Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
442
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Mit den Wölfen muß man heulen, und nichts übertrifft einen Narren nach der Mode mehr, als ein Narr aus der

mir deine Tugenden und nicht deine Kleider, ſo wäre es noch die Frage, ob man einen angenehmeren Anblick hätte, undKleider machen Leute iſt trotz allem vernünftigen Widerſpruch eine alte bewährte Thatſache.

Die Putzſucht findet übrigens auch unter den Männern manch ſympathetiſches Echo. Keine Dame ſchwärmt viel⸗ leicht ſo ſehr für ein Stück koſtbares Band von hundert Ellen, ihren ganzen Anzug damit auszuputzen, als mancher Herr nach einigen Zoll ſchmalem Taftband im Knopfloche. Rang und Reichthum ſpielen eine große Rolle in der Welt. Die am meiſten nach ihrem Beſitz trachten, ſind natürlich auch am eitelſten darauf.

Was iſt ein hoher Rang? Ein ſtolzer Bettler. Er prahlt und bettelt; er bettelt bei dem Volk um ein Almoſen Ehrerbietung, und wie oft verſagt ihm das Volk dieſe milde Gabe! Und doch, wie haſcht der Servilismus nach dem dürftigſten Titelchen, kriecht um ein Adelsdiplom, einen Orden!

Je kleinlicher die Verhältniſſe, deſto gieriger wird der Stolz nach der geringſten Auszeichnung. Das ſieht man recht in Reſidenzen und kleinen Städten. Die Frau Sub⸗ Sub⸗Vice⸗Regiſtratorin hält mit der Energie und Wuth einer angegriffenen Tigermutter auf ihren Vortritt im Caſino, wie die ahnenſtolze Herzogin, deren Vorfahren auf den Mauern Jeruſalems kämpften, ihre Rechte beim Hofceremoniel bis auf den letzten Blutstropfen zu verthei⸗ digen weiß.

Young ſieht zu düſter, wenn er behauptet: Die Welt i*ſt lauter Aufſchrift ohne Inhalt. Doch dächten wir uns mit Lichtenberg die Welt als eine große, ſchöne Apo⸗ theke, und unterſuchten die glänzenden Büchſen, welche, mit pomphaften Titeln verſehen, an ihren Wänden ſtehen, ſo

Mode. Möchte man auch zu vielen Menſchen ſagen: zeige

möchten wir manche leer finden, von denen wir es am we⸗ nigſten vermutheten.

Hochwohlgeboren, Hochedelgeboren und Wohlgeboren ſind ſo wichtige Unterſcheidungsgrade des Daſeins, daß die Vorausſetzung, Einer ſei ganz einfach geboren, und dies keiner beſondern Erwähnung werth, für ein Majeſtäts⸗ verbrechen gelten könnte.

Es gab nur einen Grafen Roſtopſchin. Der Kaiſer fragte ihn:Warum ſind Sie nicht Fürſt?Ew. Majeſtät, daran iſt der Winter Schuld.Wie ſo? Man bot meinem Vater in Petersburg den Fürſten⸗ titel oder einen Zobelpelz. Es war außerordentlich kalt, mein Vater nahm den Pelz.

Die Schneider nennen ſich Bekleidungskünſtler, die Töpfer Thonkünſtler, die Taſchenſpieler Profeſſoren der Magie, warum ſollen die Frauen nicht Theil an dieſer ſtolzen Freude nehmen? Frau Stall⸗, Ritt⸗, Wachtmeiſte⸗ rin, Frau Superintendentin, Frau Wegebeſſerungscommiſ⸗ ſariusaſſiſtentin, Frau kaiſerlich königliche Hofbeindrechs⸗ lerin, klingt doch bei weitem beſſer, alsFrau ſchlechthin. Nur die Frau des Telegraphiſten war für das Einfache; ihre Freundin nannte ſie: Liebſte Frau Telegräphin. Sie antwortete:Ach, Theure, keine Umſtände zwiſchen uns, nennen Sie mich einfach Frau Gräfin.

Die Eitelkeit des Reichthums iſt unangenehm im Um⸗ gange und meiſt bei Parvenus zu Hauſe.

Auch der Reichthum iſt eine Kraft, So gut wie Weisheit und Stärke, Kann werden nicht minder ehrenhaft Verwendet zum Menſchheitswerke.

