Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
343
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wie ſoß wie ſeh

V ſſchlechtes Beiſpiel für die Jugend, eine Verderberin der

Nr. 22.-

nach dieſer oder jener Seite zu ſchauen und mein Vergnü⸗

gen meiner Pflicht zu opfern.

Ich verließ ſie halb beſchämt. Sie hatte Recht; aber warum mußte ſie auch Lehrerin ſein! Wie garſtig für eine Frau ſich an Pflichten zu binden, die ſie feſſelten, als wäre ſie ein Mann! Wie unweiblich! Ihre Selbſtſtändigkeit, die mir bis dahin eine hohe Achtung eingeflößt, wollte mir heute gar nicht gefallen. Verſtimmt eilte ich zu meinen Patienten und fuhr dann auf das Land. Als ich in der Dämmerung das Haus wieder erreichte, trat mir meine Schweſter ſchon unter der Thüre, wie meiner wartend, ent⸗ gegen, und ich ſah es ihrem Geſichte an, daß ſie mir etwas Unangenehmes mitzutheilen habe.Du ſollſt ſogleich in den Comité kommen, ſagte ſie.Es iſt viel Nachfrage nach Dir geweſen. Die Herren müſſen Dich noch heute ſprechen.

Was haben ſie denn ſo Dringendes vor? fragte ich verwundert.Ich habe große Luſt ſie warten zu laſſen; denn ich bin ſehr müde.

Thue das lieber nicht, ſprach ſie begütigend.Den Gang machſt Du ſchon noch, und es iſt vielleicht doch gut, wenn Du ſie heute noch ſiehſt, bevor Fräulein Sturmvogel zu uns kommt.

So hat es auf ſie Bezug? Was iſt es denn? Nur heraus mit der Sprache!

Man will ihr kündigen, lieber Bruder, weil ſie ein

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Sitten ſei. Das ſagt man von ihr? Aber ich werde das micht hingehen laſſen. Man ſoll mir das beweiſen. Ereifere Dich nicht! Du richteſt nichts aus. Die Frauen hatten ſich das lange vorgenommen. Sie wollten ſie ſtrafen, weil ſie ſo viel klüger zu ſcheinen ſtrebe, wie ſie Alle. Sie können es ihr nicht verzeihen, daß ſie ſich in ihren Küchenzettel gemiſcht, gegen ihr Kuchenbacken geredet, die ſchlechten Zähne und die ungeſunde Farbe der Kinder

Dritte Folge. 343

auf deren falſche Ernährung geſchoben; kurz, ſie haſ⸗ ſen ſie, und ſie muß fort.

Sie ſoll aber nicht fort; denn ſie hat in Allem Recht, und was ſie getadelt, habe ich vorher allen Müttern ſchon hundertmal geſagt. Warum haben ſie mich denn nicht da⸗ für angegriffen?

Weil Du ein Mann und ein Arzt biſt, ſo halten ſie es für ihre Pflicht Dir nicht zu widerſprechen; aber be⸗ folgt haben ſie Deinen Rath noch nie, das weißt Du ſelbſt. Auch Du haſt tauben Ohren gepredigt.

Ich beſann mich einen Augenblick; dann eilte ich gra⸗ den Weges in die Wohnung von Fräulein Sturmvogel. Ich mochte wohl ſehr aufgeregt ausſehen, denn ſie ſah mich erſtaunt und forſchend an.Fräulein! begann ich und mußte einhalten, um erſt Athem zu ſchöpfen.Sie müſſen jetzt wahr gegen mich ſein und mir mit eben der Offenheit entgegen treten, die ich Ihnen beweiſe. Unſer Verhält⸗ niß zu einander muß noch heute eine andere und beſtimm⸗ tere Form annehmen. Sie müſſen mir ein Recht dazu geben, öffentlich als Ihr Vertheidiger zu erſcheinen. Wollen Sie das?

Ich weiß nicht, was Sie eigentlich von mir wollen. Faſſen Sie ſich! Beruhigen Sie ſich! Sie ſagen ſonſt viel⸗ leicht, was Sie nicht eigentlich ſagen wollen. Am beſten Sie warten bis morgen!

Ich mochte ſehr unzuſammenhängend geſprochen haben; wenigſtens war mir jetzt ſelbſt ſo, und ich ſetzte mich einen Augenblick und ſchloß die Augen.

