Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
452
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IlI. Ein Duell und ſeine Folgen.

Einige Wochen ſpäter beſchäftigte ſich die ganze Ein⸗ wohnerſchaft der kleinen Univerſitätsſtadt noch gerade eben ſo angelegentlich mit den beiden fremden, geheimnißvollen Damen, als es im Anfang die Studenten gethan hatten. Kein anderes Ereigniß oder Intereſſe hatte dies eine verdrängt. Hier waren die einmal aufgeregten Gemüther in Spannung erhalten worden, zuerſt dadurch, daß die namenloſen Damen etwa eine Woche nach ihrer Ankunft das Höôtel zum Stern und die Stadt wieder verlaſſen hatten, und dann durch ihre Wiederkehr, als der Bau ihres abenteuer⸗ lichen Hauſes ſo weit vorgeſchritten war, daß ſie bereits einen Theil davon bewohnen konnten. gab es viele Vermuthungen und Schlüſſe zu machen, ſogar Wetten einzugehen, bei denen es theilweiſe zu gar keiner Entſcheidung kommen konnte. Es hatte ſich auch ſchon ein dunkles Gerücht verbreitet, daß die Damen aus dem Stern geflohen wären, um einem zudringlichen Studenten zu ent⸗ gehen, der ſie auf jede Weiſe beläſtigt habe. Einige nannten Albin von Burg als einen indisereten, vorlauten Abenteurer, dem es einmal zu gönnen ſei, wenn er eine tüchtige Lehre empfange.

Von dieſem Urtheil und Wunſch war Niemand mehr verletzt, als Diejenige, die es Andern nachſprach und in manchen Augenblicken noch zu verſchärfen ſuchte: Aurelie von Gerenſtein, die Tochter eines Profeſſors, der vom Fürſten ein Adelsdiplom und den Hofrathstitel erhalten hatte, um damit eine Gehaltszulage und ein koſtbares Ehrengeſchenk zu erſparen.

Sie wandelte allein im Garten der väterlichen Amts⸗ wohnung auf und nieder, in der einen Hand denHeſpe⸗ rus Jean Pauls, in der andern ein rothſeidnes Band, das an dem Halſe eines weißen Schäfchens befeſtigt war, Aureliens ſtete Begleitung. Wie glücklich fühlte ſie ſich,

Noveſlen⸗Zeitung.

In beiden Fällen

[V. Jahrg. ſeit ſie es beſaß! Doch ein lebendes Weſen, bei dem ſie Verſtändniß fand für ihre ſehnſuchts⸗ und ahnungsvolle Seele, die ſie den Menſchen ihrer nächſten Umgebung nie⸗ mals ganz zu enthüllen wagte, da ſie immer nur Pro⸗ fanation dafür fürchten mußte; aber das liebe Lämmchen, das ihr auf Schritt und Tritt folgte, auch wenn ſie es nicht führte, das zeigte ihr die Liebe, nach der ſie ſich ſehnte, das ließ ſein unſchuldigesmäh, mäh! eben ſo harmoniſch zu ihrem Lachen, wie zu ihrem Weinen ertönen.

Aber jetzt ließ das Lämmchen auch ſeine Stimme er⸗ tönen; Aurelie ſah aus dem Buche auf, in das ſie ſich ganz vertieft hatte, obwohl die Buchſtaben vor ihren vor Rüh⸗ V rung naſſen Augen ſchon lange in einander ſchwammen.

Es war ihre Freundin Natalie, eine Nichte des Bür⸗ germeiſters, die Ballkönigin der Stadt, der ſchon piele Studenten gehuldigt, die durch Koketterie Viele bezaubert und an ſich geriſſen, ohne mehr dabei zu empfinden, als den Triumph der Eitelkeit, die ſich jedes neuen Anbeters freute und weniger auf ihren Werth, als auf ihre Zahl Gewicht legte.

Aurelie eilte in ihre Arme.Wie lange Zeit iſt ver⸗ gangen, ſeit wir uns nicht geſehen! rief ſie.