Wer aber damit prahlt und den Armen, der genug mit Demüthigung und Sorge zu kämpfen hat, ſein Ueber⸗ gewicht fühlen läßt, weiß von einer ſolchen Verwendung nichts. Stolz, das heißt auf den Stelzen der Dummheit, geht er Parade durch die Welt. Doch je hochmüthiger er

helm Wolfſohn ruhet von ſeinen Vorleſungen aus, durch die er

ſeinen öffentlichen Urtheilen immer noch einer Leitung bedarf, und ſchreibt treu ſeine Culturbriefe in der Beilage der Leipziger Zei⸗ tung, die er hoffentlich ſpäter geſammelt veröffentlichen wird; der fein gebildete Robert Waldmüller(Herr Dübeck) baut an ſei⸗ nen Landhäuſern und veröffentlicht daneben Skizzen aus ſeinen Tagebüchern; Nieritz, Hoffmann, Stolle, Otto Ludwig, Heid⸗

die daher auch der hieſigen Preſſe fremd ſind. Herr von Sternberg i*ſt nach Weimar übergeſiedelt. In gewiſſem Sinne iſt daher die Geſellſchaft geiſtig arm geworden; denn die Kreiſe des Adels, wie der Bureaukratie, ohne dieſen Impuls des Talentes, ſinken

innern Armuth führt, deren Reſultat das Ennui, deren Begleiter das Haſchen nach Vergnügungen. Guſtav Kühne, der Reprä⸗ ſentant einer Literatur, welche nie die Anerkennung gefunden, die ſie verdient, iſt faſt der einzige Dichter, welcher ſich der Geſell⸗ ſchaft noch hingibt, für die ſich Robert Giſeke bis jetzt noch nicht gewinnen ließ, ſo wünſchenswerth auch ein junger noch unver⸗ heiratheter Dramatiker von ſeinem Talente manchen Kreiſen ſein würde. Die Politik hält auch ihn jedoch allen Theetiſchen fern, die ſich endlich bald nicht mehr decken dürften, es ſei denn um Charpie zu zupfen, Charpie für die tapfern Männer des deutſchen Vaterlandes, welche für das Recht und für die Freiheit noch ein⸗ mal Gut, Blut und Leben einzuſetzen von einem gewiſſenloſen Uſurpator aufgerufen werden. Die Ehre des deutſchen Namens ſei mit ihnen, und unſere vereinten Wünſche bilden ihren Schild! Amely Bölte.

ſich ein ſo großes Verdienſt um das Publicum erworben, das in

rich miſchen ſich nicht in die Geſellſchaft, und leben wie Fremde,

zurück in das Austauſchen der Phraſe, welche zu der traurigen

Theater. Frau Auguſte von Bärndorf in Leipzig.

Wenn gleich das große Welttheater, auf welchem das furcht⸗ bare Drama des Krieges jetzt ſich abſpielt, vorzugsweiſe die Blicke auf ſich gefeſſelt hält, ſo ſind doch auch bei uns in Leipzig diejenigen Räume, welche nur dem ſchönen Scheine der Kunſt, dem poetiſchen Abbilde des Lebens, zu dienen die Beſtimmung haben, Gott Lob, noch nicht ganz vereinſamt, ſobald nur ein dieſes Tempels würdiger Prieſter darin den Muſendienſt übernimmt.

Dasmal iſt es nun eine Prieſterin, welcher wir die neue Beſtä⸗ V tigung der ſchon ſo oft in ſchweren Zeiten bewährten Tröſtung

verdanken, daß nämlich der Deutſche die mächtigſten, älteſten und unvergänglichſten Urſtämme im Haine ſeines Volksthums, deutſche Kunſt und Wiſſenſchaft, niemals ſeiner theilnehmendſten

Pflege, ſeines wahrhaft andächtigen Cultus entbehren läßt, mag es auch ſonſt, ſei's von Oſt oder Weſt, noch ſo ſehr auf den deutſchen Wald einſtürmen, ja daß er gerade bei ſolch heran⸗ ziehenden Zeitenſtürmen ſich nur um ſo inniger an ſie anklammert, wohl wiſſend, daß dieſe beiden, ob auch viele der andern Stämme ſeines öffentlichen Lebens gebrochen würden, ihm ſtets wieder von Neuem die erſten und hauptſächlichſten Stützpunkte zum Wieder⸗ aufbau ſeines Nationallebens abgeben. Frau Auguſte von Bärndorf, vom Hoftheater in Hannover, iſt es, welche durch die ausgezeichneten Leiſtungen auf ihrem Kunſtgebiete jene all⸗ gemeinen Wahrheiten uns hier von Neuem eindringlich wieder zu Gemüthe geführt hat. Wenn gleich durch einzelne Journalartikel auch in das Leipziger Publicum ſchon früher der Ruf ihrer unge⸗ wöhnlichen Begabung eingedrungen war, ſo war, da dieſelbe hier