Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
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lich als eine wichtige Perſon. Eine fieberhafte Sehnſucht bemächtigte ſich ſeiner immer mehr, das Geheimniß zu ent⸗ hüllen, das ihn umgab: in dem einen Augenblick betete er zum lieben Gott, daß er ihn auch zu ſeinen Eltern führe; im nächſten vergoß er Thränen des bitterſten Jammers darüber, daß die eignen Eltern ihn verleugnen und ſo ver⸗ laſſen konnten: dann hing er ſich wieder mit zärtlichem Ungeſtüm an ſeine Tanten und erklärte ihnen, wie er nun doppelt an ihnen hänge, ſeit er erfahren, daß er von Vater oder Mutter oder von beiden verſtoßen worden, daß er Niemandem mehr gehorchen werde, als ſeinen Tanten auch nicht dem Fürſten, der vielleicht mehr von ihm wiſſe, als er ſage.

Dieſe Aufregungen in dem Gemüthe des ſich zum Jüngling wandelnden Knaben ließen natürlich nach aber bei jeder kleinen Veranlaſſung brachen ſie wieder hef⸗ tig hervor und ließen auch außerdem in ſeinem Weſen einen Hang zu romantiſchen Träumereien und abenteuer⸗ lichen Vorſtellungen zurück, die ihn für ſich ſelbſt zu einem Romanhelden ſtempelten und auch Andern ſo erſcheinen ließen. Auch ſein Körper hatte unter dieſen Erregungen gelitten, und ſein Arzt, der zugleich der Leibarzt des Fürſten war, rieth dringend zu einem Aufenthalt in einem mildern Klima, bevor er ſeine Studien beginne. Wieder war es der Fürſt, der darauf für Albin das Geld zu einer Reiſe nach Italien einhändigen ließ; der Pfarrer, der ihn mit erzogen und der wegen vorgerückter Jahre und Kränklich⸗ keit einen Subſtituten erhalten und ſeit Kurzem Witwer war, begleitete ſeinen Zögling auf dieſer Reiſe. Aber er ent⸗ hielt ſich immer aller und jeder Vermuthung über Albin und das Geheimniß, das ihn umgab, ſo daß es dieſem manchmal ſchien, als wiſſe er davon mehr, als er ſagen wolle oder dürfe.

Jetzt ſtudirte Albin ſeit einiger Zeit auf der vater⸗ ländiſchen Univerſität und in dem heitern Treiben der Studentenwelt fand er es ſelbſt für gut, ſich durch das

Lud:.(V. Jahrg.

Geheimniß, in das ſein Geſchick verflochten war, einen romantiſchen Nimbus zu geben, der ihn für Viele, zumal für die empfindſame Damenwelt der damaligen Zeit, zu einem Gegenſtande des Intereſſes machte. Sehr Recht hatte ſein Commilitone, der von ihm ſagte, daß er immer auf der Jagd nach Abenteuern ſei; nie waren ſie gemei⸗ ner oder leichtfertiger Art, aber er ſuchte ſich jedes nicht ganz alltägliche Begegnen poetiſch zu geſtalten, und konnte noch eben ſo glücklich einen Tag allein in der ſchönen Na⸗ tur umherſchwärmen, als unermüdlich ſein im Trinken oder Fechten mit den Kameraden, ſowohl bei einem allgemeinen Commerſe, als im ſtillen Keller.

In ſeinem harmloſen Lebensgenuß hatte er ſich lange nicht von den Gedanken ſtören laſſen, irgend einmal Auf⸗ klärung über ſeine Angehörigen zu erhalten, als er ſich jetzt urplötzlich bei der Erzählung von den geheimnißvollen Damen davon ergriffen fand. Wer waren ſie, die an dem romantiſchſten Punkte dieſer Gegend ihr abenteuerliches Zelt aufſchlugen, die es wagen durften dies zu thun? Der Fürſt allein konnte ihnen dieſe Erlaubniß gegeben haben, mit der ſie dem Magiſtrat ſich widerſetzten derſelbe Fürſt, der an ihm, Albin, einen Antheil nahm, der niemals eine beſtimmte Erklärung gefunden.

Albin ſtürmte in die Stadt, in das Hôtel zum Stern, in dem die fremden Damen eingekehrt. Im Gaſtzimmer unten war es gerade leer, er verlangte ein Glas Wein und das Fremdenbuch; der Wirthin Töchterlein, das freundliche Röschen brachte ihm Beides. Er blätterte un⸗ befriedigt in dem Buche.

