Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
339
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V. Jun[Nr. 22.]

nterliegen, mpf beſtehn, n verwehn.

Meiſter ſiegen,

her leſen aocueden, jeben

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Die neue Lehrerin. Aus der Wirklichkeit

V Amely Bölte.

(Schluß.)

Fräulein Sturmvogel bemerkte nicht, oder ſchien nicht (au bemerken, in welcher Ungunſt ſie bei den Frauen ſtand, und ich verbot meiner Schweſter ihr ein Wort zu hinter⸗ bringen. Da ſie nie in einem kleinen Orte gelebt hatte, miochte ihr die kleinliche Denkungsweiſe der Leute zu fremd ſein, um ſie zu verſtehen; wenigſtens legte ich mir ihr Be⸗ tragen ſo aus, da ſie ſtets gleich freundlich war und nie tüne Empfindlichkeit zeigte. Alle kleinen Pfeile, wie ſcharf ſie ſein mochten, ſchienen an dem Panzer ihres guten Be⸗ wußtſeins abzuprallen. Der neue Curſus begann, und trotz der ſich ſteigern⸗ den Unzufriedenheit hatten die Damen noch immer nicht ewagt, eine directe Klage einzureichen. Ich war Vorſtand, und bei mir fanden ſie kein Gehör; ſich an Fräulein Sturm⸗ wogel zu wenden, hatten ſie kein Recht. Thaten ſie es, ſo beleidigten ſie mich. Jetzt meldeten ſich zwei junge Da⸗ men, welche zu Oſtern Stellen als Erzieherinnen ſuchten, und baten dem Unterrichte beiwohnen zu dürfen. Von ſolcher Erlaubniß ſtand nichts in unſerm Contracte, ich werwies ſie daher an die Lehrerin, und dieſe geſtattete es inen, ſich erbietend, ihnen noch außerdem den Mittwoch und Sonnabend Nachmittag eine Privatſtunde zu ertheilen. Sch bat Fräulein Sturmvogel davon abzuſtehen, weil es ſie ungreifen werdez aber ſie erwiderte, man müſſe dem An⸗ zern thun, wie man wünſche. daß uns geſchehe, und dieſe Rädchen ſollten ihre Exiſtenz auf ihre Kenntniſſe begrün⸗ den. So begann denn der Lehrcurſus für die Lehrerinnen, hem meine Schweſter ebenfalls beiwohnte. Einige Wochen zergingen, da wurde es im Orte bekannt, daß ſie ihre freien Stunden ſo benutze, und ſtatt ſie deshalb zu beloben, fan⸗ den die Damen nur erneueten Grund zur Klage. Der Sinen hatte ſie es abgeſchlagen, ihrer Tochter eine Pri⸗ zatſtunde in der Muſik zu geben, der Andern, die Ausar⸗ leitungen ihres Sohnes zu überwachen, und die Dritte wollte nun gar mit ihr ſpazieren gehen.Iſt ſie denn icht Herrin ihrer Zeit? fragte ich unwillig.Soll ſie kenn um Erlaubniß fragen, was ſie mit den Stunden an fangen will, die ihr gehören? Das nicht! Aber man ſieht doch, wie wenig Antheil ſe an uns und unſern Kindern nimmt. Solchen ihr

ganz fremden Mädchen widmet ſie ſich unentgeltlich: denn mit ihnen kann ſie über Anatomie reden, wovon wir An⸗ dern freilich nichts verſtehen. Denken Sie nur, daß ſie neulich meinem Manne angerathen, er möchte Moleſchott's Werk über die Nahrungslehre mir zur Weihnacht ſchenken, damit ich meinen Küchenzettel dem entſprechend einrichte! Ich mußte laut lachen, als er mich darüber ausforſchte. Eine gelehrte Küche werde ich ſicher nicht führen, darauf kann ſich mein Mann verlaſſen. Wenn er in ſeinem Kopfe keine Gedanken hat, ſo wird er ſie aus dem Phosphor nicht ſchöpfen, welchen ich ihm vorſetze. Lieber mag er ein Bündchen Schwefelhölzchen in ſeinen Wein ſtecken. Sie belachte ihren eigenen Witz.

Frau Bürgermeiſterin, verſetzte ich etwas gereizt, ich bin der Meinung nicht, daß Damen auf ihre Unwiſſen⸗ heit ſtolz zu ſein brauchen. Wir Aerzte wünſchen, daß die Frauen ſich Kenntniſſe erwerben, welche ſie befähigen für das Wohlbefinden ihrer Familie mit Einſicht zu ſorgen. Niemand ſollte daher die Mittel zum Zwecke zurückweiſen.

Unſere Großmütter waren auch geſund und wußten nichts von Moleſchott, bemerkte ſie ſpöttiſch.Die Er⸗ fahrung bleibt die beſte Lehrmeiſterin.

Wenn man auf ſie hört; ja dann. Aber das ge⸗ ſchieht nur nicht. So wiſſen Sie z. B. Alle, daß Kuchen ſchädlich iſt, und backen ihn doch wieder und wieder, um ihren Kindern ſchlechte Zähne und Magenkrämpfe damit zu geben. Dann ſoll der Arzt heilen. Wie aber kann er das, ſo lange die Urſache zu dem Uebel nicht vermieden iſt? Darum wünſche ich den Frauen die Einſicht, welche die Folgen zu berechnen befähigt. Sie ſollen dem Krankſein vorbeugen lernen und dadurch geſunde, glückliche Menſchen heranziehen.

Das iſt alles recht ſchön geſagt, aber weniger leicht gethan. Wir Hausfrauen haben keine Zeit dazu immer nachzudenken, ob der Biſſen, den wir unſern Kindern reichen wollen, ihnen geſund ſei oder nicht. Das kommt wie es kommt. Was gerade da iſt, das müſſen ſie eſſen. Und dann dies viele Spazierengehen, wozu Fräulein Sturmvogel unſere Kinder antreibt, und dies viele Baden, das ſie fordert, mag recht gut ſein für reiche Leute; aber in unſere Verhältniſſe paßt es nicht. Wir haben keine Zeit dazu.

Sagen Sie das nicht, denn es iſt kein wahrer Grund dagegen, verſetzte ich ſtrenge.Sie haben Zeit in einen Damenkaffee zu gehen, und wäre es möglich, ſo möchten täglich ſolche Klatſch⸗ und Kuchenfeſte ſtattfinden zum Wohl der Aerzte und Apotheker; ein Spaziergang mit Ihren Kindern würde Sie nicht halb ſo lange in An⸗ ſpruch nehmen. Und was das Baden betrifft, ſo han⸗