Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
444
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7444 Novellen manche ſolche Anekdote nach, es geht ihnen wie den Schwaben, und es gibt deren wohl auch, welche Lucretius für den Mann der berühmten Lucretia hielten, die Königin Sireène nannten, weil der König Sire heißt, welche, wenn ſie auf der Bühne Ariadne rufen hörten: Mein Theſeus! mein Theezeug verſtanden und nicht begriffen, warum man es einer Prinzeſſin nicht ſogleich bringe, welche Da Capo für den größten Componiſten hielten, Criminalrichter mit Juge des crimes de Sa Majesté und Schlagbaum mit Arbre d'Apoplexie überſetzten.

Streben wir nach dem Höchſten, ſo fühlen wir am deut⸗ lichſten, daß wir irren, ſo lange wir ſtreben, daß Wiſſen nur Unwiſſenheit vertauſcht mit einer andern Art Unwiſ⸗ ſenheit, und dies Bewußtſein vernichtet uns leichter, als es uns zur Eitelkeit auf unſre Errungenſchaften verleitet. Plus les hommes savent, plus ils se trompent trotz tauſendjähriger Gelehrſamkeit haben wir noch nicht gefun⸗ den, welches eigentlich das zuträglichſte Geſchick für uns wäre.

Unzähliger Irrthum haftet an der Menſchen Gemüth. Sie müſſen ihn theuer bezahlen, um ihn los zu werden, und dann haben ſie noch von Glück zu ſagen.

Irren iſt menſchlich. Die Leute glauben daher, ſie ſind ſchon menſchlich, wenn ſie ſich irren. Doch machen die Irrthümer des Menſchen ihn eigentlich liebenswürdig. Er fehlt und darum hat er Freunde. Allen Reſpect vor Muſtermenſchen. Man bewundert ſie, doch dieſe Be⸗ wunderung iſt, wenn noch ſo blendend ſchön, eine kalte Blume, es fehlt ihr der Duft der Liebe. Es gibt Seelen von rein idealer Richtung. Sie kommen mir vor wie die Palmen, die Jahrhunderte lang bis zu ſchwindelnder Höhe hinanwachſen und die Phantaſie des Menſchen nicht durch die Fülle eines domartigen Laubgewölbes, ſondern durch die edle Einfachheit und ernſte Majeſtät ihres Baues

⸗Zeitun

beherrſchen. Wo ihre Gipfel kühn über die Nacht der Urwälder in lichte Sonnenhöhe emporragen, begrüßt er in

g.

[V. Jahrg.

ihnen ein Bild jener geiſtigen Freiheit, zu welcher ſein Ge⸗ ſchlecht allmählich heranreift. Sie erregen in uns nicht jene Innigkeit der Gefühle, welche uns die einfachſte Waldblume entlocken kann, doch wird Alles, was gut und edel in uns iſt, ſie verehren.

Die Weisheit mit dem lichten Schwerpunkte der Selbſterkenntniß iſt das höchſte Ideal des Menſchen⸗ ſtrebens. Doch obgleich ſie reicher iſt, als alle Gold⸗ gruben Perus und ſüßer als der ambroſiſche Bienenſtock, was iſt ſie mehr, als ein Mittel zur Glückſeligkeit? Er⸗ langt ſie dieſe nicht, iſt ſie die größte Thorheit, ein melan⸗ choliſcher Thor ohne der Thorheit Schellen, und wer möchte auf ſo einſam froſtiger Höhe ſtehen, daß er dieſe nicht mehr hörte? Wer ohne ſie lebt, iſt nicht ſo weiſe, als er wähnt; Thorheiten ſind oft die lieblichſten Andenken, welche unſer Gedächtniß bewahrt, ſie leuchten wie Sterne über dem weiten dunklen Horizont des Lebens, über Stürmen und Thränenwolken.

Das ärmſte Daſein hat einen ſolchen goldnen Freund am Himmel ſeiner Erinnerung. Er wird ſich noch über das brechende Auge des Sterbenden neigen und ihn in die Ewigkeit hinüber lächeln mit dem Zauber der Vergangenheit.

