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dere ich weder von Ihnen, noch von irgend einem andern Menſchen auf der ganzen Erde.“— Sie war leichenblaß geworden und ſank jetzt, ganz erſchöpft, auf den nächſten Stuhl
„Sie ſind krank,“ ſagte ich.„In Ihrem Alter kann nan unmöglich auf dieſe Art ſchon mit dem Leben ab⸗ ſchließen, das ja recht eigentlich erſt für Sie beginnt.— Was Sie auch betroffen habe, Verluſte welcher Art auch jetzt im Stillen von Ihnen beweint werden: die Zeit iſt
ine wunderbare Tröſterin, und außerdem traue ich Ihnen ſo viel geſunden Sinn zu, um mit der Vergangenheit ab⸗ ſchließen zu können.“
„Wie Sie reden!“ verſetzte ſie den Kopf unmuthig auf⸗ werfend.„Da Sie nicht wiſſen um was es ſich handelt, ſo können Sie natürlich auch nicht urtheilen; denn alle Ihre Vorausſetzungen paſſen durchaus nicht auf mich. Ja, wenn es kein Gedächtniß gäbe!— Dann fehlte uns aber auch die Hölle, und die ganze Poeſie des Fegefeuers, der Himmel mit ſeinem Lohn und ſeiner Strafe wäre uns ver⸗ lloren.— Wie kann man mit ſeiner Vergangenheit ab⸗ ſſchließen, ſo lange die Gedanken da ſind, deren Flug kein Wille je zu zügeln vermochte!— Arbeit allein iſt die ein⸗ zige Panacee, Arbeit, bis der Körper zuſammenbricht und idas unbewußte Traumleben uns momentane Ruhe gibt.— Die Arbeit ſei darum mein Begleiter durch das Leben, nur ſſie will ich zum Freunde.“
Sie ſtürzte aus dem Zimmer und ich blickte ihr lange gedankenvoll nach.— Klangen ihre Worte nicht wie Schuld? Schuld auf dieſem Engelsangeſichte!
Als ſie wiederkehrte, verriethen ihre Augen die Spuren wergoſſener Thränen. Ich ließ meinen Schlitten vorfah⸗ ren und fuhr mit ihr hinaus auf die Felder, was ihr ſtets ein beſonderes Vergnügen verurſachte. Der Mond warf eben ſein falbes Licht auf die Landſchaft, die ganze Narur ruhte wie erſtarrt unter dem kalten weißen Wintermantel, die Sterne leuchteten ſo matt, Feld und Wald lag verein⸗
Dritte folge.
341 ſamt da, die Erde ſchien wie ausgeſtorben. Ein kalter Wind pfiff über die Flur. Sie hüllte ſich feſter in ihren Mantel und dankte mir, daß ich ſie hinaus geführt; denn hier werde ihr wohl, gegenüber dieſer Oede und Kälte fühle ſie wohlthätig den Pulsſchlag des eigenen Herzens, und ihre Bruſt erweitere ſich in dem Bewußtwerden der Größe der Natur und der kämpfenden Elemente. Krieg, Krieg ſei überall das Loſungswort.
„Sie lieben den Frieden nicht, Adele!“ bemerkte meine Schweſter halb vorwurfsvoll.„Sie müſſen kämpfen und überwinden.“
„Oder auch überwunden werden,“ verſetzte ſie ſcherzend. —„Wenn wir unſer Schiff auf ein bewegtes Meer bringen, ſo müſſen wir gewärtig ſein, daß ein Windſtoß es an Klippen zerſchelle. Ebenſo geht es uns mit unſern Lei⸗ denſchaften. Wir ſpielen mit ihnen, ſie ſpielen mit uns, bis ein unbewachter Augenblick uns das Ruder aus der Hand nimmt. Dann erſt ſehen wir die Gefahr, die wir vorher kaum ahnten, und mit dem Sehen iſt auch ſchon die Reue da.“
„Die uns anerzogen wird, glaube ich; denn nur da, wo unſer Gewiſſen uns verdammt, dürften wir doch eigent⸗ lich bereuen,“ ſagte ich.
