Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
454
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Hofrath, als zu den andern Profeſſoren, und endlich er⸗ ſchien er auch zuweilen am Gartenpförtchen oder ſchlüpfte durch daſſelbe hinein, wenn er hoffen konnte, Aurelie allein

zu finden, oder er folgte ihr auf ihren Spaziergängen, die V ſie an der Seite ihrer Mutter unternahm, um dann we⸗ nigſtens an demſelben Ziele mit ihr anzulangen, ſie zufäl⸗ lig dort zu treffen und einige Worte mit ihr zu wechſeln. Wohl waren in einſamen Augenblicken, denn länger hatten ſie ſich noch nie allein geſehen, zarte und zärtliche Worte zwiſchen Beiden gefallen, aber nie eine ernſtere Erklärung, noch nie auch hatte er ſich ihr anders genähert, als mit einem leiſen Druck der Hand oder ſeinem größten Wagniß, einem ſanften Kuß darauf. Sie war es geweſen, die zu⸗ fällig an jenem Sonnabend, da Albin im Stern bei Rös⸗ chen nach den Fremden forſchte, vorübergegangen war und ihm leiſe gewinkt hatte ihr zu folgen, als ſie mit ihrer Mutter in die nächſte Mühle ging, in deren Milchgarten ſich oft Geſellſchaft zuſammenfand. Aber nicht wie ſonſt hatte er dieſen Wink benutzt, er kam nicht und Aurelie kam ſich vor ihm erniedrigt vor, daß ſie ihm dieſe günſtige Gelegenheit gezeigt, ohne daß er ſie wahrgenommen hatte, ja noch mehr dadurch, daß er vielleicht nur fort blieb, um mit dem hübſchen Schenkmädchen ſich zu unterhalten. Wie ent⸗ würdigend erſchien ihr das für ihn und für ſich ſelbſt! Wenn er ſie um einer Beſſeren, Edleren willen vernach⸗ läſſigte, das, ſagte ſie ſich, ſei wohl ein Schmerz, aber keine Kränkung, aber ein gewöhnliches Schenkmädchen! Als nun vollends Albin erſt nach einigen Tagen in ihr Haus kam, ließ ſie ſich gar nicht ſehen, und als er ſie dann zu⸗ fällig am dritten Orte traf, war ſie kalt und zurückhaltend gegen ihn und ſuchte ihn durch den Schein der Gleich⸗ gültigkeit zu beſtrafen. Er ſelbſt war zerſtreut, jetzt inter⸗ eſſirten ihn die geheimnißvollen, bekannten Unbekannten mehr, als irgend ein Weſen auf der Welt, und Aureliens Betragen machte ihn erſt zu dem, was ſie bei ihm voraus⸗ ſetzte: er dachte auch ohne dies empfindliche Kind leben zu

[V. Jahrg. können, und wollte es wenigſtens verſuchen. Von ihr be⸗ leidigt, zog auch er ſich beleidigend zurück. So hatte ſie wohl genug Veranlaſſung den Gerüchten zu glauben, die ihn als Verfolger oder Verehrer der geheimnißvollen Damen bezeichneten, und wenn er jetzt für deren Ehre ſein Leben in die Schanze geſchlagen, ſo war dies freilich für ſie ſelbſt eine niederſchmetternde Nachricht aber immer lag darin ein Troſt für ſie, daß ſie nicht einem gewöhn⸗ lichen Weſen ihres oder eines niederen Kreiſes hatte weichen müſſen, ſondern einer fremden unerwarteten Er⸗ ſcheinung.

Aber indem ſie in ein Labyrinth von Empfindungen ſich vertiefte, in dem ſie ſelbſt am wenigſten ſich zurecht zu finden wußte, erklang es plötzlich von fernher wie Sporen und Schwerterklirren, bald wie verworrene Stimmen, bald wie ein Signal oder Drohruf, jetzt erſchien ein Trupp Studenten auf der Promenade, die an dem Garten vorbeiführte, und der RufBurſche'raus! klang mahnend und drohend aus den erhitzten Kehlen.

Um Gottes Willen, was gibt es? rief Natalie.

Laß' uns in das Haus flüchten! mahnte Aurelie, das hat nichts Gutes zu bedeuten.

