Dritte wingerichtet ſind, der Ort, auf dem die ſpaniſche Gewalt⸗ werrſchaft ihren Gipfel erreichte und die Befreiung der Miederlande ſomit ihren Anfang nahm. Das iſt ein hiſto⸗ riſcher Hintergrund, der dem geſammten belgiſchen Leben eine eigenthümliche Weihe verleiht. Auch Paris hat ſeine hiſtoriſchen Erinnerungen und hat ſie viel mannigfaltiger; aber der bürgerliche Heroismus in Paris hatte immer nur (GGelegenheit im Kriege der Bürger gegen die Bürger ſich zu entfalten; die Vergangenheit der Niederlande hat ihre unauslöſchliche Glorie aus dem Kampfe gegen die fremd⸗ händiſchen Feinde. In Paris gab es nie einen Herois⸗ rnus, der von der Gegenpartei nicht als Verruchtheit hätte werdammt werden können; den Patriotismus der Nieder⸗ länder muß die ganze Nation, muß als Patriotismus die Welt anerkennen. Auch ſelbſt die belgiſche Revolution von 11830 zeichnet ſich vor allen andern Revolutionen durch das Meſultat echter und dauerhafter Verſöhnung aus, deſſen ſich keine ähnliche Epoche der franzöſiſchen Geſchichte rühmen bann. Die Belgier ſind eine von den wenigen Nationen der Gegenwart, die allgemein ihrer Regierung ſich freuen, die
ffen und gern die Freiheit preiſen und ihrer Freiheit ſich rühmen können. Jene heldenhafte Vorgeſchichte, dieſe ückliche Thatſache laſſen das Brüſſeler Leben zugleich ſo ainſt und ſo heiter, ſo frei und würdig erſcheinen. Ein⸗ heimiſche wie Fremde werden kaum ein anderes Repräſen⸗ tantenhaus mit ſolcher Genugthuung beſuchen können wie dieſes Palais de la Repréſentation am Park.— Auch ene Stunde in den Salons einer geſchloſſenen Société, in ſie ich durch den in Brüſſel coucertirenden Pianiſten Braſ⸗ ſin aus Leipzig eingeführt war, beſtätigte mir ſolchen Ein⸗ druck. Eine derartige Geſelligkeit wird man kaum wo an⸗ ders finden; bei uns in Deutſchland ſind die Verhältniſſe dafür zu kleinlich oder zu zerſplittert, in Paris wieder zu groß. Leſe⸗, Billard⸗ und Converſationszimmer ſind hier allabendlich geöffnet, in denen mehrere hundert Männer
ſich auf und ab bewegen. Alle Stände ſieht man vertreten,
Folge.
den Officier, den Beamten, den Ariſtokraten, den Kaufmann, den Künſtler. Der Anblick iſt der eines großen, elegan⸗
ten öffentlichen Etabliſſements, doch hat nur die beſtimmte
Zahl aufgenommener Mitglieder Zutritt. Das ſtattliche Gebäude gehört der Geſellſchaft ſelbſt, die in jeder Saiſon einige glänzende Bälle und Theatervorſtellungen gibt.
Speiſen und Getränke, die man zu ſich nimmt, ſind äußerſt
billig, weil Einrichtung und Bedienung vom Jahresbei⸗
trage beſtritten wird. Auffallend es mir, daß, außer den vielen Whiſttiſchen, gegen zehn Uhr ein Tiſch ſich ar⸗ rangirte, an dem, da hier das Hazardſpiel nicht verboten iſt, offen auf Onze et demi r tebhaft, wenn auch nicht gar zu hoch, pointirt wurde. Haltung und Lebhaftigkeit,
Alter und Jugend, Würde und Laune waren hier vereinigt,
wie wir das bei uns nicht kennen. In Deutſchland ſon⸗
dert ſich die Geſellſchaft gar zu ſehr, nicht nur nach den
Ständen, ſondern auch nach den Altersſtufen und dem ver⸗
ſchiedenen Tone des Umganges. Die hauptſächlich wür⸗
dige Geſelligkeit iſt bei uns ſelten recht amuſant, und die amuſante wieder ſieht ſich von der ſpecifiſch würdigen häu⸗ fig ausgeſchloſſen, ſo daß, wer Verlangen nach beiden hat, meiſt nur das Verlangen nach einer befriedigen kann.
Der Nachtheil natürlich iſt auf beiden Seiten.
Ein ſchönes Denkmal der politiſchen Erinnerungen Belgiens bilden im Palais de Juſtice zwei große hiſtoriſche Gemälde, die Abdankung Karls V. von Gallait und der Compromiß der Noblen von Bidfe. Beide Tableaux haben ihrer Zeit in Deutſchland Aufſehen gemacht. Der Gegen⸗ ſtand Gallait's iſt nicht ſo gewagt, wie es in des Meiſters
ſpäterem Gemälde der hingerichteten Grafen Egmont und
Horn der Fall war, und ſomit iſt hier der Anſtoß vermie⸗
den, den dort mancher an der Bewunderung der meiſter⸗ haften Ausführung nehmen wollte. Wenn dieſe an dem gegenüberhängenden Gemälde von Bièfe im Vergleich zu Gallait zurücktritt, ſo der.