Adele! begann ich dann,es muß unter uns klar werden. Wollen Sie meine Hand annehmen und mir eine Gattin, meinem Kinde eine Mutter ſein, ſo ſchlagen Sie ein!

Nie und nimmer! rief ſie entſetzt.

Ich ſpraug anf.Iſt mein Antrag Ihnen ſo empö⸗ rend, daß Sie davor zurückbeben? rief ich zornig.Ver⸗ diene ich eine ſolche Zurückweiſung von Ihnen?

u ſehn; allein tritt nun die holde Geſtalt einher ſo voll von Lieb⸗

deiz und Demuth, ſo wird er betäubt; richtet ſie die Augen auf hn(ihre Smaragde, wie ſie in der divina commedia genannt verden, woraus wir ſchließen wollen, nicht daß ſie grüm, ſondern daß ſie von hohem Glanze waren), ſo zittert ſein Herz, ſeine Pulſe ſtocken, er iſt ſeiner Sinne nicht mächtig. Seine Liebe iſt kein Geheimniß mehr; und ſo geſchieht es wohl, daß Damen ihn ächelnd fragen:Zu welchem Zwecke liebſt du denn dieſe Frau, da du doch ihre Gegenwart nicht ertragen kannſt? Doch da er hnen geantwortet hat, zeigen ſie mehr Mitleid mit ihm als Bea⸗ trice; wie man wohl Regen mit Schnee vermiſcht fallen ſieht o ſchreibt er alſo waren ihre Worte mit Seufzern untermiſcht. In dem Theile der vita nuova, wo Dante von Beatricens Tode handelt, kommt eine Stelle vor, die mir immer merkwürdig rſchienen iſt; er ſagt nämlich, über Beatricens Ende wollte er nichts ſchreiben, weil er ſonſt genöthigt wäre ſich ſelbſt zu loben. Sch finde in dieſen Worten eine Andeutung, nichtgerade daß ſie n vor ihrem Tode hätte zu ſich rufen laſſen, aber daß ſie auf dem Sterbebette ſeiner gedachte und ihm vielleicht einige freundliche Vorte ſagen ließ über die Lieder, welche er an ſie gedichtet hatte. Denn Jedermann in Florenz wußte, daß Dante's beſte Canzonen ind Sonette an Beatrice gerichtet waren, und ich möchte glau⸗ jen: ſo ſtreng ſie ſich ihm gegenüber bewies, war ſie doch keines⸗ vegs völlig gleichgültig gegen das Lob, das ihr in ſo ſchönen eiedern geſpendet wurde. Die Sonnette und Canzonen wurden ſchon bei Beatricens Lebzeiten als das Beſte in ihrer Art geprie⸗ ſen; denn man ſah es ihnen an, daß ſie von einem wirklichen Dich⸗ eer herrührten und daß ſie gerade in ſolchen Stunden entſtanden varen, wo wahre poetiſche Inbrunſt den Verfaſſer erfüllt hatte,

während die Dichter vor Dante nur zu oft das, was ihnen an

Wärme der Empfindung fehlte, durch künſtliche Blumen und

Schnörkel zu erſetzen ſuchten. Darum fragt ihn im 24. Geſange des Fegefeuers der Dichter Bonagiunta von Lucca: Biſt du's, der uns die neuen Reim' erfunden Durch jenes Lied, das überall klingt wieder: O Frauun, die ihr der Liebe Geiſt empfunden? Und ich zu ihm: Ich dichte meine Lieder, Wenn Amor mich beſeelt, und wie es drinnen Geſagt mir wird, ſo ſchreibe ich es nieder.

Zur Alterthumskunde.

Euphorion's Randelaber. Im Muſeum der Bronzen zu Neapel ſteht ein prächtiger, jin Pompeji ausgegrabener Kandelaber, der Ferdinand Gregorovius die Anregung zu ſeiner reizenden DichtungEuphorion(Leipzig,

F. A. Brockhaus, 1858) gegeben hat. Der Dichter ſelbſt ſchildert

das Kunſtwerk, an das ſeine Erzählung ſich anknüpft:

Sieh', auf Klauen des Leu'n, wie erglänzte die ſunkelnde Baſisz Mächtig und glatt; drin konnte ſich wohl abſpiegeln ein Mädchen. Sieh' um den zahnigen Rand wie ſo fein doch rankte des Weinſtocks Silbergezweige, wie hob ſich daneben der flammende Altar Sauber und ſchön, doch ihm genüber das reizendſte Bildwerk.