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Novellen⸗ Zeitung.
(IV. Jahrg.
herrſchte ſchon ein ungewöhnlich reges Leben. Hier und da hatten ſich bald kleinere, bald größere Gruppen von Menſchen gebildet, die eifrig mit einander ſprachen. An⸗ dere liefen ab und zu, die Fenſter der untern Stockwerke waren zum Theil mit neugierigen Fragern beſetzt, und manches verſchlafene Geſicht ſchaute noch zwiſchen hindurch, zweifelhaft, ob es träume oder wache. Irgend ein Ereig⸗ niß mußte die Gemüther bereits in früher Morgenſtunde in lebhafte Bewegung ſetzen. Emil ſcheute ſich faſt zum Fen⸗ ſter hinaus zu blicken und den Grund jener Bewegung zu beobachten. Es wollte ihn immer bedünken, als ob die Unruhe dort unten mit ſeinem eigenen Schickſale zu⸗ ſammenhinge, als müßten die Leute zu ihm heraufblicken, mit Fingern auf ihn weiſen und ſich zuflüſtern:„Seht, das iſt er dort oben, dem ſeine Frau entlaufen iſt, weil er ſie mißhandelt hat!“
Aber ſeine Neugierde, oder war es innere Ungeduld, ſiegte dennoch. Er ſtellte ſich da, wo er am wenigſten be⸗ merkt werden konnte, an das Fenſter und lauſchte, was es eigentlich gäbe. Jetzt hörte er deutlich, wie ſie ſagten, daß ein Menſch im Canale verunglückt ſei und gleich hier vor⸗ bei gebracht werden würde. Man äußerte viel Mitleid und Bedauern.„Die arme Frau!“— hörte er ſagen; —„noch ſo jung und ſolch ein Ende!“— Wie zitterte Emil, als er dieſe verhängnißvollen Worte vernahm! Gleich einem Sünder ſtand er da, der ſeinem Todesur⸗ theile aus dem Munde des Richters entgegen ſieht, denn ein gräßliches Bild ſtieg vor ſeiner Seele auf, ein Bild, das alle ſeine Glieder lähmte und ihn regungslos an dieſe Stelle feſſelte. Und weiter hörte er ſagen:„Es iſt ein harter, roher Mann, der ſeine Frau vom Anfang an ſchlecht gehalten und ſie erſt geſtern wieder erbarmungslos geſchla⸗ gen hat. Da kommen ſie!“—
Emil athmete neu auf, aber er empfand die tief ein⸗ ſchneidende Lehre dieſes marternden Augenblicks. Ge⸗ ſchlagen hatte er ſein Weib freilich nicht, aber ſind die Miß⸗
handlungen der Liebloſigkeit ein Beſſeres? Und als ſie un⸗ ten die Leiche der jungen Arbeitersfrau, die ihrem Leben im Canale freiwillig ein Ende gemacht, vorübergetragen hatten, um ſie in einem öffentlichen Gebäude unterzu⸗ bringen— denn der ehrenhafte Mann, welcher in derſel⸗ ben Straße mit Emil wohnte, verweigerte die Aufnahme ſeiner Frau, der Selbſtmörderin,— da warf ſich Emil erſchüttert auf ſein Lager und verwünſchte die unſe⸗ lige Verkehrtheit ſeines Herzens, die ihn beſitzend wie nicht beſitzend hatte darben laſſen.
Doch es galt zu handeln, dieſer unthätige Schmerz brachte ihn keinen Schritt dem Ziele näher. Und da für das Erſte der Weg zu Helene abgeſchnitten ſchien, ſo ſuchte er Emil Frank auf, ſeinen einzigen Vertrauten in dieſer Stadt.
Frank war in vielen Stücken ein Original. Techniker von Beruf und äußerlich ſehr wohl geſtellt, war er, obſchon hoch in den Dreißigen vorgerückt, bis jetzt Junggeſell ge⸗ blieben und führte als ſolcher grundſätzlichen Krieg wider den Eheſtand, nicht weil er die Feſſeln der Familie haßte, ſondern weil er ſich und den meiſten Männern, wie ſie nun einmal geartet waren, die Fähigkeit und die Kraft abſprach jene Feſſeln geduldig und aufopfernd zu tragen. Frank verachtete die Menſchen und machte ſich kein Gewiſſen dar⸗ aus mit ihnen ſein Spiel zu treiben, Männer wie Frauen.
Mir. 20.]
„Ich be uühſt. Die; ſiochologiſch Plorten erzi aune ſie ja, ine Frau, finau iſt in Worte wie o ſur Ferne ke manden Ein ganß ſich die ſicent eine Le Dich ſelbſt Wark' es de belbſt zurück. „Du ſa⸗ ſatletzt,„a uund Du ma ſich über Lir neiben. B ſuß ich mie ſdaher als: luber erſpa
(Wort.“
Fran
Wen er aber einmal Freund nannte, wie Emil, der konnte nicht nur auf ſeine rückſichtsloſe Offenheit, ſondern in ge⸗
üſſpannte; von Theil
wiſſer Hinſicht auch auf ſeinen kräftigen Beiſtand rechnen e Do
Man mochte über Frank urtheiten wie man wollte: eime ſtrenge Folgerichtigkeit ſeines ganzen Weſens und eine un⸗ erbittliche Härte, gegen ſich ſelbſt wie gegen Andere, mußte man ihm anerkennend zugeſtehen.
