Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
377
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Nr. 24.]

nuns heirathen dürften, müßten wir dann etwa Hunger lei⸗ iden? Ihr könnt gern mit der Mutter wirthſchaften, bis ihr ſſelbſt ſagt: ich mag nicht mehr. Ich ſetzte mich, ohne zu murren, mit Chriſtfried aufs Gedinge und wollt' nichts ſſein als Eure erſte Magd. Eine beſſere kriegt Ihr nicht, was wißt Ihr, und daß der junge England arbeiten kann woie Einer und was Ordentliches verſteht von der Wirth⸗ ſſchaft, das habt Ihr oft ſelbſt an ihm gerühmt, wenn Ihr (Euch nur erinnern wollt! Solche Burſche ſind rar, und ſie warſch und höhniſch abweiſen, wenn ſie freundlich anklopfen an eines ehrlichen Mannes Gatterthür, das iſt nicht Recht, Water, und unchriſtlich obendrein!

Und wenn's mir an Kopf und Kragen ginge, und der Raiſer ſelber beföhl' es, ich gäb' doch nicht meine Einwil⸗ lligung! ſagte Martin Ulrich mit der ganzen Herbheit ſſeines ſtarren Bauerndünkels.

Und ich laſſ' nicht von ihm, Vater, und ſollt' ich auch drüber zu Grunde gehen! trumpfte das entſchloſſene und niicht minder eigenſinnige Mädchen.

Du willſt mir drohen? Dich mir in den Weg ſtellen? Mimm Dich in Acht vor meiner Hand!

Ich hab' ſie ſchon gefühlt und weiß, daß ſie nicht ſttreichelt!

Beſinn' Dich, Marianne, und gib Frieden!

Ich hab' mich ſchon lang' beſonnen!

Er kommt mir nicht über die Schwelle, nicht in den Hof! Ich fang' Zank an aus freier Hand, daß ich einen Broceß kriege mit Nachbar England, pur um mich auf Le⸗ henszeit zu verfeinden mit der ganzen Sippſchaft!

Ihr könnt thun, was Ihr wollt, Vater, mich verfein⸗ det Ihr doch nicht mit Chriſtfried!

Du wärſt's erſte Mädel, dem man den Sinn nicht bwechen könnt',

Allein nicht, Vater, mit dem Herzen zuſammen wär's möglich.

Und ich ſag' Dir, Unglückskind, Du kriegſt den

Dritte folge.

Bengel nicht, oder der Teufel ſoll mir den Hals ab⸗ drehen!

Und ich thue mir eher ein Leid an, als daß ich von ihm laſſe!

Mit der Karbatſche treib' ich ihn fort, wenn er ſich auf meinem Grund und Boden blicken läßt!

Er wird Euch die Mühe erſparen, Vater!

Eine alte Jungfer ſollſt Du werden, wenn Du nicht parirſt!

Meint Ihr? ich kann auch warten.

Auf meinen Tod?

Marianne ſah den Vater ernſthaft an.

Wenn Ihr unerbittlich bleibt, nun ja, Vater, dann warte ich auf meinen oder auf Euern Tod, wie's Gott ge⸗ fällt. Gar zu lange, denk' ich, werd' ich's nicht machen. Die Sehnſucht wird mich freſſen oder der Gram, und Ihr habt's zu verantworten, Vater, vor Gott!

Martin Ulrich erblaßte. Die feſte Rede ſeines Kindes ging ihm bis ins Herz. Er hatte kein Wort der Erwide⸗ rung auf dies offene Geſtändniß, das Zeugniß gab von einer Neigung, die weder durch Bitten noch durch Gewalt zu unterdrücken war. Nur ein Blick, in welchem Kummer und Zorn ſich um die Obermacht ſtritten, traf noch die Tochter. Dann verließ Martin Ulrich die Kammer.

Marianne ſah dem Vater lange nach. Endlich faltete ſie die Hände, ſchlug ihre glänzend braunen Augen zum Himmel auf und lispelte:Vergib mir, Gott, wenn ich Unrecht gethan habe, ich konnte nicht anders!

Hierauf ſtrich ſie ſich das Haar glatt, band ſich das Kopftuch um und ging, als ſei gar nichts vorgefallen, in gewohnter Weiſe an ihre Arbeit.

