auf den hohen Abſätzen noch zu verſtärken ſtrebte. Eigent⸗ lich hieß er Wilhelm Lange, aber nur Wenige kannten ihn bei dieſem Namen.„Ei, ſeht doch!“ wiederholte er ſich, „wenn das Eine wahr iſt, wird es wohl auch das Andere ſein, und die Geſchichte mit der ſchwarzen Dame iſt eben ſo wenig eine Mythe, als— der polizeiwidrige Hausbau. Gegönnt ſei es dem hochwohlweiſen Magiſtrat wie dem Landrichter, die ſich widerſetzen wollten und mit langer Naſe wieder abziehen mußten.“
„Was meint Ihr denn?“ fragte der neben Lange Gehende, der in allen Stücken das Gegentheil von ihm zu ſein ſchien. Er war ſchlank emporgeſchoſſen und von zartem Wuchs wie die Birke, an der er eben vorüberſtreift. Das blonde Haar war von der weißen Stirn zurückge⸗ ſtrichen, die Reinheit und Geiſtesadel verkündete. Seine Augen waren von einem edlen Feuer beſeelt, Naſe und Kinn faſt ein wenig ſtolz emporgerichtet und das Haupt zurückgeworfen. Erſt ſeit ein paar Monaten auf der Uni⸗ verſität, zählte er noch unter die Füchſe, aber er hatte ſich durch ſein gereiftes Weſen und nicht minder durch ſeine immer gefüllte Caſſe bei allen ſeinen Commilitonen in
Novellen⸗Zeitung.
Reſpect zu ſetzen gewußt. Nicht allein weil ſein Taufname Albin war, ſondern auch weil er zum Hofe in nahen Be⸗
ziehungen zu ſtehen ſchien und über ſein Herkommen ein
für ihn ſelbſt nicht aufgeklärtes Dunkele ſchwebte, ferner, weil er ſchon in Italien geweſen war und das Haupt voll ſtolzer Ideen trug, hatte er den Spitznamen„Albano“ oder „Titan“ und war damit gar wohl zufrieden, da er ſelbſt für Jean Paul ſchwärmte und für deſſen poetiſchſtes Werk. „Ich bitte Dich, Albano,“ rief der Recke in welchen
Labyrinthen haſt Du Dich verirrt gehabt, daß Du eine
ſolche Frage thun kannſt? Vergib Deiner Würde nichts und zeige Dich nicht einmal als ganz gewöhnlicher Fuchs.“
„Er hat heute das Colleg verſchlafen!“ rief ein
Dritter— „Verſchlafen nicht!“ unterbrach ihn Albin;„ich habe
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im Gegentheil auf unſerm höchſten Berge die Sonne auf⸗ gehen ſehen und von ihr das ſchönſte Colleg mir halten laſſen, das man jemals hören kann!“
„Nun denn,“ entgegnete ſein nächſter Begleiter, Her⸗ mann Geier, deſſen Namen man nur in Armin umgewan⸗ delt,„da Du Dich erſt hier auf dem Wege zu uns gefun⸗ den und vom Sonnenauf⸗ bis Untergang den Wald⸗ menſchen geſpielt haſt, der von der ganzen civiliſirten Menſchheit nichts weiß, ſo will ich Dir die ſchaurig ſchöne Geſchichte von der Baracke, die Du da oben keck neben der Burg ſich erheben ſiehſt, noch einmal erzählen. Im erſten Hôtel dieſer guten Stadt kommen alſo vorgeſtern zwei verſchleierte Damen an, nehmen das beſte Zimmer in Be⸗ ſchlag und beſcheiden Bau⸗ und Zimmermeiſter zu ſich, denen ſie gleich einen fertigen Riß zu einem hölzernen Hauſe vorlegen und die Stelle neben der Burg als Bau⸗ platz bezeichnen. Die Sache wird auch ſogleich ins Werk gerichtet; aber der Baumeiſter fühlt ſich doch genöthigt, den hohen Rath davon in Kenntniß zu ſetzen und die Erlaub⸗ niß der Behörde einzuholen. Die wird denn entſchieden verweigert— entrüſtet ob der tollkühnen Unverſchämtheit, die ehrwürdigen Trümmer eines hochadligen Raubneſtes durch die Nachbarſchaft eines phantaſtiſchen Schweizer⸗ hauſes profaniren zu wollen. Die verſchleierte Dame em⸗ pfängt den Meiſter, der ihr dieſe Kunde bringt, mit einem verächtlichen Lächeln und läßt den geſtrengen Herrn Bür⸗ germeiſter erſuchen, ſich ſelbſt zu ihr bemühen. Seine Ge⸗ ſtrengen ſind in neuer Entrüſtung über dieſe Zumuthung, da es doch ganz in der Ordnung wäre, daß er die Dame vorladen ließe, ſich vor ihm zu verantworten nicht ſie ihn. Indeß— dem Muthigen gehört die Welt! die Dame hat geſiegt— er ſucht ſeine Amtsehre durch Galanterie zu retten und geht, geht, weil die Dame nun einmal nicht kommt und er aus Neugier nicht zurückbleiben kann aber er ſteht vor ihr wie der Jüngling vor dem verſchleier⸗ ten Bild zu Sais.
