Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
381
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n Aug

Nr. 24.]

dend, dorthin, von wo leiſe Polkamuſik lockend uns ent⸗ ſegenzittert. Wir glauben an ein zweites Märchen, ein

neues Feenreich, an ätheriſche Kinder der Lüfte, und nur

bisweilen ein zufälliges Streifen mit der Robe, mit dem (Ficher, mit den Blicken belehrt uns, daß ſie nicht ganz un⸗ ſaßbare, unnahbare Weſen ſind; ja hier das funkelnde Uuge, das ſchnell entſchloſſen momentan in Deine Seele ſech drängt, dort das Lächeln, das über die weniger ele⸗

den Troſt, daß auch dieſe Weſen den Stoffen und Empfin⸗ dungen der Erde angehören, daß ſie leben, lieben, genießen, ſeiden müſſen und wollen mit uns.

Dieſe Wahrnehmung macht Dir den Muth die Pfade dieſer überraſchend ſchönen Welt weiter zu wandern. Du ſreigſt mitten unter den luftballonartigen Crinolins die eine der beiden Seitentreppen ſchüchtern hinan; großmächtige Lakaien in reich brodirter blauer Livree, rothſammetnen PWantalons, weißen Strümpfen und Schnallenſchuhen wei⸗ ſen Dir die Thüren des Eintrittes, da andere nur zum Aus⸗ gange beſtimmt ſind, und neugierig drängſt Du Dich all⸗ mählich in die Empfangs⸗ und Tanzſalons. Nach dem Aablick des geſchilderten Treppenhauſes war ich der Mei⸗ muung, den glänzendſten Eindruck des Feſtes empfangen zu unben und nur gewohnteren Anblicken entgegen gehen zu ſennen. Aber nochmals muß der Kleinſtädter von der pol⸗ iſchen Grenze eingeſtehen, daß ſeine Erwartungen über⸗ boeten und die Räume des Pariſer Rathhauſes ihm An⸗ llcke gewährten, die ſeine anmaßendſte Einbildungskraft ſch) nicht vorgeſtellt hatten. Man ſagt, daß der Umfang eer zu dieſen Feſten geöffneten Räumlichkeiten eine franzö⸗ ſſche Lieue betrage, und nicht um viel kann dieſes Maß bbertrieben ſein, denn in einer halben Stunde ſie zu durch⸗ tefſen, war uns kaum eine Möglichkeit. Auch als nach uti Uhr die Säle ſich zu leeren begannen, verſuchten wir ſchnellerem, ungehindertem Durchſchreiten einen Ueber⸗ Nick und eine locale Orientirung zu gewinnen. Doch ver⸗

(Nante Toilette der Nachbarin ſich moquirt, ſie ſagen Dir

Dritte folge.

geblich. Denn immer wieder entdeckten wir neue Corri⸗ dore, neue Gruppen von noch nicht geſehenen, eigenthüm⸗ lich decorirten Salons und Boudoirs. Bedenken wir, daß es der Arbeit von drei Jahrhunderten bedurfte, um nur die Architektur des Gebäudes herzuſtellen, das 1533 begon⸗ nen, unter Heinrich IV. ſchon für vollendet erklärt, bis Louis Philipp aber ſeitdem um das Vierfache vergrößert worden iſt. Der Renaiſſanceſtyl herrſcht in dem Ganzen vor, die ſchlanke korinthiſche Säule mit dem darauf ruhen⸗ den breiten Rundbogen geben dem Ganzen den Charakter behaglichſter Pracht. Bedenkt man ferner, was die Seulp tur, in Holz wie in Marmor, was die Malerei in Fresco und in Oel, was die Kunſt der Gobelins und der architek toniſchen Decoration zur Ausſchmückung dieſer Räume durch jene Jahrhunderte gethan, ſo wird man die Aeuße⸗ rung, daß jede Feder die Fülle dieſer Koſtbarkeiten zu ſchildern erlahmen müſſe, nicht als Ausdruck der Ueber⸗ treibung, ſondern hier als Ausdruck der nothwendig einzu⸗ geſtehenden Beſcheidenheit anſehen müſſen. Nur Einzel⸗ heiten können wir hervorheben. In drei Sälen wurde getanzt. Drei Orcheſter ſpielten, und in keinem der drei Säle war ein Laut der Muſik des anderen zu vernehmen; auch die Beſcheidenheit, mit der dieſelbe ſich vernehmen ließ, iſt rühmend zu erwähnen; man iſt bei uns gewohnt, bei dergleichen Gelegenheiten einen ſolchen Lärm machen zu laſſen, daß die Converſation während des Tanzes beinahe eine Unmöglichkeit wird; vielleicht weil den Pariſern die Converſation eben ſo viel Wichtigkeit hat als der Tanz, trat das Orcheſter nicht lauter auf, als zur Innehaltung des Taktes nöthig war. Der kleinſte der Tanzſäle, ein Quadrat, war am modernſten decorirt, weiß mit Gold⸗ leiſten, die Flächen der Wände mit großen Spiegeln be deckt, die mit einander ſo correſpondirten, daß ſie, die ge⸗ genüberſtehenden Säle und Lampen zahllos wiederſpie⸗ gelnd, den getäuſchten Blick in unendliche Galerien ſchwei⸗ fen ließen, eine Sitte, durch die man in Kaffeehäuſern,

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ſhen, der ſich durch ſeine verſchiednen Gedichte gar viele Freunde mworben hat, war Adolf Schults, der am 2. April c. ſeiner zahl⸗ ſichen Familie und ſeinen vielen Freunden durch einen frühzeiti⸗ in Tod entriſſen wurde.

