Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
323
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nir erworden

ſchwendet⸗

Dritte Folge.

Rovellen-Zeitung.

Die neue Lehrerin.

Aus der Wirklichkeit von

Amely Bölte.

Oaſen gleich ſchauen die kleinen Städte des flachen kamdes an den Küſten der Oſtſee aus der Landſchaft hervor. bimſam liegen ſie da, von Wäldern und Feldern umgeben, uuff denen nur zu gewiſſen Zeiten des Jahres fleißige Hände ſch regen. Auf der Landſtraße fährt täglich eine Poſt⸗ utſche hin. In den Straßen der Stadt ſpielen nach been⸗ Ugtem Schulunterrichte die Kinder.

Ich entſinne mich noch, als wäre es heute, des Tages, o ich zum erſten Male am Horizonte den viereckigen Churm mit ſeiner ſtumpfen Spitze und bald darauf, aus den Walde biegend, den Ort vor mir auftauchen ſah, wo ih, aller Wahrſcheinlichkeit nach, mein Leben beſchließen ſllte. Damals beengte es mir das Herz; jetzt denke iche

ich ſie näher beleuchte; denn das Gedächtniß hat kein Im⸗ mergrün, weder für die Freude noch für den Schmerz, und nur Thatſachen verzeichnet es auf ſeinen Tafeln. Ich habe wenig erlebt, ich bin an äußern Erlebniſſen arm zu nennen. Doch gibt es Erinnerungen, die ich feſthalten möchte und die ich, grade weil das Gedächtniß nicht zuverläſſig iſt, dem Papiere vertrauen will, das ſie mir aufbewahren ſoll, damit ich in ſtillen Stunden an dem Schatze dieſer Erin⸗ nerungen zehren könne.

Ich mache den Anfang mit einer Begebenheit, welche im Vordergrunde meiner Seele ſteht und mich mit allem Glück und allem Schmerz vertraut gemacht hat, welchen das menſchliche Herz zu empfinden vermag. Indem ich ſie dem Papiere übergebe, wird jeder einzelne Umſtand noch einmal in mir wach, und ich werde das Erlebte auf die Art noch einmal durchleben; dann aber ſoll es in dem Schatze meiner Erinnerungen ruhen.

Zehn Jahre ſind es jetzt, als ich zum erſten Male dieſe kleine Stadt betrat, zehn lange Jahre! Die Ankunft des jungen Arztes war eine Begebenheit für den Ort, die Ge⸗ ſtaltung ſeiner Lebensverhältniſſe das Geſpräch des Tages.

zur ſelten noch über unſere Feldmark hinaus, und geſchieht Erſt nach und nach gewöhnten ſich die Menſchen daran

, ſo begleitet kein Wunſch mehr den Gedanten ihm zu ilgen. Die Gewohnheit hat mich mit meiner Lage aus⸗ gſöhnt. Dem Manne ſteht die Welt offen, ſagt man. Und doch (ſauch er an die Scholle gebunden und muß ſeinem er⸗ niplten Berufe folgen, ſobald ſeine Eltern ihm kein Ver⸗ kögen hinterlaſſen können. Die meinigen vermochten es lun mich während der Jahre zu erhalten, wo ich meinen Studien oblag; ich mußte alſo gleich darauf mich umſehen, voſch einen Ort finde, der noch nicht ſo ſehr von Aerzten ihichäuft, um einem jungen Mediciner einige Praxis zu giſtatten. Ihr goldenen Träume, mit denen der Jüngling fch gewiegt, was ward aus euch, als ich mir dieſe Feſſeln ſiniedete! Paris und Wien, mit ihren Hoſpitälern und dtzlichen Schulen, ſollte ich jetzt nimmer ſehen. Meinem Wäterſtreben war jede Bahn verſchloſſen. O! Es gibt in enſchlichen Daſein oft ein Muß, dem wir uns ſchwerer witerwerfen, als Philoſophen und Gottesgelehrte ſich träu⸗ nen laſſen. Es iſt das Capitel verfehlter Exiſtenzen, Sgrabener Talente, mit dem Schickſale hadernder Ge⸗ nüther!

Zum Glücke für mich habe ich Aitre ſind es, als ich zum erſten Sttat. Zehn lange Jahre! nüp fen ſich an dieſe Zeit!

dan Laſſe ich vor meinem Auge die Vergangenheit vorüber then, ſo beſteht ſie aus Bildern, welche zerfließen, ſobald

jetzt ausgegrollt. Zehn Male dieſen kleinen Ort Und welche Erinnerungen

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mich wie ein Glied ihres geſellſchaftlichen Kreiſes zu be⸗

trachten, vas zu ihnen gehörte, wie einen Bruder oder ſon⸗ ſtigen Verwandten, und nun überließ man mich mir ſelbſt. Die Müttter hatten Anfangs darauf gedacht mich mit einer Tochter zu verheirathen; als ſich aber das Gerücht verbreitete, daß mich eine Schülerliebe feſſele, bedauerte man mich und gab mich auf. Sobald meine kleine Praxis es mir geſtattete, löſte ich mein Verſprechen; nicht die Neigung, ſondern allein die Pflicht führte mich an den Altar. Im Laufe eines Jahres wurde ich Gatte, Vater, Witwer und ſtand nun wieder allein da. Das kaum ge⸗ gründete Familienleben war ſo plötzlich und ſo ſchnell zer⸗ riſſen, daß ich es wie einen Traum betrachtete, und nur das Kind, das mir geblieben, rief mir meinen Verluſt zu⸗ rück. Meine älteſte Schweſter zog zu mir und übernahm bei der Kleinen Mutterſtelle, und die Wiſſenſchaft und meine Praxis füllten meine Zeit aus. Mein Ehrgeiz war immer noch rege, ich wünſchte mich als ſchriftſtellernder Arzt aus⸗ zuzeichnen, las alle neuen mediciniſchen Schriften und ſandte ſelbſt Beiträge an verſchiedene Blätter. Mein Standpunkt war der der neuen mediciniſchen Schule, ich verwarf Homöopathie und Allopathie und wollte die Na⸗ tur zum alleinigen Arzte erheben. Ich kochte mit meinen Patientinnen, lehrte ihnen allerlei über die Ernährung und begehrte von ihnen, daß ſie Einſicht in die Beſchaffenheit des eigenen Körpers bekämen. Sie hörten mir zu; doch bemerkte ich wohl, daß ich einen unfruchtbaren Boden eulti⸗