„Gibt es denn ein Gewiſſen?“ fragte Adele halb ſpöt— tiſch zurück.„Iſt denn eine ſolche Stimme uns wirklich angeboren?— In dem Falle wohnt ſie freilich nur dem weiblichen Theile der Schöpfung inne; denn bei den Män⸗ nern habe ich dies läſtige Etwas ſtets vermißt.“
„Iſt das Ihr Ernſt?— Streiten Sie uns dieſen in⸗ nern Richter der Gedanken wirklich ab? Und mit welchem Rechte?“
„Beobachtung und Erfahrung haben mir gezeigt, daß die Männer keinen ſolchen Plagegeiſt beſitzen. Selbſt der Rechtlichſte von ihnen weiß von keinem Unrecht, ſobald ſein Sündigen in das Bereich der Gefühle gehört, wo die Stimme des Gewiſſens am lauteſten ſprechen müßte. Weil
ner Bürger, Herr Folco de' Portinari, ſeine Nachbarn bei ſich zu
Spiel und Tanz verſammelt; darunter befand ſich auch Nachbar Allighieri mit ſeinem Sohne Dante, der damals am Ende ſeines ueunten Lebensjabres ſtand. Dante erblickte nun hier unter den übrigen Kindern die Tochter Folco's de' Portinari, welche ſo eben lr achtes Jahr vollendet hatte: ſie hieß Beatrice, wurde aber in chrer Familie mit einer häßlichen Abkürzung gewöhnlich Bice ge⸗ nannt. Sie trug ein rothes Kleid und war geſchmückt, wie es hrem kindlichen Alter anſtand.
Darf man ſich wundern, daß nun, wie es hier geſchah, dies Kind auf ein anderes Kind einen ſo tiefen Eindruck machte? Ich veiß es nicht' jedenfalls ſind wir Menſchen ja nicht Einer wie der Andere organiſirt, und in Italien wehen andere Lüfte als bei uns.
Ich will mit Dante's Worten reden, wie es in der vita nuova ſeht:„Bei dieſem Anblick geſchah es— alſo ſage ich der Wahr⸗ zeit gemäß— daß der Geiſt des Lebens, der in der tiefſten Kam⸗ ner meines Herzens wohnt, heftig zu erzittern begann und dieſe Vorte ſprach: Siehe da ein Gott, der iſt ſtärker als ich; er kommt
lumd wird über mich herrſchen.“ Doch hat er damals nicht ein Bort mit Beatrice geſprochen.
Dantes fernere Jugend verfloß unter fleißigen Studien. Seinen Vater verlor er früh; aber ſeine Mutter, Donna Bella, iberwachte des Sohnes Ausbildung in vortrefflicher Weiſe. Auch r Bologna auf der Univerſität brachte er längere Zeit zu. Oef⸗ ers hatte er Beatrice aus der Ferne geſehen; aber erſt nachdem zeun Jahre ſeit jener Frühlingsfeier verfloſſen waren, da ſie im Imfange ihres achtzehnten Jahres ſtand, geſchah es, daß ſie ihn Lm erſten Male grüßte, und es war dies— ſo ſagt er ausdrück⸗ lch— das erſte Mal, daß ſie überhaupt Worte an ihn richtete
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Sie begegnete ihm weißgekleidet, in der Mitte zweier älterer Da⸗ men. Er ſagt:„Sie wandte die Augen dorthin, wo ich in großem Zagen ſtand, und grüßte mich ſo huldvoll, daß ich auf dem Gipfel aller Seligkeit war.“ An dem Tage, da dies geſchah, verfaßte er das erſte Sonett, welches uns erhalten iſt; und es war ſeitdem ſein höchſtes Glück, von ihr gegrüßt zu werden. Er ſagt ſelbſt:
„Wenn ich ihr begegnete und boffen durfte, daß ſie mich grüßen
würde, ſo hatte ich keinen Feind mehr. Ich war in einer Stim⸗
mung, um Jedem zu verzeihen, der mich je beleidigt hatte.“ Weiter erzählt Dante in der vita nuova, er hätte ſich gehärmt
— worüber, ſagt er nicht genau; ich glaube jedoch darüber, daß
Beatrice ſich verheirathete— und wäre ſo ſchwach und hinfällig
geworden, daß ſeine Freunde über ſein Ausſehen bekümmert waren.
Man brachte ihn wohl dahin, daß er ungefähr ſagte, was ihm fehlte; doch nannte er Beatricens Namen nicht, ſonder n war viel⸗ mehr darauf bedacht, den wahren Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft
vor Jedermann zu verbergen. Da fiel es ihm einſt ein, eine andere junge Dame, die er in einer Kirche geſehen hatte, in Gedichten zu feiern. Sie war, wie er ſelbſt ſagt, eine Dame von edler Abkunft und ſehr gefälligem Aeußern.„Ich gedachte(ſo ſpricht er) mir aus dieſer Dame einen Schirm der Wahrheit zu machen“— uno schermo della verità— damit man nämlich nicht entdecken möchte, daß eigentlich Beatrice gemeint wäre. Und in der That, nun glaubte Jedermann ſein Geheimniß zu kennen. Das dauerte ſo mehrere Jahre.
Es möchte etwas arg erſcheinen, daß er dieſe junge Dame ſo lange Zeit bloß als Schirm benutzte; allein ich glaube, ſie war V ihm mehr als ein Schirm. Denn er ſagt ſelbſt, daß er nun geſund und heiter wurde. Auch erzählte er: als ſie Florenz verlaſſen hätte,


