V
326
Novelſſen⸗Zeitung.
[(IV. Jahrg.
die Poſt mich ja ganz gut an den Ort meiner Beſtimmung mit den Anſichten der modernen Pädagogik vertraut g9
führen konnte?“
Sie hatte vollkommen Recht.
„Ich bin der Doctor Oberaus,“ ſagte ich nach augen⸗ blicklichem Beſinnen,„und wünſche auf dem Wege mit Ihnen über Ihre neue Lage zu ſprechen und Sie auf die Vorurtheile vorzubereiten, denen Sie zu begegnen haben.“ Ich hatte dies leiſer geſprochen, ſo daß nur ſie mich ver⸗ ſtehen konnte.
„Vorurtheile?“ ſagte ſie,„ſchon Vorurtheile, und man kennt nur erſt meinen Namen? Welch eine ſonderbare Welt!“
Zugleich hatte ſie ſich erhoben und meine Hand zum Ausſteigen angenommen, worauf ich ſie ohne Verzug an meinen Wagen führte und mit ihr fortfuhr.—„Was weiß man denn von mir?“ fragte ſie, ſo wie wir den klei⸗ nen Ort hinter uns hatten.„Oder was behauptet man zu wiſſen?“
„Gar nichts weiß man,“ erwiderte ich.„Das iſt aber grade das Schlimme. Man fürchtet, daß Sie dem Her⸗ kömmlichen ungetreu, daß Sie eine emancipirte Dame ſind.“ Und nun ſchilderte ich ihr die Geſellſchaft des Or⸗ tes, die Perſonen, mit denen ſie in Berührung treten ſollte, und die Anſichten der Damen über das, was in ihren Augen weiblich, ſchicklich und anſtändig. Die neue Lehre⸗ rin lachte einige Male recht herzlich und ich mußte mir geſtehen, daß ich mich lange nicht ſo gut unterhalten. Ich. durfte ihr gegenüber frei aus mir herausgehen, was ſeit meinen Studentenjahren nicht der Fall geweſen, ich durfte mich über die kleinen Anſichten und Meinungen ſtellen, denen ich ſonſt im Leben ſcheinbar huldigen mußte.— Sie kannte die Welt, ſie hatte einen Winter in Leipzig zuge⸗ bracht und theilte mir ſo manches, was ſie dort erfahren, mit, wofür ich das lebhafteſte Intereſſe empfand. Sie war bei Friedrich Fröbel in Liebenſtein geweſen und hatte ſich
macht.— Eine neue Welt eröffnete ſich vor mir.
„Wie werden Sie in dieſer Abgeſchiedenheit leben können?“ fragte ich endlich, indem ich den Blick auf dan kleinen Ort vor uns und die große weite Welt da draußen warf.„Wie werden Sie dies Stillleben ertragen?n
Sie lächelte.„Beſchäftigung und Gedanken werden meine Zeit hinreichend ausfüllen,“ verſetzte ſie dann mit dem ſanften Ausdruck der Reſignation in ihren Zügee
„Daß Sie in Ihrem Alter keine weitern Anforderungen an das Glück machen, nimmt mich Wunder,“ ſagte ich kopſ⸗ ſchüttelnd;„denn es ſcheint faſt undenkbar, daß Jugend und Schönheit ſich nicht andere Feſſeln ſchmieden ſolltent als die des Lehrfaches.“—
Sie ſah mich mit einem ſeelenvollen Blicke an. glaube Ihnen das,“ ſagte ſie dann.„Es ſind auch erſt zwei Jahre, ſeit ich dieſen Weg betreten. Früher hatte ii wohl andere Pläne für meine Zukunft.“ Sie ſah vor ſih nieder und ein leiſer Seufzer ſtieg aus ihrer Bruſt alf Ich bemerkte jetzt erſt, daß ſie ganz ſchwarz gekleidet wan wagte aber doch die Frage nicht, ob ſie um Jemand Traun trage. h
Wir fuhren nun in die Stadt ein, und da es bereitt dämmerte, ſo bemerkte es Niemand, daß ich ſie in ihre Wohnung, die meinem Hauſe nahe lag, abſetzte und ihre Zimmer aufſchloß, zu denen ich den Schlüſſel bei wür fühtte Ich bat ſie nun ſich etwas auszuruhen, in einer halben Stunde würde ich meine Schweſter ſenden, um ſie zu mit zu führen, damit ſie den Thee mit uns einnehme, da ihr „Haushalt ihr ja noch nichts biete.— Sie nahm meinen Vorſchlag dankend an, und ich ließ ſie nun allein, um eilig noch ein paar Kranke zu beſuchen. Stunde nach Hauſe kam, fand ich ſie bereits neben meinen Schweſter auf dem Sopha ſitzend, meine kleine achtjährigt Clara zu ihren Füßen, das lockige Haupt gegen ihre Knien
feierlich⸗affectirtem Tone geſprochenen Rede empfahl ſie den„be⸗
