324
virte. Trotzdem beharrte ich bei meinem Streben nach dieſer Richtung hin. So ſchwanden die Jahre, ohne daß mir bemerkbar ward, wie raſch die Zeit entfloh.— Keine Leidenſchaft hatte je meine Bruſt bewegt, in mir war es ruhig und ſtill, dem Meere gleich, deſſen Oberfläche keine Welle kräuſelt, bis der Sturm es in ſeinen Tiefen auf⸗ wühlt.—
5 Arzt in der Familie ſoll, meines Bedünkens, einem Beichtvater gleichkommen. Ich hatte mir darum zur Auf⸗ gabe gemacht der Vertraute meiner Patientinnen zu ſein. Sie ſollten in mir den Freund ſehen, vor dem ſie ihr gan⸗ zes Herz ausſchütteten, dem alle ihre Sorgen und Leiden von Intereſſe waren, und wo mir dieſe Stellung ward, konnte es denn auch nicht fehlen, daß man mich in Bezug der Kinder zu Rathe zog.
Es iſt ſehr ſchwierig an einem kleinen Orte den Töchtern einen geeigneten Unterricht zu verſchaffen, und als es ſich jetzt darum handelte für die kleinen Mädchen der erſten Fa⸗ milien eine gemeinſame Schule einzurichten, ſo erwählte man mich zum Vorſtand eines Comité, das über die Wahl einer Lehrerin und die Stunden des Unterrichtes zu ent⸗ ſcheiden hatte. Es war dies für die kleine Stadt eine ſehr wichtige Begebenheit, und lange Zeit machte es das Ge⸗ ſpräch des Tages aus. Sobald ich mich nur auf der Straße ſehen ließ, lief mir Jemand in den Weg, der eine Frage über dieſen Gegenſtand an mich richten wollte, ein Jeder hatte eigene Wünſche, eigene Anſichten auszuſprechen, und ich ſah bald ein, daß es eine Sache der Unmöglichkeit ſei Alle zufrieden zu ſtellen. Ich beſchloß daher meiner eigenen Anſicht zu folgen, der die Uebrigen dies Mal nach⸗ geben ſollten.
Ich hatte mich in der letzten Zeit viel mit den Beſtre⸗ bungen der neuen Pädagogik beſchäftigt, alle Broſchüren über das Turnen der Mädchen, die ſchwediſche Heilgymna⸗ ſtik, die Blutarmuth und Bleichſucht und was darauf Be⸗ zug hatte geleſen und war ganz mit Bock einverſtanden,
So dachte ich denn das An gemeſſenſte zu thun, wenn ich einen Aufruf in den öffent lichen Blättern ergehen ließe, daß Damen, welche dem Be rufe einer Lehrerin in dem Sinne von Fröbel und Bock ge⸗ nügten, ſich melden ſollten, um zu erfahren, unter welchen Bedingungen dieſe Stelle hier zu erhalten ſei.
Das Comité war mit dieſem Schritte einverſtanden, ſämmtliche Damen dagegen ſchüttelten die Köpfe.—
Es iſt unglaublich, wie ſchwer man ſich an einem kle nen Orte an das Neue gewöhnt und mit dem Geiſtte der Zeit Schritt hält. Dies Mal ließ ich mich indeſſen nichl überſtimmen. Ich war entſchloſſen, was ich in der Theo⸗ rie billigte, auch praktiſch ausgeübt zu ſehen, und ich ie⸗ klärte den Müttern, daß ſie meinem Urtheile nachgehen müßten, weil ich hier ja in doppelter Geſtalt, als Vaen und als Arzt, aufzutreten habe.
Im Verlaufe einer Woche liefen mehrere Geſuche in und unter dieſen auch ein ſehr ſchön geſchriebener Buiſ⸗ von einer Dame mit einem Zeugniß von Profeſſor Bat⸗ worin dieſer ſagte: daß ſie bei ihm die Anatomie ſtudi und bei Fröbel den Curſus einer Kindergärtnerin dußchen macht. Ganz vergnügt über dieſen Erfolg ließ ich di Comité zuſammenrufen und trug ihm die Sache vun Man ſprach lange hin und her; das Ende der ganzen Vie⸗ handlung war, daß Jeder mit ſeiner Gattin Rath pflegmn wollte. Das ſchien mir gefährlich, denn ich kannte die Einfalt der lieben Ehehälften. Wußten die Männer ſchon kaum, wer Bock und Fröbel wären, ſo kannten die Fraum deren Namen ſicher nicht, und hörten ſie von Anatomie, ſo ſträubte ſich ihr Zartgefühl gegen dieſe Kenntniß des di⸗ genen Körpers und ſie bebten vor einer Candidatin zurück, welche den Stempel ſolcher unweiblichen Kenntniſſe an der Stirne trug. Ich trat daher mit der Erklärung vor, daß die Sache ſogleich entſchieden werden müſſe.— Das Zeuz⸗ niß dieſer Dame erweiſe ſich befriedigend, entweder alſe
Feuilleton.
