Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
443
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Nr. 28.]

auftritt, deſto unbarmherziger trifft ihn auch Spott und

Verachtung, ſtolpert oder fällt er von dem erhabenen Standpunkt, den er Andern gegenüber einnimmt, zu ihres Gleichen herab.

Das Gold flimmert am meiſten, wo die Tugend nicht mehr ſtrahlt, wie abweſende Sonnen auch blaſſen Sternen zu ſtrahlen erlauben; doch dieſe Bläſſe muß ſehr inter⸗ eſſant und anziehend ſein, da wir um ihretwillen den Altar der Sonne faſt immer verödet und vergeſſen ſehen.

Wie die Eitelkeit äußere Vorzüge ausbeutet, bemäch⸗ tigt ſie ſich auch der unſerer Seele und treibt gerade auf

dert, verlangt ſie auch bewundert zu werden.

dem Gebiete, welches nur Lilien und Veilchen, die Blu⸗

men der Reinheit und Demuth, ſchmücken ſollten, einige ihrer üppigſten Paraſitengebilde.

Die Eitelkeit auf Bildung iſt eine alltägliche Bur⸗ leske unſerer Zeit, lächerlich und abgeſchmackt zugleich.

Gott ſchuf den Menſchen ihm zum Bilde, ſteht in der Bibel. Der Thatſache nach könnte es eben ſo gut heißen: die Menſchen ſchufen Gott nach ihrem Bilde, doch der Idee nach ſehnen wir uns alle nach unſerer urſprünglichen Gottähnlichkeit zurück, und das Streben, ſie durch zweck⸗ mäßigen Unterricht, gut geleitete Erziehung, geregelte Selbſtthätigkeit und harmoniſche Entwicklung aller unſerer Kräfte zu erreichen, iſt Bildung.

Immer muß ſie Zweck, nicht Mittel ſein. Nur im Streben liegt die Realiſirung des Menſchenbegriffs. Je höher wir ſtreben, deſto klarer faſſen wir das Leben in ſei⸗ ner edelſten Bedeutung. Wo dieſes Streben in hohle Phantaſterei ausartet, fällt der geträumte Zweck der Menſchheit in das Phantom vernunftloſer Spielerei zu⸗ ſammen; wo es ſich in kleinliche Aeußerlichkeiten verliert, finden wir die Arroganz des Selbſtgenügens und der Ueberhebung. Ohne den Inſtinet der Wahrheit und des Geſchmackes ſteht dieſe geiſtige Demi-monde in dem Mu⸗ ſeum der Welt und bricht in Entzücken über die elendeſte

Gypsfigur aus, ſteht ſie in einem Marmorſaal mit goldnen Thüren, wirft das Licht prismatiſche Strahlen darüber durch koſtbar gemalte Fenſterſcheiben, und wie ſie bewun⸗ Die Form, die Form und immer wieder ſie, das iſt die Gottheit, zu der ſie beten ihre Religion, ihre Ehre, ihr Glück. O, arme Menſchheit, die du ſo wenig von dem begreifſt, was du als Privilegium deines Daſeins, als ſiegreich eroberte Klarheit des Bewußtſeins auspoſaunſt, wie ärm⸗ lich preſſeſt du das Glück aus dürren Schalen und zer⸗ trittſt verächtlich ſeinen Kern!

Es gibt zahlloſe Lächerlichkeiten der Halbbildung. So viel Erfundenes darunter, ſind mir doch auch einige begegnet, die mehr wie Kalenderſprüche als Wirklichkeit ausſehen. Ich hatte Damenbeſuch aus einer kleinen Re⸗ ſidenz. Wir beſuchten eine Gemäldeausſtellung und ſahen einen auffallend ſchönen Stahlſtich der ſixtiniſchen Ma⸗ donna. Wie immer entzückte mich ihr Anblick aufs Neue. Iſt dieſe Madonna nicht himmliſch ſchön? frug ich meine Begleiterin.Ja, ſagte ſie,reizend, beſonders der kleine Amor, den ſie auf dem Arm trägt.

Einmal ſprach ich nach dem Gewandhausconcert einen Herrn, welcher meiſt in Dresden lebte, viel Muſik hörte und mit großer Verachtung von Leipziger Künſtlern ſprach. Er frug mich, wie ich mich amüſirt habe. Ich hatte die reizende C mol⸗Symphonie von Beethoven gehört und that den Gefühlen, die ſie in mir erregt, keinen Zwang an. Ach, ſagte er achſelzuckend,die müſſen Sie in Dresden ſingen hören die Ney, Tichatſchek was haben Sie dagegen?