Feuilleton.
— N
Der Herzog von Magenta.
Wohl verdient der Mann, deſſen raſche Entſchloſſenheit und kühne Bewegung an der Brücke von Magenta die neue Garde und vielleicht den Mann des zweiten Decembers, der ſeine Völker⸗ beglückungstheorien nun in Italien verwirklichen will, vom Un⸗ tergange rettete, eine kurze Betrachtung Der neue Herzog von Magenta— denn immer und überall tritt der Neffe als Nachahmer des Oheims auf— R ein Charakter von großer perſönlicher Bra⸗ vour, obwohl Soldat mit Leib und Seele, doch kein Freund des militäriſchen Gewaltregiments, das von Frankreich aus die Küſten Cayenne’s und die Einöden Lambeſſa'’s bevölkert, kein Freund der Staatsſtreichpolitik und der Sicherheitsgeſetze, deren Hauptver⸗ treter an eben dem Tage den Tod gefunden, an welchem Mac⸗ Mahon ſich neuen Ruhm erfocht. Wie er kühn auf dem Schlacht⸗ felde und raſch entſchloſſen, ſo war er nach dem italiſchen Atten⸗ tate der Einzige, der als Senator laut gegen die damals vorge⸗ ſchlagenen Maßregeln ſeine Stimme erhob, die zwar ungehört verballte, doch ihn nicht ſeinen Platz im Heere koſtete. Wohl mochte Napoleon III. ahnen, daß er der freimüthigen, tapferen Männer nicht ganz entbehren könne.
Graf Marie Patrice Maurice v. Mac⸗Mahon iſt auf dem Schloſſe Sully im Arrondiſſement Autun im Jahre 1807 als Sproſſe einer irländiſchen Familie geboren, welche ſchon im ſiebenzehnten Jahrhunderte ſich durch ihre Treue gegen das könig⸗ liche Haus der Stuarts auszeichnete und nach der Vertreibung. Jakob's II. gezwungen war, in die Verbannung zu gehen. In Frankreich fand ſie freundliche Aufnahme und verband ſich durch Ehen mit den älteſten Adelsgeſchlechtern des Landes. Der Vater des„neueſten“ napoleoniſchen Herzogs war noch ein feſter An⸗ hänger und treuer Freund des Königthums und ſtand mit Carl X. in naher perſönlicher Verbindung. Marie Patrice iſt der jüngſte Sprößling dieſes Pairs von Frankreich mit einer Tochter des berzoglichen Hauſes von Caraman. Seine erſte Erziehung war anfänglich nicht die eines Kriegers. Aus dem päterlichen Hauſe kam er in das Prieſterſeminar zu Autun. Doch war dies nicht nach dem Geſchmacke des Knaben; bald trat er in die Militär⸗ ſchule von Saint Cyr, wo er bis zum Jahre 1825 blieb. Fuͤnf Jahre, nachdem er in den activen Dienſt getreten, zog er das
erſte Mal in den Krieg nach Afrika, das Land, welches die große
Kriegsſchule für Frankreichs Heere geworden, die Kämpfer geſtählt
hat in mörderiſchen Gefechten mit einem unermüdlichen, nie
[V. Jahrg.