Ach, Aurelie, antwortete Natalie,ich hätte noch länger von Dir entfernt bleiben ſollen, um länger ſchweigen zu dürfen.

Wie erſchreckſt Du mich! was kannſt Du meinen? fragte Aurelie bange und ſtrich das blonde Haar aus dem ſchon bei dieſer Vorbemerkung erbleichenden Geſicht.

Albano iſt dieſen Morgen mit dem Recken los⸗ gegangen.

Um Gottes Willen er iſt todt! ſchrie Aurelie und fiel mit einem nervöſen Zufall in die geöffneten Arme der Freundin.

Das nicht, er lebt und ſeine Verwundung wird nicht bedeutend ſein; nicht der Ausgang, die Urſache dieſes Duells iſt es, die ich Dir gern verborgen hätte, ſo be⸗

V

Feuilleton.

Aen

Die gräfin giuſtiniani.

Theodor Mundt erzählt in ſeinen von uns ſchon früher erwähnten italieniſchen Skizzen auch eine Begegnung mit der ſchönen Gräfin Giuſtiniani, die manchen unſerer Leſer intereſſiren wird und die wir daher im Auszuge folgen laſſen: Die Dame war bis jetzt mit einem jungen italieniſchen Prieſter gereiſt, in deſſen Geſellſchaft wir ſie auf dem Dampfſchiff, welches uns von Magadino über den See hinüber nach Arona fuhr, angetroffen hatten. Es war eine Sonntagsfahrt über den Lago Maggiore geweſen, und wir ſahen auf dem Dampfer ſo viel italieniſche Damen, welche ganz allein und nur in Begleitung eines Prieſters den herrlichen See in der Runde umfuhren, oder nach einem be⸗ ſtimmten Ziel eine Luſtreiſe mit ihrem Seelſorger unternommen zu haben ſchienen, daß wir uns an dieſen Anblick bald vollkommen gewöhnt hatten. Nichtsdeſtoweniger ſpöttelte ein alter Italiener in einem Carbonarimantel unaufhörlich darüber, und ſeine beißen⸗ den Sarkasmen, mit denen er uns ziemlich laut unterhalten zu

müſſen glaubte, wurden uns um ſo unbequemer, als wir mit jener

Dame zuweilen einige Bemerkungen ausgetauſcht hatten, die uns ihren glänzenden Geiſt zu bewundern gaben. Sie war eine

ſchöne, hochgewachſene, in üppigen Körperformen ſich darſtellende Frau, in deren Augen große Leidenſchaften, vielleicht aber auch Geheimniſſe, die wie politiſche ausſehen konnten, blitzten, und es überraſchte uns faſt freudig, als wir ſie, freilich wieder mit ihrem geiſtlichen Begleiter, in denſelben Wagen eintreten ſahen, den wir in Arona zur Fahrt nach Turin beſtiegen hatten. Unterwegs machten wir die Bemerkung, daß die Reaction gegen die Ueber⸗ griffe des Klerus, auf welche Piemont ſonſt ſo ſtolz zu ſein pflegte, noch nicht ſo weit vorgeſchritten, jedenfalls bei der Regierung mehr als in der Geſellſchaft und bei den Damen, welche letztern mit dieſen Uebergriffen keineswegs ſo unzufrieden zu ſein ſchienen, eine Stütze gefunden haben mochte.

Aber bei der Ankunft in Turin perabſchiedete ſich der junge Seelſorger ſogleich von ſeiner Dame, die ihn mit freundlichem Zunicken und einer ungemein huldvollen Bewegung ihrer Hand entließ. Er entfernte ſich zu Fuß, indem er ſeinen kleinen Nacht⸗ ſack, der ſein einziges Gepäck bildete, unter den einen Arm nahm, und ſeinen Regenſchirm als Spazierſtock gebrauchte. Die Dame, die ſonſt nicht erwartet und empfangen zu werden ſchien, beſtieg

mit uns den an der Eiſenbähn bereit ſtehenden Wagen des Hotel Feder, und nach einer raſchen Fahrt über die breiſen, ſaubern,