—6
Ein erſter Tag in der Penſion*).
O, meine theuerſte Nina, ich bin in eine Klemme gerathen, aus der ich nicht herauszukommen weiß. Ich möchte fortlaufen, doch alle Thüren ſind verſchloſſen, und überdies brächte Mama mich wieder hierher zurück, wenn ich wirklich entwiſchte. Denke nur, daß die niedrige Frau—(Du weißt, wen ich meine) alle Briefe öffnet, und daß ich es erſt erfuhr, als ſie ſchon im Beſitz des meinigen war. Fräulein Scharf(die verſprochen hat dieſen Jemand zu geben, der ihn verſtohlen in den Briefkaſten tragen will) ſagt mir, daß jedes Wort, das wir nach Hauſe ſchreiben, jede Zeile, die wir von dort erhalten, durchſpionirt und mancher Brief zurückgehalten wird, wenn er nicht den vollen Beifall der Frau Vorſteherin hat. Das iſt ja eine liebe Dame! Ich wundere mich, daß ſie ſich nicht vor ſich ſelbſt ſchämt! Ein prächtiges Vorbild für uns junge Mädchen, ſie, die uns lehrt anderer Menſchen Ge⸗ heimniſſe zu erſpähen. Fanny(ſo heißt Frl. Scharf) will aber auch mit ihrem Vater darüber ſprechen. Er iſt Advocat, und ſie
*) Aus der Penſion. Frei nach dem Engliſchen des H. Mayhew von Sorie Verena. Verlin,Alg. Deutſche Ver iſcenden 1Dde henswen ter Brief.
hat ihn oft ſagen hören, daß eine harte Geldbuße als Straſt dät⸗ auf ſteht, das Siegel von anvertrauten Papieren zu erbrechen. Es wäre ein köſtlicher Spaß, wenn die Vorſteherin ſo einie Hundert Thaler bezahlen müßte! Nach meiner Anſicht geſchä ihr ganz recht... 1 Und dabei ſagt ſie noch, ſie läſe nur die Unterſchriſten der Briefe, um zu ſehen, von wem ſie kämen, damit ſich keine unge laubte Correſpondenz einſchliche. Ja, wer das glaubte! Wn kommt es denn, daß ſie Alles, aber Alles weiß, was in unſert Familien vorgeht, wenn ſie nicht unſere Briefe lieſt? O Schand, ich kann es ihr nicht vergeben, ich glaube, ich kann der niedei Perſon niemals wieder voll ins Antlitz ſehen. Jetzt, Rina ai ich Dir von meinem ferneren Ergehen erzählen, wer weiß, d
ſchmuggeln. Als wir zum Frühſtück kamen, ſaß Frau Wuner 1 lin bärde und Glorie aörühftien Ende des Tiſches auf dinen erhöhten Sitze. Jedes Mädchen ging zu ihr hin, eine Verbeugund zu machen und„souhaiter le bon jour madame“ und um i 4 es iſt ein Factum, Nina— ihre Zähne und Nägel zu eigne Fanny ſagte mir, das geſchähe, um uns zu lehren dieſelben im
——
wieder eine ſo günſtige Gelegenheit findet einen Brief hinauszu- 8
ſcharf und ſpitz in gutem Vertheidigungszuſtande zu erhaften, d
1
*
pflichte n
dge w Da brechen man e ſollte So ſa 3 rück, mir. auch; nicht die S gegen es fe Sitte zonen gleich davon ab, u Zeit T endlie fel ni denen in ihr ſern B Rä bis en Antun Cuyfe ſtürze lein durch — ſie ja woht geſche wären lunge 9 vollen ſchäm und d unwil ſtellte bald 1 len w ſchäfn enn und A lang g