5. Eine flinke Tänzerin, die jeder gern ſieht, wird überall

bald vermißt, wenn ſie ausbleibt. Schon am zweiten Bier⸗

Ich ſetzte mich auf den Teppich der Eſtrade und bat ſie an neiner Seite Platz zu nehmen. Sie kam.

Singen Sie! bat ich.Singen Sie!

Sie ſang; aber ihr Geſang klang ſo melancholiſch und ſo ſinſter, daß ich mitten in meiner Freude erbebte.

Weshalb grade dieſer Geſang, Senora? fragte ich.Das lüngt wie ein Requiem. Spielen Sie auf der Guitarre einen leich⸗ umn Fandango, einen muntern Bolero.

Weder einen Bolero noch einen Fandango für einen Ster⸗ lunden! entgegnete ſie.

Aüber it hied iein Sterbender!

Still! Laſſen Sie mich zu Gott für den Sterbe ur nf lten ultn, nich zu Gott für den Sterbenden ſingen,

Soll ich der Sterbende ſein, ſo iſt es, weil ſ J b ußen vor Aehe ſterbt.. ſein, ſo iſt es, weil ich zu Ihren

Still! Ich bete!

Aber für wen denn?

Für Sie!

Für mich? Für mich! Aber ich ſterbe ja nicht; ich fühle nur zu gut, daß ich lebe, denn ich fühle, daß ich Sie liebe. Und ich lathte laut auf. Ja, für Dich, Franzoſe, für Dich! rief ſie aus; und indem ihren Grabgeſang unterbrach und die Guitarre weit von ſich Wurf, ſprang ſie zu ihrem Tollettentiſche, hob den Spiegel, der

uff demſelben ſtand, auf und zeigte mir dahinter in einem Glaſe

uſt Waſſer eine verwelkte rothe Roſe.

1Ja, für Dich bete ich, wiederholte ſie nochmals, und zwar

dismal mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke der Wuth;für Dich

ſe Geſang, den man bei einem Sterbenden anſtimmt. Denn

hier iſt ſie, die Roſe, die, wie Du ſagteſt, am Kopfende Deines Lagers hängt, die Roſe, die Du mir zu Liebe bis zu Deinem Tode zu bewahren verſprachſt und die Du einer Andern geſchenkt haſt hier iſt ſie! Und Du haſt keinen eitlen Schwur abgelegt, als Du gelobteſt, ſie noch in Deiner letzten Stunde zu betrachten! Sieh ſie alſo an, denn Deine letzte Stunde iſt gekommen. Franzoſe, war der Moſto gut?

Sie ſchwieg, ſtützte die Hände auf den Tiſch, und ihre durch die Wuth vergrößerten Augen ſtarrten mich mit wildem Ausdruck an. Da begriff ich, weshalb ſie mich fragte, ob der Moſto gut geweſen ſei; und ich zitterte, wie die Tiſchgäſte Lucretia Bor⸗ gia's erzittert haben müſſen, als dieſe ihnen zurief:Ihr ſeid Alle vergiftet!

Die unerbittliche Furie erſpähte die erſten Zeichen meines Todeskampfes; aber ich gewann genug Kraft, um die heftigen Schmerzen zu verbergen, die ich bereits zu empfinden begann. Das Verlangen, mich zu rächen, hemmte für einige Augenblicke die Wirkungen des Giftes. Indem ich ihr einauf Wiederſehen! zu⸗ rief und mit einer furchtbaren Strafe drohte, ſtürzte ich auf die Straße und lief nach der Wohnung meiner Amtsgenoſſen, um ſo ſchnell als möglich durch ein Gegengift Hülfe zu ſuchen.

Weiter reicht meine Erinnerung nicht. Schon nach wenigen Schritten ſtürzte ich beſinnungslos nieder, doch zum Glück ſah mich einer unſerer Aerzte fallen und ſprang mir ſogleich mit ſeiner Hülfe bei. Vierzehn Tage nach dem Ereigniſſe befand ich mich bereits außer Lebensgefahr; aber erſt unter Segel kehrte ich zu dem Bewußtſein zurück. Mein Capitän hatte mich nicht am Lande laſſen wollen.

Vier Jahr darauf kam ich wieder nach Talcahuana, aber