Das ſind nun allerdings abnorme Albernheiten, doch würden ihre Verfaſſer ſehr indignirt ſein, wollte man ſie ungebildet nennen, wie die gelehrte Dame, welche frug: Iſt das der Horaz, der den ſchönen Virgil geſchrieben hat? und tanta ejus fuit superbia überſetzte: Seine Tante war eine gewiſſe Superbia. Man erzählt den armen Damen

bisher noch nicht geſpielt hatte, ihre eigentliche Bedeutung doch

dem Gros der Theaterbeſucher im wahren Sinne des Worts noch

eine unbetannte Größe. Frau von Bärndorf, früher am deutſchen Theater in St. Petersburg engagirt, gehört ſeit kaum zwei Jahren

Gurch ihr Engagement in Hannover) der deutſchen Buͤhne an und

verdankt ihr Renommée einer(der jetztlebenden bedeutendſten deutſchen Künſtlerinnen neben Demjenigen, was die ſogen.

Theaterblätter über ihre Leiſtungen auf der hannoverſchen Hof⸗ bühne berichtet, hauptſächlich ihrem vorigjährigen längeren Gaſt⸗ ſpiel in Berlin und was darüber aus den geachtetſten kritiſchen Federn an die Oeffentlichkeit gelangte. Unter dieſen Stimmen ſteht nun mit Recht als die vollgültigſte die Rötſcher's obenan, welcher ſich gedrungen fühlte, Auguſte von Bärudorf ſehr bald als eine Schauſpielerin erſten Ranges der Gegenwart überhaupt zu claſſificiren. Wenn gleich das Publicum Leipzig's dieſelbe nur erſt in wenigen Rollen, nämlich in denen der Donna Diana, Maria Stuart, Marquiſe de Pompadour(in Brachvogels Narciß), Katharina in Shatkeſpearesbezähmter Widerſpenſtigen, und Lady Milford inCabale und Liebe ſah, ſo iſt doch die maßgebende, ſprechende wie ſchreibende Kritik hier bereits zu der Ueberzeugung gelangt, daß Rötſcher in ſeinem Urtheil nicht zu viel des Lobes geſpendet, da er Auguſte von Bärndorf als eine vollgültige Kunſtjüngerin neben die Rachel, Riſtori, Seebach ꝛc. hinſtellte. Wie Dr. Hermann Marggraff in ſeiner Kritik des hieſigen Gaſtſpiels der Frau v. B. in der Deutſchen Allgem. Zeitg. die Richtigkeit des Rötſcherſchen Urtheils bereits acceptirte, ſo können auch wir, nach dem von derſelben uns hier zum Genuſſe Dargebotenen, nur in unbeſchränktem Maße daſſelbe thun. Röt⸗ ſcher ſagt in ſeiner kürzlich erſchienenen dramaturgiſchen Schrift:

Frau von Bärndorf iſt eine wirkliche Künſtlerin und keine Virtuoſin. Darin liegen alle Conſequenzen eingeſchloſſen. Frau v. B. hat uns durch alle ihre Rollen den Beweis gegeben, daß ſie ſtets und überall in den darzuſtellenden Charakter auf⸗ gehen, ſich mit ihm verſchmelzen, alſo ſich, d. h. ihre eigene Individualität, über ihm vergeſſen will. Ein größeres Lob kann man einem Künſtler nicht ſpenden. Es hängt damit zu⸗ ſammen, daß Fr. v. B. vor Allem den Charakter, den ſie zu ſpielen hat, zur Geltung bringen will; ferner daß ſie ein Ganzes, kein Stückwerk zu geben trachtet. Es iſt alſo nicht die glänzende, die blendende Einzelnheit, wodurch Frau von Bärndorf über⸗ raſchen, feſſeln und in Erſtaunen ſetzen, ſondern die Totalität, durch welche ſie befriedigen und harmoniſch wirken will. Wir können mit gutem Gewiſſen ſagen, daß wir während ihres Gaſt⸗ ſpiels niemals einem Zuge begegnet ſind, welcher ſich nur aus dem Raffinement, zu wirken und zu überraſchen, erklärte, bei näherer Unterſuchung als künſtleriſcher Zug im Geſammtbilde zerfiel. Das Geſagte weiſt darauf hin, daß in unſerer Künſtlerin der Sinn für das Harmoniſche überall vorwaltet. In dieſer Beziehung ſteht Frau von Bärndorf unter den deutſchen Schauſpielerinnen der Gegenwart vielleicht am höchſten. Geſtalt, Erſcheinung, Gebehrde, mimiſche Beredſamkeit, Plaſtik, Wohllaut des Tons, Modulation der Stimme, geiſtige Accentuation bilden ein in ſich durchaus übereinſtimmendes Ganze, keine der genannten Seiten drängt ſich auf Koſten der andern hervor; keine will herrſchen, ſondern jede im Verein mit allen andern zur Erzeugung des Geſammtbildes mitwirken. Der Kreis der weiblichen Ge⸗ ſtalten, weiblichens Denkens und Empfindens, den Frau von

Bärndorf umfaßt, iſt ein ſehr reicher, wie ihn nur wenige