Der Armin genannte Student, der, unter dem vorbei⸗ ziehenden Trupp ſich befindend, dieſe Worte gehört hatte, rief in den Garten:O, laſſen Sie ſich nicht ſtören, werthe Demoiſelles, wir laſſen die Töchter nicht entgelten, was die Väter verbrochen: doch ſollen Sie mit zwei Worten Alles erfahren, wonach Sie ängſtlich fragen: weil heute Morgen ein Paar von uns losgegangen und Einer dabei etwas mehr als gewöhnlich verwundet worden, hat der Rector ein altes Mandat hervorgeſucht, das jedes Duell verbietet, und verlangt nichts Geringeres als Ab⸗ lieferung aller Waffen, als da ſind Rappiere, Stoßdegen, Staatsdegen u. ſ. w. an den Pedell. Wir aber leiden nicht, daß man uns wie kleine Kinder behandeln will, und werden unſer Recht zu wahren wiſſen. Das können Sie

allerliebſten Bologneſer mit ins Theater brachte, den ſie nach der leicht erkennbaren Manier einer hohen Dame coiffirt und mit ſchwarzgelben Bändern ausgeputzt haben ſoll: ſo brach doch darin zugleich eine tollkühne Verwegenheit hervor, die ihren gefährlichen Hintergrund zu haben ſchien, denn es war bekannt, daß die Gräfin allen Verzweigungen des rothen Italiens, namentlich in der Lom⸗ bardei, nahe ſtand, und ihr gewagtes Auftreten in Venedig war auffallend genug geweſen, um es ſchon als Symptom eines baldigen Ausbruchs der Revolution gelten zu laſſen. Die weite Perſpectioe ihrer Verbindungen konnte aber erſt eingeſehen werden, als die Gräfin Giuſtiniani in der Villa am Lago Maggiore ihre Zuflucht genommen hatte und von dort ſehr häufig nach Turin fuhr, wo ſie am Hofe Victor Emanuels eine ſehr vertraute Aufnahme gefunden, und auch mit dem ſardiniſchen Miniſterpräſidenten, dem Grafen Camillo Cavour, einen genauen Verkehr zu unter⸗ halten ſchien....

Ein Wagen ſtand draußen vor der Thür, und es hieß, daß die Gräfin Giuſtiniani, deren Ankunft im Hötel ſchnell ruchbar geworden ſchien, im Begriff ſtehe herunterzukommen und einzu⸗ ſteigen. Auch ein Theil der Tiſchgeſellſchaft trat jetzt eiligſt aus dem Saal heraus, um die berühmte Gräfin in Turin zu begrüßen.

Jetzt vernahm man ſchwere und rauſchende Gewänder und flüchtig ſchwebende Schritte die Treppe herunter. Es war die Gräfin Giuſtiniani, und wir erkannten, wie wir es ſchon geahnt hatten, daß dieſe glänzende Geſtalt, der man zu beiden Seiten mit großer Auszeichnung Platz machte, und die hier als eine Heroine der italieniſchen Bewegung geehrt wurde, niemand anders als unſere Reiſegefährtin vom Lago Maggiore war. Sie hatte jetzt eine reiche und ſtrahlende Toilette gemacht, durch welche ihre

Schönheit und Jugend noch prächtiger und imponirender heraus⸗

getreren war. Mehrere junge Herren mit langen ſchwarzen Bärten geriethen bei ihrem Andlick in den Ausbruch eines enthuſiaſtiſchen Entzückens und ſtimmten, als die Gräfin Giuſtiniani lächelnd und grüßend an ihnen vorüberſchritt, ein donnerndes: Evviva la contessa! Evviva Italia! an. Mit einem feurigen Dankesblick wandte ſie ſich noch einmal um und ſtieg dann in den Wagen, während der Bediente, der den Schlag hinter ihr zumachte, dem Kutſcher ein Haus auf der Contrada dei Conciatori bezeichnete, wohin die Fahrt gehen ſollte. Jetzt wußte jedermann, daß die Grafin zum Miniſterpräſidenten fuhr, denn dort hatte der Graf Cavour ſein Hôtel. Man begann zu applaudiren, und den vorigen Vivats fügten ſich nun viele andere für den populären Staats⸗ mann hinzu, indem die Enthuſiaſten dazu iohre Cavour⸗Cigarren dampfen ließen....

Geſchichten aus alter Zeit. Der Tod auf weißem Roſſe.

Wenn wir einen Blick auf die Geſchichte jener Völker werfen, die faſt ſpurlos von der Erde verſchwunden ſind: ſo entdecken wir, daß nicht ihre Sitten und Gebräuche, wohl aber ihr religiöſen Aberglaube ſich auf die Nationen übertrug, welche nach ihnen den Boden bebaueten, den ſie bei ihrem Untergange der Zerſtörungs⸗ wuth barbariſcher Eroberer preisgeben mußten. Dies war auch bei den Nachfolgern der alten Errurier der Fall. Sie, die uns ſo wenige ihrer Thaten überlieferten und uns faſt nichts mehr als ihre Gräber zu hiſtoriſchen Annalen vermachten, ſollten in ihrer