Die Weisheit wird verehrt, ein hoher Verſtand ge⸗ prieſen, ein großes Talent bewundert doch geliebt nur ein gutes Herz. Die Bildung des Herzens iſt die ein⸗ fachſte, edelſte und dankbarſte, ihre ſchönſte Blüthe die Humanität, welche nicht phlegmatiſche Gleichgültigkeit oder verächtliche Duldung gegen das Geſchlecht der Menſchen, ſondern thatbereite Liebe für jeden Einzelnen empfindet. Es iſt ſchwer, unabläſſig mit den Erbärmlichkeiten der menſchlichen Natur zu kämpfen. Oft reißt der Faden der Geduld zwiſchen den zitternden Fingern. Doch der Muth der Ausdauer, der Selbſtüberwindung belohnt ſich, wenn wir gelernt haben, wohlwollend zu ſein, wo Andere miſan⸗ thropiſch werden. Das erſte Geſetz der Lebensklugheit lehrt die Eitelkeit Anderer, das erſte Geſetz der Menſchen⸗

Schauſpielerinnen beherrſchen. Die gemüthvolle harmloſe Frau, das herzliche liebevolle Weib, die glänzende Salondame voll Witz, beißendem Verſtande und geiſtreichſter Wendungsfähigkeit, das frivole intriguante Weib, das ausgelaſſene Mädchen von unge⸗ zügeltem Temperament, die königliche Dulderin, die zerknirſchte, in allen Lebenstiefen erſchütterte und aufgelöſte Frau, alles dies liegt in dem Bereich unſerer Künſtlerin, für alle dieſe Seelen⸗ zuſtände hat ſie alle geiſtigen und phyſiſchen Mittel in ſich, für dieſe ganze Scala hat und wählt ſie mit eben ſo viel feinem Ver⸗ ſtande als elaſtiſcher Phantaſie die Farben. Man wird zugeben, daß dies kein geringer Ruhm und man damit eine der größten Schauſpielerinnen ſeiner Zeit iſt. Der Kreis, den Frau v. B. in ihren Darſtellungen umſpannt, iſt, nach den uns dargebotenen Rollen, ein ſo umfaſſender, daß wir der Künſtlerin, wie aus unſerer Charakteriſtik erhellt, die größte Viel ſeitigkeit unter allen ihren deutſchen Genoſſinnen zugeſtehen müſſen. So viel genüge hier aus Rötſcher's Charakteriſtik der Frau von Bärndorf zur mehreren Begründung des über die bisherige Wirkung ihres Leipziger Gaſtrollen⸗ Cyklus von uns Angedeuteten; es ſteht zu⸗ erwarten, daß der allgemeine ſo auszeichnende Beifall, welcher der ſeltenen K ünſtlerin bis jetzt zu Theil ward, auch in ihren ferneren uns noch in Ausſicht geſtellten Rollen nicht nachlaſſen, vielmehr ſich noch ſteigern werde.

Miscellen.

garibaldi's Truppen. In einem Privatſchreiben vom Lago Maggiore, das der WienerWanderer bringt, wird die Freiſchaar Garibaldi's in

des kühnen Guerrillaführers. ger ihm mit ſofortigem Erſchießen beſtraft.

folgender Weiſe geſchildert: Ein deutſcher Schweizer, der von Como hierher gekommen, berichtet über Garibaldi und ſeine Leute allerlei Merkwürdiges. Bewunderungswürdig ſei die Mannszucht Der geringſte Diebſtahl wird von So unerbittlich dieſe Strenge ſei, ſo ſei der General nicht minder gerecht in ſeinem Urtheil. Seine Leute, ſo verſchiedenartig ſie ſonſt ſind, zeigen eine faſt fabelhafte Anhänglichkeit an ihren Führer. Der Schweizer hatte das Spital in Como und die dortigen verwundeten Gari⸗ baldianer beſucht. Er war von ihrer Begeiſterung für die italie⸗ niſche Freiheit überraſcht. Er hatte ſich überzeugt, daß, wenn Garibaldi's Trompete zum Kampfe rufen würde, die Verwundeten und Kranken, welche nicht gehen könnten, ihrem Führer nach⸗ kriechen würden. Das Corps machte nichts weniger als den Eindruck einer Räuberbande auf unſeren Landsmann. Er ſah eine Menge junger, ſchöner, gebildeter Männer aus den beſten italieniſchen Familien unter ihm, eben ſo einen buntcoſtumirten Griechen mit langem ſchwarzem Haar. Die ſchmucken Guiden haben ſich ſelbſt ausgerüſtet und prächtige Pferde angeſchafft. Viel Lärm liebt dieſer Garibaldi nicht. Jede Compagnie hat nur einen Trompeter, der nur die Signale zu blaſen hat. Flink und raſch werden alle Commandos vollzogen, die Bewegungen ſind ſehr ſchnell. Nichts von Paradeziererei und Gamaſchendienſt. Alle wiſſen, was zu thun iſt, und folgen mit exemplariſcher Ruhe und Pünktlichkeit. Als unſer Freund in Como war, ſollten eben einige gefallene Soldaten beerdigt werden. Eine Maſſe gaffendes Volk hatte ſich vor dem Thore aufgeſtellt, der erwarteten groß⸗ artigen Feierlichkeit zuzuſehen. Garibaldi und einige wenige Soldaten begleiteten die verblichenen Waffengefährten zum ſtillen