gefolge des Kai⸗ ſers ein. 4

Espinaſſe zeichnete 6 vorzüglich durch große Thätigkeit aus; kaum war daher der Krieg gegen Rußland erklärtals er das Commando einer Brigade der Armee des Orients erbat und

erhielt. Während des Feldzuges in den vexpeſteten Sümpfen der Dobrudſcha wurde er von der Cholera befallen und dadurch län⸗ gere Zeit dem Kampfe entzogen; ſobald es indeß ſeine Geſundheit geſtattete, erſchien er wieder in den Reihen der Armee. Seine Tapferkeit in der Schlacht an der Tſchernaja und bei der Erſtür⸗ mung des Malakoff zählte ſeinen Namen den berühmteſten dieſes Feldzuges bei.

Nach dem blutigen Attentate vom 14. Januar 1858 wurde er an der Stelle Billauds zum Miniſter des Innern ernannt, und obgleich er zur Belohnung deſſen, was er während ſeiner Ver⸗ waltung dieſes Poſtens gethan, zum Senator ernannt wurde, als er im Juni 1859 das Miniſterium an Delangle abtreten mußte, genügte dieſe kurze Wirkſamkeit, um ihm den allgemeinen und wohlverdienten Haß von ganz Frankreich zuzuziehen, und als die Kunde erſcholl, er ſei bei Magenta, wo er als Diviſionscomman⸗ dant in dem Corps des General Mac Mahon gefochten hatte, ge⸗ blieben, zeigte ſich keine Theilnahme für den Heldentod, den er gefunden, ſondern beinahe unverhohlen äußerte ſich der Jubel darüber, und man erblickte in ſeinem blutigen Ende eine gerechte Vergeltung des Jammers, den er mit barbariſcher Härte über zahlreiche Familien gebracht hatte, indem er rückſichts⸗ und ſchö⸗ nungslos das eben ſo grauſame als ungerechte Verdächtigkeitsge⸗ ſetz anwenden ließ.

Hart, wie ſein Charakter ſich gezeigt hat, waren auch die Züge ſeines Geſichtes. Hervorſtehende Backenknochen, eine hohe, halbkahle Stirn, eine ſtolz zurückgeworfene Haltung des Kopfes, ein tiefliegendes Auge verliehen ihm einen markirten, aber keines⸗ wegs angenehmen Ausdruck. a.