ſehr
iſt dafür das Sujet um ſo ergreifen⸗ Unter den Noblen ſind ſehr intereſſante Köpfe, wenn
de Urſprung ihres folgen.
Nach der Angabe der heiligen Dichter der Hindu's haben dieſe Nädchen einen ſehr abenteuerlichen Beruf, eine Sage, die bekannt⸗ lich unſer Dichterfürſt benutzt hat. Nach ihnen wählte Schiwa, eine von den Perſonen der Dreieinigkeit der Hindu's, als er einſt dm Erde einen Beſuch abſtattete, Perſien zu ſeinem Aufenthalte. Er erſchien hier unter dem Namen Dewendren als ein mächtiger Najah und umgab ſich nach der Sitte der Großen des Morgen⸗ Umdes mit einer Menge der ſchönſten Mädchen. In ihrer Mitte
Berufes, ſo wie über die Art ihres Tanzes
fihrte er ein Leben voll Liebe und Glückſeligkeit, aber ſo ſehr er
uich Gott war, bedurfte er dennoch, um die Aufrichtigkeit der Mäd⸗ en zu prüfen, eines Mittels, deſſen auch gewöhnliche Sterbliche ſih ſchon oft bedient haben. Er ſtellte ſich nämlich, als ſei er ſter⸗ bmd, berief ſeine ſämmtlichen Mädchen zu ſich und verſprach, un ter ihnen die zu ſeiner Gattin zu wählen, welche ſchwören wollte ſich freiwillig zu opfern, wenn der Tod ihn abberufen ſollte.
Aber ſo lockend dieſe Ehre war und obgleich die Zahl der Lompetentinnen nicht weniger als 1100 betrug, fand ſich längere g'it nicht Eine der jungen Damen bereit den hohen Preis ſo ruer zn keranſen Lndh jedoch trat aus der Menge eine junge
zerin hervor und erklärte ſich z Opfer bereit. Sofor dibe Vermählund ärte ſich zu dem Opfer bereit. Sofort 3ib Dewendren den Geiſt auf. de jungfräuliche Witwe mit eigenen Händen einen Scheiterhaufen oim wohlriechenden Hölzern, legte die Leiche ihres Gatten darauf, nchm an deſſen Seite mtt eigener Hand den Scheiterhaufen an. Kaum aber loderten vin allen Seiten die Flammen praſſelnd empor, da erhob ſich De⸗
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gefeiert, aber ſchon wenige Stunden darauf Getreu ihrem Verſprechen errichtete
wendren von ſeinem Todtenlager. Mit lauter Stimme verkündete er der ehrerbietig ſtaunenden Zuſchauermenge ſeine Göttlichkeit, befahl, daß zu dem ewigen Andenken dieſer Begebenheit für den Tempeldienſt Tänzerinnen gehalten und ihr Beruf hochgeehrt wer⸗ den ſollte, ſowie daß ſie zum Beweiſe deſſen Dev adaſſis, d. h. Begünſtigte der Gottheit, zu nennen wären. Darauf ſchwang er ſich mit ſeiner Erwählten in die Lüfte und entſchwand den Blicken der ſtaunenden Menge.
Was nun den Charakter ihres Tanzes betrifft, ſo iſt derſelbe, der ziemlich allgemein verbreiteten Meinung zuwider, ungleich anſtändiger als der unſerer europäiſchen Ballettänzerinnen. Der Reiz ihres Tanzes beſteht nicht, wie bei unſeren Terpſichoren, un⸗ ſeren Fannys, Thereſen und wie ſie heißen mögen, in ungeheuren Sprüngen, in ſtaunenerregenden Gliederverrenkungen, in weitge⸗ ſpreizten Bewegungen der Arme und Beine. Ihre Stellungen und Bewegungen ſind anmuthig, graciös, decent. Sie ſuchen ihrem Tanze durch das ausdrucksvolle Mienenſpiel Charakter zu verlei⸗ hen, und beinahe die einzige Bewegung, die ſie mit unſeren Tän⸗ zerinnen gemein haben, iſt das wirbelnde Drehen des Körpers. Ihr Tanz iſt nicht eine bedeutungsloſe Zuſammenſetzung von
Sprüngen, von Arm⸗ und Bein⸗Spreizungen und Verrenkungen, ſondern eine plaſtiſch⸗mimiſche Darſtellung, deren Gegenſtand ent⸗ weder melancholiſches Schmachten, oder die Affecte der Freude, der Liebe, der Hoffnung, der Eiferſucht iſt.— Unſere Ballekdamen könnten viel von den Bajaderen lernen. a.
Platz und zündete muthig und entſchloſſen