Als Emil dem Freunde, der übrigens manche Vor⸗ gänge ſchon kannte, den ganzen Verlauf der Dinge mitge⸗ theilt hatte, ſchüttelte dieſer mit faſt verächtlichem Lächeln den Kopf und ſagte mit großer Beſtimmtheit:
Menſchenvogels, des Oſſifrago, ſind, wie bei gewiſſen Stamm⸗ gäſten in alten Wirthshäuſern— Markknochen. Der Oſſifrago nimmt ſie hoch mit in die Luft, läßt ſie dann auf Felſen fallen, damit ſie zerbrechen, und ſaugt das Mark heraus. Der Pelikan ſcheint bei weitem kein ſo gutes Thier, als man glaubt. Die weiten Nil⸗Ebenen bewohnend, benimmt er ſich ſehr grauſam gegen ſeine Jungen, ehe er ſein Blut für ſie gibt. Unſer Naturforſcher ver⸗ ſichert, die jungen Pelikane ſchlügen, wenn ſie wachſen, ihre Eltern ins Geſicht. Die aufgebrachten Eltern geben die Schläge zurück und tödten die Jungen. Dann trauern ſie drei Tage. Am dritten Tage ſchlägt ſich die Pelikanmutter an die Rippe, öffnet ſelbſt ihre eine Seite, beugt ſich über ihre todten Kleinen und läßt ihr Blut auf ſie fließen. Dadurch kommen ſie wieder zum Leben, und wenn ſie nicht geſtorben ſind— würde Muſäus hinzufügen— ſo leben ſie noch. Der Piralis iſt eine vierfüßige Fliege(die Fliege iſt na⸗ türlich auch ein Vogel), welche aus dem Ofenfeuer entſteht. Por⸗ phyrio heißt ein zweibeiniger Vogel, der halb im Waſſer, halb auf dem Lande lebt und an einem Fuße freie Krallen, am andern Klauen mit Schwimmhäuten hat. Von den Vögeln zu den Fiſchen übergehend, bemerken wir, daß die Phantaſie des alten Natur⸗ forſchers gar keine Grenzen mehr kennt. Es gibt Seepferde, See⸗ löwen, Seehaſen(furchtbar giftig), Seewölfe, Seeſchweine, See⸗ heuſchrecken und viele ähnliche Thiere, die alle in dem Buche mit Schuppen und Floſſen abgebildet ſind, als wirkliche Pferde, Löwen, Haſen, Wölfe, Schweine und Heuſchrecken. Da gab es den Chei⸗ lon, der einen Menſchenkopf hatte und frugal von nichts Anderem als ſeiner eigenen klebrigen Feuchtigkeit lebte.— Balena, nicht ganz wie der Wallſiſch und ſehr grauſam gegen ſein Weibchen. Ferner dürfen die Delphine nicht vergeſſen werden, welche mit *
ihren Säuglingen an der Bruſt herumſchwimmen und die Augen an den Schulterblättern haben. Sie graben Gräber für ihre ver⸗ ſtorbenen Verwandten, folgen ihnen in langen Trauerzügen und begraben ſie in unterſeeiſchen Kirchhöfen, weit von den Fiſchen weg. Ein anderer wunderbarer Meerbewohner iſt der Dios mit zwei Flügeln und zwei Beinen, im ausgewachſenen Zuſtande nul einen Tag lebend; dann der Phoca oder Seeochſe, ein abſcheuliches Thier, das fortwährend mit ſeinem Weibchen kämpft, bis es daſ⸗ ſelbe tödtet. Immer auf demſelben Flecke bleibend, nachdem er ein Weib getödtet, verfügt er über ihren Körper und nimmt eine andere. Er ſpielt auf dieſe Weiſe Heinrich VIII., bis er ſelbſt ſtirbt oder ein Weibchen findet, das ihm überlegen iſt. Wir haben ge⸗ nug geleſen, um uns nicht darüber zu wundern, wenn wir die Re⸗ reiden vollſtändig als Fiſche betrachtet wiederfinden, eben ſo di Scylla und die Sirenen. Von letzteren handelnd, berührt unße Zoolog die Anſicht Iſidors, daß die Erzählung von den Sirenan eine Fabel von trügeriſchen Frauen ſei, aber nur, um dieſe An ſicht mit der Autorität der Philoſophen und frommer Leute dr bekämpfen, welche ſie ſtets als echte Seeungeheuer betrachten. 1 Fiſch Zitiron trug ein Ritterſchild vor ſeiner Bruſt und hain einen Kopf wie ein Ritter mit Helm und geſchloſſenem Viſir. u ungeheures Thier war der Zedeuſus. Er hatte ſo große Arten daß man ſie als Bauholz und bei Fortificationen als Palliſaden verwandte. Schmerzlich vermißt man bei dieſer vollſtändigen uan intereſſanten Naturgeſchichte die große Seeſchlange, die wirda mehr in unſerer Zeit aufzutauchen pflegt, und das reizende, 1 mals noch ganz unbekannte und jetzt ſo häufig vorkommen Thier: die Zeitungsente.
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