Mir ſcheint, ſagte er, Röschen fixirend,das Buch wird nicht ſehr gewiſſenhaft geführt

Ei, ei, Herr Studioſus! lachte das Mädchen,ſeit

wann inſpiciren denn Herren Ihres Gleichen die Frem⸗.

denbücher, als wären ſie von der Polizei oder Gens⸗ darmerie? Nur nicht vorlaut! drohte Albin,wenn man mit

Dem Zehntner ſtanden die Haare zu

mit feurigen Augen an. r Zugleich ſchloß

Berge, er wußte nicht, was er beginnen ſollte.

er unwillkürlich ſeine Augen da ſchlug die Hammerwerksglocke

Zwölf dem Zehntner war, als hörte er den unheimlichen Beſuch trabend abziehen. Richtig! als er wieder aufzublicken wagte, war das Geſpenſt verſchwunden, aber die Thür war noch weit offen. Er konnte mithin nicht bloß geträumt haben, da er die Thür zu⸗ gemacht hatte. Unter Aengſten und Schauern durchwachte er den Reſt der Nacht, bis Leben im Hauſe ward. Bleich und verſtört trat er zu ſeinen Wirthsleuten, erzählte, was ihm begegnet war, und erklärte ſofort wieder nach Hauſe aufbrechen zu müſſen, denn ſicher habe die ſchreckliche Erſcheinung ein drohendes Unheil für ihn oder die Seinigen zu bedeuten.

Ei Gott bewahre! rief der Hauswirthverzeiht mir ja meine Unachtſamkeit, werther Freund! ich hätte Euch unterrichten ſollen, aber in der Herzensfreude vergaß ich es: das Geſpenſt, ſo Ihr geſehen, hat Fleiſch und Blut wie wir Zwei, es iſt ein zahmer Hirſch, der unter andern Fertigkeiten auch die beſitzt, alle Thüren aufzumachen. Zuweilen macht er ſich den Spaß, die Bewohner des Hauſes mit einem Beſuch zu überraſchen.

Dem Zehntner fiel ein Centner vom Herzen; er blieb noch da und befreundete ſich recht ſehr mit dem vermeinten Geſpenſt. p.

Aus der Gegenwart. Plaudereien aus Dresden.

Pfingſten, das liebliche Feſt, iſt gekommen. Maigrün ſchmückt das Land und Maigrün ſchmückt die Stadt, der grazienvollen

Birke jugendliche Zweige bietet man auf dem Markte dem Käufer feil, und auch der Aermſte erſteht davon ein Reis zum Schmucke für ſeine Kammer, zum Aufputz des kleinen Obdachs, das ihm oft, ach! dem Himmel ſo nah und auf die Dächer hinaus in einen dunkeln Hofraum ſchauend verliehen. Gemüſe und Früchte, der Spargel und die duftenden Erdbeeren bieten ſich dem Verkäufer dar; aber ach! ſeufzend wendet die Hausfrau das Haupt weg und gedenkt der leeren Börſe. Der Krieg, der böſe Krieg! Wie ein Geſpenſt droht er aus weiter Ferne, und wirft ſeine düſtern Schatten auf alle Lebensverhältniſſe, verſcheucht die Freude, ſteuert der Luſt. Wohnungen ſtehen leer, wo mang ſonſt zu miethen verzagte, in dem Poſtbureau wimmelt es von abreiſenden Fremden, Jeder ſucht die Heimath zu gewinnen, bevor die blutige Fackel auch hierher zu leuchten beginnt. Und den⸗ noch welch buntes, luſtiges Treiben während der Pfingſt⸗ feiertage im ſchönen Dresden! Schiffe kommen und gehen, zum Erdrücken volle Schiffe. Die Eiſenbahn bringt Fremde hierher und führt ſie auf ihren Extrafahrten weiter, alles wie im Fluge. Von der Terraſſe aus, dieſem lieblichſten Punkte der Erde, ſieht man die bunte Bevölkerung ſich zerſtreuen und wieder finden, und genießt dabei der Ausſicht auf Strom und Land, wo Bewegung und Ruhe die Seele zu gleicher Zeit anregen und ſinnig er⸗ friſchen.

Ddiie Mineralwaſſer von Struve werden fleißig getrunken, wie ſonſt. Der Sachſe ſelbſt, als Bewohner eines Landes mit den beſtgeordneteſten Finanzen, befindet ſich bis jetzt in keinen Geldverlegenheiten, und nur Jene, welche öſtreichiſche Papiere beſitzen, rupfen an ihren Coupons und ſprechen: ſoll ich, oder ſoll ich nicht einwechſeln? Nur die theuren Vergnügungen,