Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
435
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Die Damen von der Burg.

Aus den Geheimniſſen eines Fürſtenhofes.

Ein milder Sommerabend hat ſich mit ſeinen duftigen Schleiern herabgeſenkt auf Berg und Thal. Roſiger Abend⸗ ſchimmer dient den dunklen Tannen und den zartbelaubten Bäumen zu dem anmuthigſten Hintergrund. Am ſchönſten glühen die zerbröckelten Trümmer einer alten Burg, die auf der ſchroffſten Felſenſpitze ſich erhebt im Wiederſchein der längſt verſunkenen Sonne. So geſtaltet ſich hier die Wirklichkeit ſelbſt zur Symbolik denn auch dieſe Ruine gemahnt noch an Zeiten, die längſt zu den eutſchwundenen gehören. Man nennt ſie nurdie Burg; ihr eigner Name, wie der ihrer Beſitzer, iſt verſchollen, und wenn man ſie ja näher bezeichnen will, ſo muß ſie es ſich gefallen laſſen, nach dem kleinen Dorfe genannt zu werden, das, vom Abhang zum Thal ſich niederſenkend, beſcheiden zu ihren Füßen liegt und in das die muntere Studenten⸗ ſchaft der nahen Stadt wallfahrtet, um Eierkuchen, wie ſie gerade aur hier gebacken werden, zu ſich zu nehmen, auf die ein friſches Gebräu in blankgeſcheuerten, hölzernen Stübchen gar trefflich mundet.

Auch heute iſt eine(fröhliche Schaar lebensvoller Burſchen in das ſtille Dörfchen ausgezogen und hat es mit ihren Liedern belebt. Freilich ſind's nicht mehr die hohen Lieder vom Kampf für's deutſche Vaterland und ſeine Frei⸗ heit, die vor einem Jahrzehnt hier zu tönen begannen und lange nachhallten im Reich bei Jung und Alt die haben jetzt verſtummen müſſen und von den Univerſitäten ſind ſie am ſtrengſten verbannt.

Es iſt in der Mitte der zwanziger Jahre unſres Jahr⸗ hunderts. Die Univerſitäten ſind einer ſtrengen Ueber⸗ wachung unterworfen und von allen Bedenken erregenden Elementen geſäubert worden. Waren ſie es doch, die einſt nicht nur die entſchloſſenſten und begeiſtertſten Schaaren zum Kampfe gegen die Fremdherrſchaft ſtellten, als Deutſchlands Fürſten wider die Unterdrücker zu den Waf⸗ fen riefen ſondern in deren Schooß auch dieſe Frei⸗ heitskämpfer nach dem errungenen Sieg und Frieden wie⸗ der zurückkehrten, beſeelt vom hohen Streben und Ver⸗ langen, die Ideen und Wünſche, die ſie auf das Schlacht⸗ feld getrieben, nun auch zur ſchönen Wirklichkeit im Vater⸗ lande ſich geſtalten zu ſehen. Aber das war ihnen nicht vergönnt, und dieſen Geiſt zu zähmen und vertilgen, war das erſte Werk des Friedens. Das Feſt ſeines höchſten,

ſchwärmeriſchen Aufſchwunges hatte er auf der Wartburg gefeiert unter wehenden ſchwarz⸗roth⸗goldenen Fahnen und gen Himmel wallenden Feuerflammen da vollbrachte in ohnmächtiger Verzweiflung zu Mannheim der exeentriſche Jüngling aus Wunſiedel jene unſelige That, und von da ab ſuchte man jeden nach Leben und That ringenden Geiſt von den Univerſitäten, wie aus der Nation zu ver⸗ bannen. Erſchlaffung folgte der langen und hohen An⸗ ſpannung: man gewöhnte ſich daran, die hohen Ideen, für die man ſelbſt geſchwärmt und geſtrebt, oder für die man Andere mit bewundernder Theilnahme hatte handeln ſehen, als ſchöne Träume zu betrachten, für die es hienieden keine Verwirklichung gab. Man ſuchte Zerſtreuung in al⸗ lerlei Nichtigkeiten, der Schmerz, mit dem man anfangs die Wendung der öffentlichen Angelegenheiten betrachtet hatte, ward zum Ekel daran man wendete ſich ganz von ihnen ab ein Jedes verlor ſich in ſeinem kleinen Kreis, der endlich, wie es dann immer geht, zu einem kleinlichen zuſammenſchrumpfte.

So bewegte ſich das Leben wieder im engbegrenzten Raume, das Unbedeutende konnte zum Gegenſtande des Intereſſes werden; wer in ſeiner beſchränkten Häuslichkeit kein Genüge fand, der ſuchte Spiel und Abenteuer auf, oder rettete ſich im beſten Falle mit den Dichtern in eine verhimmelnde Romantif. Die akademiſche Jugend wollte doch ſich noch Freiheiten nehmen, und um ſo mehr, weil ſie keine Freiheit hatte: ſie ſetzte ihren Ruhm bald in Trinken und Raufen, bald in Bramarbaſiren mit Fechthandſchuhen und Sporenſtiefeln, bald in rüde Ungenirtheit, die Schlaf⸗ rock und Pantoffeln auf der Straße trug und mit der brennenden Pfeife im Munde das Colleg beſuchte.

So war auch jetzt die Studentenſchaar bei ihrem abendlichen Ausflug barock genug gekleidet und ſang ein luſtig Lied, das die Philiſter höhnte und nur im Gegenſatz zur bürgerlichen Sitte ſich des freien Lebens rühmte. Aber als ſich jetzt die Blicke hinauf zur Burgruine wende⸗ ten, hinter der die letzten Abendroſen des Horizontes ver⸗ blühten, verſtummte der Geſang und mehr als einer der Studenten rief:

Wahrhaftig, es iſt keine Lüge, die man uns aufgehef⸗ tet und die darum Keiner von uns glauben mochte da oben neben der Burg ſteht das Kartenhaus beinahe fix und fertig!

Ei ſeht doch! nahm ein breitſchultriger Student das Wort, der längſt zum bemooſten Haupt geworden und mit dem Spitznamender Recke genannt ward, weil er als ein ungeſchlachter Geſell erſchien und als ſolcher ſich gefallend dieſen Eindruck durch einen langzottigen Bart und hohe Stulpſtiefeln mit Sporen und gewaltigen Nägeln