Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
456
Einzelbild herunterladen

Gerade das war die raffinirteſte Grauſamkeit unter der Maske einer kleinen verdienten Strafe.

IV. Der Fieberkranke.

Albin war im Duell ſchwer verwundet in ſeine Woh⸗ nung gebracht worden. Sein Freund Armin, der auch ſein Secundant geweſen, blieb als treuer Pfleger bei ihm, obſchon ſeine Wirthsleute, die immer alle Hochachtung vor ſeinem ganzen Weſen und ſeiner auch für ſie immer offe⸗ nen Börſe hatten, bemüht waren, alles Mögliche für den lieben jungen Herrn zu thun.

Seine Wunde an der Schulter hatte der Arzt, der ſie

ihrem Geleit ein heftiges Fieber zu entwickeln, das einen nervöſen Charakter anzunehmen drohte. Schon in den erſten Tagen raubte es ihm das Bewußtſein, er kannte ſeine Umgebung nicht mehr und ſprach in wirren Phanta⸗ ſien. In dieſen gedachte er auch oft ſeiner mütterlichen Erzieherinnen und ſprach ſeine Sehnſucht nach ihnen aus. Nur ein Fräulein von Burg lebte noch, die ältere war etwa vor Jahresfriſt geſtorben, um ſo größer war nun die An⸗ hänglichkeit der Ueberlebenden an den gemeinſchaftlichen Zögling, der nun ihr Ein und Alles war, und auch dieſer ſelbſt dachte oft, wenn er einmal länger als gewöhnlich keine Nachricht von ihr erhalten, da ſie eine pünktliche Briefſchreiberin war, ſie könne ihm wohl auch plötzlich ge⸗ raubt werden und er damit jedes Band verlieren, das ihn mit irgend einem Weſen familiär verknüpfte. Er ſprach auch jetzt im Fieber mit Angſt und Bangen davon, und Armin fühlte ſich verpflichtet, dem guten Fräulein zu ſchreiben, wie es um ihren Schützling ſtehe. Aber daneben nannte er oft auch den Namen Aurelie. Armin wußte wohl, wer damit gemeint ſei, aber in dieſem Falle wußte er nicht, was er thun ſollte. Faſt täglich ſandte eine Ma⸗

verband, für nicht gefährlich erklärt, aber es ſchien ſich in

Novellen⸗Zeitung.[V. Jahrg.

V dame Müller, nach ſeinem Befinden ſich zu erkundigen, ihm

allerlei Erquickungen und überhäufte den Kranken mit zarten Aufmerkſamkeiten, und da weder Armin noch Albin eine ſolche kannten, der Bote aber hartnäckig ſchwieg, ſo dachte Armin, daß dies vielleicht von den geheimnih⸗ vollen Damen käme, um deren willen Albin dieſes Schmerzenslager geworden. Von ihnen ſah und hörte man ſonſt Nichts. Wer ſah und hörte auch je, was im verſchleſſenen Frauenherzen vorgeht und ſich dann am tiefſten verbirgt, wenn es am höchſten oder bängſten ſchlägt? Was ging die Damen der fremde Student auch an? Hatte er um ihretwillen geſtritten, war das nicht allein ſeine Sache? Ihnen konnte es ja gleich ſein, wie ſeine Kameraden über ſie urtheilten, und wenn er ſie nun als Fechter vertheidigt: was war das anders als eine ſtuden⸗ tiſche Renommiſterei wie jede andere? Erfahren freilich hatten ſie es, dafür hatten die Hauptſchreier unter den Studenten geſorgt, welche den Bewohnerinnen des Som⸗ merhauſes neben der Burg die nächtliche Katzenmuſik brachten. Albin's Name war zu ihnen hinauf gerufen worden und unter Drohungen geſagt, daß ſie ſchuld wären an ſeinem Unglück und daß ſie überhaupt beſſer thäten, ſich wo anders ein Aſyl zu ſuchen. Weder dieſe anklagenden und herausfordernden Worte, noch ein frevelhafter Stein⸗

wurf vermochten die geheimnißvollen Damen, ein Lebens⸗ zeichen von ſich zu geben; ſie blieben unſichtbar und ſtumm, wenn nicht die einzige Antwort das Verlöſchen ihrer Lich⸗ ter war. Auch der alte Diener, den ſie ſich mitgebracht, als ſie die eigne Wohnung bezogen, ſchien nur die Thür innen noch feſter zu verrammeln, und weiter geſchah Nichts, ſo daß die Studenten, ſich ſchämend, wehrloſe Frauen, wer ſie ſonſt auch ſein mochten, zu beängſtigen, wieder fortzogen und zum Theil ernüchtert und kleinlaut in die Stadt zurück⸗ kehrten.