Was Adolf Schults geworden iſt, verdankt er ſeinen natür⸗ ihen Anlagen und ſeinem eignen Fleiße und Streben, denn er da Autodidakt, und ſchon aus dieſem Grunde wird ſicher Vielen anſtrer Leſer und Leſerinnen die folgende kurze Mittheilung über e Leben dieſes Dichters nicht unwillkommen ſein. 3

Adolf Schults wurde am 5. Juni 1820 in Elberfeld gebo⸗ in Sein Vater, ein Seidenweber und ſpäter Werkführer in der lrik von Joh. Simons Erben, war ein ernſter, faſt finſterer, Ichſchaffener Mann von ſtreng kirchlicher Richtung und feſtem herakter, ſeine noch lebende Mutter beſaß eine über den Stand Mannes hinausragende Bildung. Unſer Dichter war als anibe ſchüchtern, blöde, ſanft und geduldig, doch in dem Kreiſe

ſ Seinigen heiter und voll drolliger Einfälle, die er gern in

ellie zu bringen ſuchte. Eigentlichen Unterricht hat er nur in alne Clementarſchule eempfangen. Sein Vater brachte ihn aller⸗ 8, um ihm die Gelegenheit zu weiterer Ausbildung zu bieten, de Realſchule ſeines Geburtsorts, doch aus übergroßer Schüch⸗

urbeit e 7 3 8 meeit entlief er derſelben gleich den erſten Tag, und nichts war

Stande ihn zu beſtimmen, wieder dahin zurückzukehren. In lnm dreizehnten Jahre trat er in demſelben Hauſe, wo ſein 8 1 Werkführer war, als Handlungslehrling ein, und während 9 ddſelhe Stellung als Handlungscommis ihm und ſeiner Fa⸗ ud e Exiſtenz ſicherte, widmete er ſeine wenigen Mußeſtunden Jar oft einen Theil der Nacht der Poeſie, dem eigentlichen iufe, für den die Natur ihn beſtimmt hatte. Seine erſten dich⸗ -

M

großen Reformators dienend und Bilder voll

teriſchen Verſuche ſind vom Jahr 1836. Das erſte Gedicht, das von ihm dem Druck übergeben wurde und zuerſt in der Didaska⸗ lia erſchien, dasNegerſchiff, findet ſich in der dritten Auflage ſeiner geſammelten Gedichte, deren erſte Auflage 1840 bei Baenſch in Magdeburg erſchien.

Im Winter des Jahres 1847 ſchrieb er, von den lebhaften Schilderungen der Ausgewanderten über das Leben in den Ur⸗ wäldern Nordamerika's begeiſtert, ſeineLieder aus Wisconſin, lyriſche Ergüſſe voll Zartheit, Anmuth, Kraft und Fülle, voll jugendlicher Begeiſterung für die Freiheit und dabei treuer Anhäng⸗ lichkeit an das Vaterland.

Das Jahr 1848 ſetzte auch unſern Dichter außer Brod, was ihn um ſo tiefer beugte, da er bereits Familienvater war, ohne der Noth der Seinigen abhelfen zu können. Als er aber im Jahre 1850 durch eine angemeſſene Stellung in dem Simons'ſchen Hauſe in freundliche Verhältniſſe gekommen war, trat bei ihm eine Zeit ernſter und tiefgehender Studien wie freudigen Schaffens auf dem bis dahin von ihm noch nicht betretenen Gebiete der epiſchen Dicht⸗ kunſt ein. Dieſe Studien befähigten ihn, im Jahr 1853 vor einem zahlreichen und gewählten Kreiſe von Zuhörern in Elberfeld und Barmen gediegene Vorleſungen über die neuern Romanzen⸗ und Balladendichter zu halten. In demſelben Jahr erſchien von ihm im Verlag von Brockhaus in LeipzigMartin Luther, ein Cy⸗ klus von 34 Romanzen, der Perſon, dem Werk und der Zeit des Refo plaſtiſcher Anſchau⸗ lichkeit im friſcheſten Farbenton liefernd. Im folgenden Jahre dichtete er ähnliche Cyklen über Servet und Calvin, Thomas Münzer und Andreas Hofer; dieſe drei Werke ſind noch Manu⸗ ſcript.