ſcheidenen Neuling“ ihrer Gunſt. Die größte der jungen Damen und, wie es mir ſchien, die erſte und vornehmſte, eine Gräfin Ho⸗ henfels, die ſich ſo gerade hielt, als ob ſie ein Bret im Rücken habe, bewillkommnete mich und begann dann mich in folgender Weiſe auszufragen:„Ob ich in der Hauptſtadt wohne?— wo? — vielleicht in der Wilhelmsſtraße? Nicht. In der Nähe des Thiergartens? Auch nicht! Vielleicht am Carlsplatz oder in einer der nächſten Straßen, einige derſelben ſeien auch noch anſtändig. In welcher unſer Haus läge?“ Ich murmelte„Kreuzſtraße.“ „So, hem! wo dieſe ſei?“— fuhr mein Quuälgeiſt fort. „Hoffentlich in der Friedrichsſtadt? Nein? wie, neben der Ritter⸗ ſtraße! Ritterſtraße!! all' dieſe Gegenden wären ihr unbekannt.“
gehe?“
„Nein,“— erwiderte ich in meiner Unſchuld,„aber Papa geht zuweilen hin', wenn er Geſchäfte dort hat.“ Meine Antwort rief ein ſchallendes Gelächter, Achſelzucken und Ausdrücke:„o wie einfältig!“— hervor, während Blicke des Mitleids auf mich fielen. „Ich fragte, ob Ihr Mama an den Hof gehe, d. h. ob ſie von Sr. Majeſtät zur Cour befohlen werde,“ fuhr Gräfin Hohenfels fort,„meine Mutter darf dort erſcheinen, und ich ſelbſt werde durch die Herzogin von Mecklenburg⸗Strelitz vorgeſtellt werden, ſobald ich die Penſion verlaſſen habe.“ Bei dieſen Worten richtete ſie ſich noch gerader und warf den Kopf ſo hoch, daß ich glaubte, er würde die Decke des Zimmers berühren und niemals wieder in ſeine natürliche Stellung kommen.„Wie kamen Sie geſtern an?“ begann die Fragende von Neuem.
„Im Omnibus,“ vief die gottloſe Fanny Scharf und rannt ſchnell davon.„Nein, ich weiß wie ſie kam„entgegnete eine der Schönheiten—„ich war am Fenſter des Viſitenzummers und ſah
ſie vorfahren in einer Droſchke mit einem Pferde.“ Nun kicher⸗
ten ſie wieder Alle, und ich fühlte mein Geſicht immer röther wer⸗
den von dem aufſteigenden Zorn. e Weiter wurde ich gefragt:„ob mein Alter(wahrſcheinlich
ſollte es Papa bedeuten) zu Hauſe wohne?“„Natürlich.
ſollte er wohnen,“ entgegnete ich.„Nun, manche Leute haben e
Geſchäft in einer belebten Gegend, und die Familie lebt in einet
abgelegenen Straße. Der Laden(und wieder lachten ſie ſpöttiſch)
Als ich um die achte
N A.
„J
darf nicht vernachläſſigt werden.“„Seien Sie nicht unverſchämf
Fräulein Eckhardt,“ unterbrach die Comteſſe die zuletzt Spri⸗ chhende und affectirte eine ernſte würdevolle Miene—„jegliche
Weiter ging das Examen:„Ob meine Mama an den Hof Perſönlichkeiten und Bezüglichkeiten ſind unfein, und wer weiß⸗
ob des Fräuleins Vater ein Krämer iſt. Sagen Sie, meine Liebe, welches iſt Ihr Stand?“„Ich— ich— habe keinen,“ antwortel ich zitternd, aus Furcht wieder verhöhnt zu werden.„O Himmelt welche göttliche Unſchuld“— ſagte die Vornehme ihre Hände zu⸗ ſchlagend—„nicht Sie— Ihr Vater, Kind.“„Ach ſo, Pah⸗ er iſt Commiſſionair.“—„Was? Commiſſionair, was in alli Welt iſt das?—„Ich weiß es,“ rief die junge Dame, welch über mein Kommen berichtet hatte,„es iſt ein Gewerbe; wie 0 hörte ich, daß Papa ſeinem Commiſſionair befahl zu kaufen und loszuſchlagen.“—„Nein, nein“— rief ein kleines Mädchen mi einer aufgeworfenen Naſe—„ich weiß es beſſer; ſie verkaufen alte, verlegene Waarenvorräthe„ die bei dem Bankerott oder von der Aufgabe eines Geſchäfts übkig bleiben, ſie ſind eine Art Trodlat. „Unter jeder Bedingung gehören ſie zu keinem Stande, ſonder
1
gehit. Gryppe, De „Sieſt ſagteſt meinen Papal und ſe ganz: vogel Herr ich m.
nitge it, mer Seit ſom erfors mein doch reden
3 haltum meine ſich of müthl dig fan
ſechs, nen zu gerad das ſache — treibe nach Naſem thend deſten gleich unver Fann Minne
nach Augan