Albin's Fieber ſteigerte ſich indeſſen und nahm einen

immer bedenklicheren Charakter an, ſo daß Armin den Tag

Mercato hatte mit ſeinem Freunde Fiano ſich in Specula⸗ tionen vertieft über den Zuſtand der Seele nach dem Tode, und die Möglichkeit ihrer Rückkehr auf die Erde. Dieſer Möglichkeit nachhängen hieß ſie zu einer Wahrheit geſtalten. Fälle der Art haben ſich ſo häufig zugetragen, daß ſie uns nicht mehr Wunder nehmen, und auch in dieſem Falle verdient ein ſolcher Vorfall nur darum unſere beſondere Aufmerkſamkeit, weil mit dieſer Allegorie vom weißen Roſſe die Etrurier nicht allein unter den Anhängern der Neu⸗Platoniſchen Schule neu erſtanden, ſondern auch in der Viſion eines Apoſtels zur irdiſchen Ewigkeit unter uns fortleben ſollten. Amely Bölte.

Zwei geſehrte Zänker.

Wenn in unſerer Zeit die Vorkämpfer in wiſſenſchaftlichen Streitigkeiten ſich von ihrem Eifer oft ſo hinreißen laſſen, daß ſie den Ernſt der Sache vergeſſen und in der Hitze des Kampfes un⸗ würdige Ausdrücke, ja perſonliche Beleidigungen fallen laſſen: ſo iſt doch Alles nur eine Kleinigkeit gegen den Wortſchwall, mit dem manche Gelehrte des ſechzehnten und ſiebzehnten Jahrhunderts gegen einander loszogen, und gegen die Bitterkeiten und die aus allen Gebieten des Denkens zuſammengeſuchte Fluth von Schmähungen, die ſie ſich gegenſeikig ins Angeſicht ſchleuderten. Joſepb Scaliger(1Escale), der zur Zeit Heinrich's III. und IV. in Frankreich lebte, that ſich neben eifriger Forſchbegierde, durch die er namentlich die Zeitrechnung in der Geſchichte in geordneten Zuſammenhang brachte, durch übermäßigen S

4 Stolz und unerträg⸗ liche Streitſucht hervor. Verblendet von der Thorheit einiger

Bewunderer, die ihn den Abgrund der Gelehrſamkeit, den Ocean der Wiſſenſchaften, ein Meiſterſtück, ein Wunderwerk, das Größte, was die Natur hervorgebracht, nannten, bildete er ſich ein, daß die Natur ſich wirklich ihm zu Gefallen erſchöpft habe. Er rühmte ſich dreizehn Sprachen zu ſprechen, die bebräiſche, griechiſche, lateiniſche, franzöſiſche, ſpaniſche, italieniſche, deutſche, engliſche, arabiſche, ſyriſche, chaldäiſche, perſiſche und äthiopiſche, hatte aber in der That von den meiſten derſelben nur eine unvollkom⸗ mene Kenntniß, die ihm meiſt dazu diente, grobe und beleidigende

Schimpfwörter darin auszuſuchen. Todte und Lebende unterwarf

er ſeiner Kritik, und Ausdrücke wie: Narr, Dummſtolzer, unver⸗

nünftiges Thier, Hartnäckiger, Plagiarius, elender Tropf, häß⸗ licher Pedant, Hornvieh, Unbeſonnener, Poſſenreißer, Einfältiger, Thörichter, Betrüger, Dieb, Galgenſchwengel, waren ihm, wenn er von Gelehrten ſeiner Zeit oder der Vergangenheit ſprach, ge⸗ läufig. Er nannte alle Lutheraner Barbaren und alle Jeſuiten Eſel, den Origenes einen Träumer, den Juſtinus einen Pinſel, den Hieronymus einen Ignoranten, den heiligen Baſilius einen Hochmüthigen, den Thomas von Aquino einen Pedanten u. ſ. w. Nach ihm hätte, ſo erklärten Spötter als die Summe ſeiner Aus⸗

V drücke, der Teufel der Urheber der Gelehrſamkeit ſein müſſen.

Ein ſolcher Streitkopf verdiente einen Gegner zu finden, der

noch hitziger war, als er, und die gemeinſchaftliche Sache der Ge⸗ lehrten an ihm rächte. Der Fechter, den man lange erwartet batte, trat endlich auf. Der gelehrte Casvar Scioppius, den man den Hund der Literatur nannte, wollte ebenfalls der Attila der Schriftſteller ſein. Eine ungemeſſene Einbildung von ſich ſelbſt, ein außerordentliches Gedächtniß und eine genaue Bekannt⸗ ſchaft mit den Schimpfwörtern aller Sprachen machten ihn zu